Scheidsamen (B55)

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Scheidsamen (B55)

AutorIn Anon.
Entstehungszeit Vor 1348
Entstehungsort
AuftraggeberIn
Überlieferung Karlsruhe, Landesbibliothek: Hs. Donaueschingen 104, 98va-99va
München, Bayerische Staatsbibliothek: Cgm 717, 116r-117v
München, Bayerische Staatsbibliothek: Cgm 5919, 198v-202r
Ausgaben
Übersetzungen
Forschung Klingner, Jacob: Scheidsamen; Klingner, Jacob/Lieb, Ludger: Handbuch Minnereden, S. 99-101

Inhalt

A Allegorisches Rätsel (1–37):

Der Sprecher eröffnet mit rätselhaften Paradoxien: Ein „Ich und ein Ich“ seien zugleich eins und zwei gewesen, ununterscheidbar trotz verschiedener Namen. Alles – Ja und Nein, Liebe und Leid, Glück und Unglück – galt ihnen gemeinsam. Doch „Frau Wandelmut“ trennte diese Einheit, ihr „Scheidsame“ ließ die Spaltung rasch wachsen: Aus einem Ich wurden zwei.

B Auflösung (38–101):

Der Sprecher erklärt sein Rätsel: Das „eine Ich“ war er selbst, das „andere Ich“ die Geliebte – einst vereint in Herz, Wille und Denken. Doch die Unbeständigkeit zerstörte dieses Band, bis die Frau ihm Gnade, Herz, Treue und Leben entzog. Aus Einheit wurde Gegensätzlichkeit: sein Ja ihr Nein, sein Leid ihre Freude. Nun sei er ihr verhasst, ein Dorn in ihren Augen, dessen bloßer Name sie erbleichen lasse.

C Klage über Liebesleid (102–150):

Der Sprecher kann sein Leid nicht verschweigen und möchte ihre Untreue am liebsten unablässig hinausschreien. Er ruft Frauen und Männer, die Liebesschmerz kennen, um Rat an: Soll er sich von ihr lösen oder treu bleiben? Beides wäre verderblich – Trennung hieße Tod, ihr Hass endlose Qual. Selbst wenn man ihm riete, aufzugeben, könnte er es kaum, denn er sei völlig an sie gebunden. Zudem sei in weltlichen Dingen keine Beständigkeit zu erwarten; Liebe brauche Glück. Ein Sprichwort fasst es: Die Hilfe des Glücks und der Gruß der Fortuna stehen auf unstetem Fuß.

D Herzenstausch und -rücktausch (151–186):

Der Sprecher referiert die Meinung, dass ein Tausch der Herzen eigentlich unmöglich sei: Man könne ohne das eigene Herz nicht weiterleben. Doch habe er einen solchen Wechsel selbst erlebt: Er habe sein Herz einer Frau gegeben, und sie ihres ihm. Das sei so lange gegangen, bis es sie verdrossen habe: Sein Herz habe sie für zu groß gehalten. Darüber, dass auf diese Weise Treue mit Untreue gelohnt worden sei, wolle er schweigen. Nun sei der Wechsel rückgängig gemacht worden (nur in Ka3): Ihr Herz sei zu ihr zurückgekehrt und er habe das seine wieder an sich genommen (179f.: Sust sol jr hertz jr sin | Da by so sy min hertze min). So lange er lebe, solle sie sein Herz nicht mehr bekommen.

(Klingner, Jacob/Lieb, Ludger: Handbuch Minnereden, S. 100f.)