Der gläserne Saal (B493)

Aus Brevitas Wiki
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Der gläserne Saal (B493)

AutorIn Anon.
Entstehungszeit Überlieferung ab 1405-1408
Entstehungsort
AuftraggeberIn
Überlieferung Brüssel, Koninklijke Bibliotheek: 15589-623, 73ra-74ra
Ausgaben
Übersetzungen
Forschung Klingner, Jakob: Der gläserne Saal; Klingner, Jacob/Lieb, Ludger: Handbuch Minnereden, Band 1, S. 923-925

Inhalt

A Spaziergangseinleitung (1–36)

Der Sprecher wandert im Mai durch einen Wald und entdeckt an einem Fluss einen gläsernen Saal, in den ihn der Gesang einer Nachtigall lockt. Im Inneren findet er gedeckte Tische, aber keine Menschen. Draußen sieht er zahlreiche festlich gekleidete Ritter, Knappen und Frauen. Im Wald beobachtet er spielende Tiere und hört Vogelgesang. Besonders auffällig ist die Jagd auf Klaffer und Lästerer, die das höfische Beisammensein stören; diese Jagd erfreut die Damen.

B Die sechs allegorischen Damen (37–112)

Im Schatten eines Baumes sieht der Sprecher sechs ungewöhnlich gekleidete Frauen. Ihm wird erklärt, dass es sich um Personifikationen handelt: Treue in Schwarz, die um ihre verlorenen Freunde trauert; Ehre in Gold, die Trost spendet und auf Gottes Macht verweist; Reinheit in Weiß, Maria gewidmet; Staete in Blau, die von ihren Wohltaten spricht; Venus in Rot, die Freude bringt, aber auch in der Schrift getadelt wird; und Huote in Grün, die mit einem Richterstab die Zehn Gebote durchsetzt. Gemeinsam klagen sie über Neider und Lästerer, die ihnen schaden und vielen Menschen Unheil zufügen.

C Gestörte Festgesellschaft der höfisch Liebenden (113–164)

Die sechs Damen betreten mit Rittern und Frauen den gläsernen Palast, um dort ihre jeweiligen Aufgaben zu erfüllen. Huote kontrolliert den Einlass, Treue sorgt für Schutz vor Klaffern, Ehre leitet die Zeremonie, Reinheit verteilt Brot, Staete sorgt für Speisen und Getränke, Venus überwacht das Fest. Plötzlich bricht ein Neider ein Loch in die Wand und ruft, dass man Klaffer nicht ausschließen könne, da sie überall seien. Entsetzen breitet sich aus, und Ehre beendet das Fest mit dem Hinweis, dass Gott alle Herzen kennt.

D Warnung der Nachtigall (165–195)

Die Nachtigall warnt, dass sich noch immer Neider und Klaffer im Saal befinden, die Ehre nicht erkannt hat. Sie beklagt, dass Verräter oft edel erscheinen und mit schönen Worten täuschen, während sie heimlich Schaden zufügen. Deshalb rät sie Männern und Frauen, sich vor solchen Menschen zu hüten. Bedauernd fügt sie hinzu, dass sie ungern ein Fest stört, das sie sonst mit ihrem Gesang begleitet. Die Frauen verlassen daraufhin den Ort und zerstören den Palast.

E Schluss (196–204)

Der Sprecher bittet Gott um Schutz für alle. Das Geschehen soll als Beispiel verstanden werden: Viele höfische Feste seien durch mangelnde Treue zerstört worden. Kein Hof könne bestehen, wenn falsches Spiel herrsche und die sechs Tugenden verstoßen würden.

(Ausführliche Inhaltsangabe bei Klingner, Jacob/Lieb, Ludger: Handbuch Minnereden, Band 1, S. 923-925)