Das Schleiertüchlein (Hermann von Sachsenheim) (B226)

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Das Schleiertüchlein

AutorIn Hermann von Sachsenheim
Entstehungszeit Nach 1453
Entstehungsort
AuftraggeberIn
Überlieferung Heidelberg, Universitätsbibliothek: Cpg 313, 121r-155r
London, British Library: MS Add. 10010, 109r-143r
Prag, Nationalmuseum: Cod. X A 12, 180v-181v
Ausgaben
Übersetzungen
Forschung Malm, Mike: Hermann von Sachsenheim; Klingner, Jacob/Lieb, Ludger: Handbuch Minnereden, S. 310-313

Inhalt

A Prolog (1–49)

Der Sprecher klagt die allmächtige Minne an, die schon Adam durch Eva zu Fall gebracht habe. Ein Katalog berühmter Minnetoren – David, Samson, Salomo, Absalom – belegt ihre unbezwingbare Macht; weder Beredsamkeit noch Schnelligkeit schützen vor ihr. Nach Bildern von Schiffahrt und Glücksrad wendet sich der Sprecher an Frauen und Männer und kündigt eine kürzlich erlebte Geschichte an.

B Spaziergangseinleitung und Gespräch mit dem Jüngling (50–263)

Auf einem Waldspaziergang gelangt der Sprecher über einen verborgenen Steig zu einem idyllischen Ort, wo ein junger Ritter mit gelben Sporen in heftigem Liebesschmerz klagt. Der Sprecher stärkt ihn und vergleicht ihn mit Parzival, ohne jedoch zu kämpfen. Der Jüngling begrüßt ihn überschwänglich mit Naturvergleichen und deutet sein Leid durch zahlreiche literarische Exempla an, ohne es klar zu benennen. Der Sprecher mahnt zur Fassung und bittet um offene Rede. Der Jüngling versteht die literarischen Anspielungen nicht, betont aber sein Vertrauen und verlangt Verschwiegenheit. Dann zeigt er ein Elfenbeinkästchen mit einem blutbefleckten Seidentuch und fällt in Ohnmacht. Der Sprecher tadelt seine Todesabsicht und zweifelt am „Heiltum“.

C Geschichte des Jünglings I: Übergabe des Tuches (264–807)

Der Jüngling beginnt seine lange Minnegeschichte: Das Tuch habe er von seiner Dame erhalten, die ihn zur Pilgerfahrt ins Heilige Land verpflichtete, um die Klaffer zum Schweigen zu bringen. Ein Liedbrief führte zu einem letzten Treffen, bei dem er ihr Treue schwor und sie ihm eine ritterliche Lehrrede hielt. Danach stach sie sich mit einer Nadel in die Brust und tränkte ein weißes Tuch mit ihrem Blut. Erst jetzt zeigt sich der Sprecher beeindruckt. Es folgt die genaue Schilderung der Übergabe des Tüchleins und ein Gespräch mit der Magd, die er der Nachlässigkeit bezichtigt. Unter gegenseitigen Treuebeteuerungen verabschieden sich die Liebenden. Für den Jüngling wird das Tuch zum lebensspendenden Gral. Der Sprecher verlangt nun den Bericht der Pilgerfahrt.

D Geschichte des Jünglings II: Pilgerfahrt (808–1619)

Der Jüngling schildert eine äußerst detaillierte Reise: Über Venedig, Zypern und Rhodos gerieten sie in einen Sturm, den er nur durch Anrufung der Kraft des Tüchleins überstanden habe – was der Sprecher als Götzendienst tadelt. Fünf Tagesreisen vor Jerusalem gingen sie an Land und schlossen sich einem griechisch‑orthodoxen Edelmann an. Sie besuchten Bethlehem, Jerusalem, den Ölberg und Nazareth, stiegen in der Taverne „Zum Stern“ ab und erreichten das Heilige Grab, wo der Jüngling in einer feierlichen Zeremonie zum Ritter geschlagen wurde. Seine Gedanken galten jedoch nicht Christus, sondern dem Blut seiner Dame. Weitere Besichtigungen folgten; politische Umstände verhinderten manche Ziele. Den Winter verbrachten sie in Jerusalem und hielten ihre Eindrücke schriftlich fest. Seine Sorge, der Dame nicht zu genügen, wurde durch Hinweise auf einen nahen Kriegszug Friedrichs besänftigt. Schließlich reiste er über Meran nach Innsbruck, wo Herzog Sigismund ihn ausstattete und ihm Geleit bis nach Schwaben gab.

E Geschichte des Jünglings III: Rückkehr (1620–1845)

Zu Hause erfährt er vom Tod seiner Geliebten. Seine Mutter tröstet ihn und spricht mit ihm anhand höfischer Romane über seinen Schmerz, ohne dass er ihre Identität preisgibt. Am Ende dankt er dem Sprecher, der ihn vor dem Tod bewahrt habe.

F Ende (1846–1984)

Der Sprecher macht dem Jüngling Mut und lädt ihn zu sich ein. Dieser lehnt ab, da er zu einem Fest müsse, wo vier Knechte – darunter ein getaufter Heide – auf ihn warteten. Er lädt den Sprecher seinerseits ein, doch dieser schlägt aus. Mit der Ankunft der Knechte endet die Erzählung, und beide trennen sich ehrerbietig. Eine geistliche Schlussformel beschließt den Text.

(Ausführliche Inhaltszusammenfassung bei Klingner, Jacob/Lieb, Ludger: Handbuch Minnereden, S. 310-313)