Rat eines alten Mütterchens (B207)

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Rat eines alten Mütterchens (B207)

AutorIn Anon.
Entstehungszeit Überlieferung um 1530
Entstehungsort
AuftraggeberIn
Überlieferung Berlin, Staatsbibliothek: Mgf 488, 389r-394v
Ausgaben Dorobantu, Julia/Klingner, Jacob/Lieb, Ludger (Hg.): Minnereden, S. 149-158
Übersetzungen
Forschung Klingner, Jacob: Rat eines alten Mütterchens; Klingner, Jacob/Lieb, Ludger: Handbuch Minnereden, S. 267-269

Inhalt

A Spaziergangseinleitung (1–32)

Der Sprecher erinnert sich an ein Erlebnis im Mai, wenn man sich traditionell der Freude hingibt. Auch er geht spazieren und trifft in einem Garten auf eine höfische Gesellschaft. Als er eintreten will, ist er – wie so oft vom Unglück verfolgt – zu spät: Alle haben bereits einen Partner gefunden. Für ihn bleibt nur ein altes Mütterchen, zu dem er sich setzt. Am liebsten wäre er wieder gegangen, doch traurige Gedanken überkommen ihn und lassen ihn seufzen.

B Gespräch (33–208)

Die alte Frau spricht ihn wegen seines Seufzens an, und es entwickelt sich ein dialogischer Austausch. Zunächst vermutet sie eine vorübergehende, dann eine endgültige Trennung. Der Sprecher erklärt, dass ihm jede Hoffnung fehle. Auf ihre Frage nach Untreue betont er seine eigene Treue, auch wenn ihm nur Treulosigkeit begegnet sei. Sie ermutigt ihn, nicht zu verzweifeln. Er klagt über Männer, die sich von „Frau Schande“ Ehre und Lohn erbitten und ehrbare Frauen in Verruf bringen; sie entgegnet, dass es schlimm um die Frauen stünde, wenn Männer all ihre Wünsche durchsetzen könnten. Der Sprecher fühlt sich als Narr, die Frau mahnt ihn zur Vorsicht vor Untreue. Er schämt sich, farblos zu sein, während andere glänzen; sie rät ihm, seine Vorliebe für Farben in der Kirche auszuleben, denn äußere Farbe bedeute wenig. Er gesteht seine Einsamkeit, sie warnt davor, seine Freiheit zu verkaufen. Er hält dagegen, dass „rechte Liebe“ den Willen nicht bedrohe. Sie wünscht ihm Glück und mahnt erneut zur Treue. Er beklagt sein fehlendes Glück; sie erkennt dessen Macht an, betont aber, dass Treue das höchste Gut sei. Er bekennt sich zur Treue, klagt jedoch, dass niemand ihm treu sei. Sie hebt Besonnenheit, Freiheit, Heiterkeit und Hoffnung als Wege zum Glück hervor. Er fürchtet, seine Hoffnung bleibe unerfüllt. Sie nennt Klugheit und sprachliche Gewandtheit als Voraussetzungen für Erfolg und rät ihm, seine höfischen Fähigkeiten zu versuchen. Er gesteht, Worte und Melodien vergessen zu haben, und verweist auf ungeschickte Männer, die dennoch Glück hätten. Sie entgegnet, dass viele für solches Glück teuer bezahlen müssten; wer ohne Verstand spiele, werde im Schach leicht geschlagen. Der Sprecher resigniert: Weder das Glück der Verständigen noch das der Unverständigen sei ihm vergönnt. Auf ihre Frage nach seinem Frauendienst berichtet er von überjährigem, unbelohntem Werben; die Geliebte habe jede Beziehung abgelehnt. Die Frau deutet dies als Tugendprobe: Frauen machten sich rar, und wer bereit sei, „zu zahlen“, erhalte eine kleine Gegenleistung. Er habe damals nicht weiter nachgehakt; sie empfiehlt jedoch beharrliches Bitten. Er glaubt nicht, dass Liebe durch Worte zu gewinnen sei; sie hält dagegen, dass treuer Dienst Lohn erwarten dürfe. Auf seine Bitte um Belehrung wiederholt sie die Mahnung zur Treue und gibt ihm zwei Lehren: Verschwiegenheit, Verehrung aller Damen und Treue zum eigenen Wort; sowie Gehorsam und Bitten zur rechten Zeit. Der Sprecher dankt und erneuert seine Dienstbereitschaft. Die Frau verabschiedet sich, da die übrigen Damen aufbrechen.

(Ausführliche Inhaltszusammenfassung bei Klingner, Jacob/Lieb, Ludger: Handbuch Minnereden, S. 267-169)