Die höchste Minnetugend (Z56)
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Die höchste Minnetugend (Z56) | |
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| AutorIn | Anon. |
| Entstehungszeit | Überlieferung 1405-1408 |
| Entstehungsort | |
| AuftraggeberIn | |
| Überlieferung | Brüssel, KBR: 15589-623, 101rb-102vb |
| Ausgaben | |
| Übersetzungen | |
| Forschung | Klingner, Jacob/Lieb, Ludger: Handbuch Minnereden, Band 1, S. 1052-1054 |
Inhalt
A Prolog (1–19)
Der Sprecher reflektiert über Anlass und Nutzen seines Dichtens. Zwar bringe ihm das Schreiben wenig Gewinn, doch könne er es nicht lassen, da es ein guter Zeitvertreib sei. In einem Bescheidenheitstopos betont er die Begrenztheit seines Verstandes und kündigt seine Exempelgeschichte an. Wer sie zu deuten wisse, solle zuhören. Er klagt über die verkehrte Welt und den Niedergang höfischer Lebensformen, in denen Worte die Werke verdrängt haben.
B Hoffest (20–50)
Der Sprecher berichtet von einer Aventiure: Ein tugendhafter Ritter besucht ein prächtiges, vierzigtägiges Hoffest, bei dem Herolde und Spielleute auftreten und jeder Ritter von einer Dame begleitet wird. Der Ritter verliebt sich heftig in eine besonders schöne Frau, ist jedoch so überwältigt, dass er kaum weiß, wie er sich verhalten soll. Nach langem inneren Ringen entschließt er sich, ihr seine Liebe zu gestehen.
C Gespräch (51–110)
Der Ritter tritt an die Dame heran, beide begrüßen sich höfisch. Er erklärt, seine Liebe nicht länger verbergen zu können. Die Dame antwortet freundlich und versichert, er werde an ihr nur Tugend, Rat und Freude finden, wolle jedoch ihrem Ehemann treu bleiben. Sie wünscht ihm alles Gute und stellt ihm eine Frage, die sie seit Langem beschäftigt: Was sei das höchste Gut vor Gott und der Welt? Er solle darüber gründlich nachdenken und sie später am Brunnen hinter ihrem Hof treffen. Der Ritter möchte sofort antworten, doch sie besteht auf einer Frist von vierzehn Tagen. Er akzeptiert und reitet nach dem Fest fort.
D Rat der Nichte (111–168)
Auf dem Weg denkt der Ritter über die Frage nach und schwankt zwischen Demut und Minne als höchstem Gut. Da er sich nicht entscheiden kann, sucht er seine kluge Nichte auf. Sie erkennt die Bedeutung der Frage und erklärt, dass „Scham“ (scamelheit) das höchste Gut sei: Sie bringe Demut und Liebe hervor, schütze vor Schande und Spott, mache keusch, tapfer und ehrenvoll. Der Ritter dankt ihr und reitet weiter.
E Antwort und Liebesbegegnung (169–262)
Am vereinbarten Tag erscheint der Ritter zuerst am Brunnen. Als die Dame kommt, bewundert er ihre Schönheit; sie gesteht, sich nach ihm gesehnt zu haben und heimlich ihren schlafenden Ehemann verlassen zu haben. Auf ihre Frage antwortet er, dass scamelheit das höchste Gut sei. Erfreut erklärt sie sich bereit, ihm ihre Minne zu gewähren. Sie umarmen sich und küssen sich. Doch als der Ritter zu weit geht und die Liebesvereinigung erwartet, erkennt die Dame, dass er seine eigene Lehre missachtet. Sie mahnt ihn zur Besonnenheit und erklärt, dass sie ihre Ehre, die ihres Mannes und ihrer Söhne nicht gefährden könne. Beide müssten der scamelheit folgen. Der Ritter erkennt seinen Fehler und schämt sich. Die Dame erklärt, sie wolle ihm untertan sein, um ihn zur scamelheit zu führen, da dies die edelste Tugend sei. Sie empfiehlt ihn Gott und scheidet von ihm.
Mit ihren Worten beschließt der Sprecher seine Erzählung.
(Ausführliche Inhaltsangabe bei Klingner, Jacob/Lieb, Ludger: Handbuch Minnereden, Band 1, S. 1052-1054)