Frau Minne warnt vor Lügen (B333)

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Frau Minne warnt vor Lügen (B333)

AutorIn Anon.
Entstehungszeit Vor Mitte 14. Jhd.
Entstehungsort
AuftraggeberIn
Überlieferung Straßburg, Stadtbibliothek: Cod. A 94 (1870 verbrannt), 12ra-13rb
Ausgaben
Übersetzungen
Forschung Klingner, Jacob: Frau Minne warnt vor Lügen; Klingner, Jacob/Lieb, Ludger: Handbuch Minnereden, S. 507f.

Inhalt

A Beschreibung der Frau Minne (1–71)

Ein alter Sprecher sieht Frau Minne und beschreibt sie ausführlich nach dem klassischen a capite ad calcem-Schema: blonde, gelockte, schulterlange Haare mit einem gold‑ und edelsteinbesetzten Kranz; kleine runde Ohren; wohlgeformte Augen, Brauen, Stirn und ein mund wie zwei Rosenblätter; Wangen und elfenbeinweiße Zähne; ein schöner Hals. Sie sei ungleich edler als Belakane, die „schwarze Königin“ aus Parzival, die als Diebin der Liebe dargestellt wird. Unter ihrem seidenen Kleid zeichnen sich ihre Brüste ab; der Sprecher gesteht, er würde sie gern berühren, fürchtet aber harte Strafe. Ihr Körper ist aufrecht, die Hüfte geschmeidig wie ein zum Sprung bereiter Hase. An den kleinen Füßen trägt sie feine Schuhe. Durch einen Spalt erblickt der Sprecher ihre weißen Beine, was ihn erfreut.

B Gespräch und Vorwürfe (72–169)

Frau Minne sieht ihn zornig an und verweigert den Gruß. Auf seine Frage nach dem Grund folgt ein langer Katalog von Vorwürfen, die sich auf seine dichterische Tätigkeit beziehen: Er habe sie mit seinem „Tand“ verärgert, seine Lügen hätten sie verwirrt wie das Summen einer Biene im Ohr. Er bilde sich ein, aus wertlosem Stoff „arabisches Gold“ machen zu können, doch das sei unmöglich. Durch sein Lügengerede habe er sogar ihren Diener verdorben. Er vergleiche tugendlose Männer mit Parzival oder behaupte, jemand sei tapferer als Wigalois, obwohl sie dessen Tücken kenne. Mit solchen Lügen bringe er Männer dazu zu glauben, sie verdienten Lob. Ein höfischer Mann müsse beständiger und erfolgreicher sein, um ihre Gunst zu gewinnen. Sie kenne das Verhalten der Männer seit hundert Jahren; ihr kleiner Finger sage ihr genug. Auf seine Nachfrage, wen sie meine, antwortet sie ausweichend: denselben wie er. Dann fordert sie ihn auf, seine Lügen zu lassen – er sei schließlich ein alter Mann. Er solle nur loben, wenn sein Lob Zustimmung finde; tobe er mit übertriebenem Lob, entwerte er sich selbst. Der Sprecher bittet um Verzeihung und schwört bei den Heiligen, künftig nur noch tapfere Männer zu loben und über Feiglinge zu schweigen. Frau Minne nimmt den Schwur an, mahnt ihn aber, nicht rückfällig zu werden. Der Sprecher verspricht Besserung und verabschiedet sich erleichtert.

(Ausführliche Inhaltszusammenfassung bei Klingner, Jacob/Lieb, Ludger: Handbuch Minnereden, S. 507f.)