Der Liebesbrief (Gozold) (B213): Unterschied zwischen den Versionen

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==Inhalt==
===A Eingangsszene (1–15)===
Nach einem Segenswunsch an die Geliebte setzt die Erzählung unvermittelt ein: An einem Morgen tritt eine außergewöhnlich schöne Frau an den Sprecher heran, prächtig gekleidet, mit goldenen Locken unter der Haube, und begrüßt ihn. Ihr Anblick überwältigt ihn so sehr, dass er sich kaum zurückhalten kann, ihren langen, nackten und weichen Hals zu berühren.


===B Gespräch (16–104)===
Nach der Begrüßung erklärt die Frau offen, sie wolle lieber einen anderen Mann küssen. Der Sprecher hält das für Spott, doch sie beharrt darauf und schildert ausführlich ihr Leid über die Trennung von ihrem Geliebten. Nach außen wirke sie heiter, tatsächlich aber quälen sie Appetitlosigkeit, Schlafmangel und Schwäche. Sie bittet den Sprecher um ein Mittel gegen ihre Ohnmacht und fordert ihn auf, das brennende Herzklopfen zu prüfen. Er erkennt darin die Wirkung der Minne.
Die Frau beschreibt ihre Rastlosigkeit, lässt sich den Puls fühlen und fragt, ob Schwitzen helfen könne. Der Sprecher verneint und erkundigt sich nach weiteren Beschwerden. Sie berichtet von heftigem Herzschmerz. Er deutet alles als Liebeskrankheit. Darauf gesteht sie unvermittelt ihre heimliche Liebe zu einem jungen, außergewöhnlich schönen Mann und schildert die körperlichen Symptome, die sie beim Gedanken an ihn überfallen: Hitze und Kälte, Blässe, Röte, Taubheit des Mundes. Sie fürchtet, an dieser Liebe zugrunde zu gehen, und bittet den Sprecher, einen enthüllenden Brief an den Geliebten zu verfassen. Er zögert, doch nach einer Bitte – möglicherweise von ihr, möglicherweise von ihm selbst kommentiert – erklärt er sich bereit, ihr Diktat aufzunehmen.
===C Briefdiktat und Ohnmacht (105–138)===
Der Schreiber notiert die ersten, stark wiederholenden Liebesbekundungen und fordert weiteren Text, sofern die Frau noch bei Bewusstsein sei. Da sie nicht weiterweiß und klagt, ihr seien Sinn und Worte entschwunden, beschreibt sie erneut ihr Leid über die lange Trennung. Auf seine wiederholte Nachfrage nach ihrem Zustand reagiert sie kaum noch. Er wird ungeduldig, da er anderes zu erledigen habe. Sie bittet um eine Pause.
Verärgert wirft er die Feder hin und sieht, wie sie in Ohnmacht fällt; aus ihrem Mund scheint eine Flamme zu schlagen, die ihn völlig austrocknet. Er bedauert, das Feuer nicht gelöscht zu haben, da sie so schwer unter der Liebe leidet. Unter diesen Umständen bleibt der Brief unvollendet.
(Ausführliche Inhaltszusammenfassung bei [[Klingner, Jacob/Lieb, Ludger: Handbuch Minnereden]], S. 283f.)


[[Kategorie:Quelle Minnerede]]
[[Kategorie:Quelle Minnerede]]

Aktuelle Version vom 3. Februar 2026, 22:41 Uhr

Der Liebesbrief (B213)

AutorIn Gozold
Entstehungszeit 14. Jhd.
Entstehungsort
AuftraggeberIn
Überlieferung Heidelberg, Universitätsbibliothek: Cpg 358, 82v-85v
Prag, Knihovna Nárondniho muzea: Cod. X A 12, 47r-49r
Leipzig, Universitätsbibliothek: Ms. Apel (, 188r-190v
Berlin, Staatsbibliothek: Mgf. 488, 60r-62v
Ausgaben Dorobantu, Julia/Klingner, Jacob/Lieb, Ludger (Hg.): Minnereden, S. 358-367
Übersetzungen
Forschung Klingner, Jacob/Lieb, Ludger: Handbuch Minnereden, S. 282-284; Zapf, Volker: Gozold

Inhalt

A Eingangsszene (1–15)

Nach einem Segenswunsch an die Geliebte setzt die Erzählung unvermittelt ein: An einem Morgen tritt eine außergewöhnlich schöne Frau an den Sprecher heran, prächtig gekleidet, mit goldenen Locken unter der Haube, und begrüßt ihn. Ihr Anblick überwältigt ihn so sehr, dass er sich kaum zurückhalten kann, ihren langen, nackten und weichen Hals zu berühren.

B Gespräch (16–104)

Nach der Begrüßung erklärt die Frau offen, sie wolle lieber einen anderen Mann küssen. Der Sprecher hält das für Spott, doch sie beharrt darauf und schildert ausführlich ihr Leid über die Trennung von ihrem Geliebten. Nach außen wirke sie heiter, tatsächlich aber quälen sie Appetitlosigkeit, Schlafmangel und Schwäche. Sie bittet den Sprecher um ein Mittel gegen ihre Ohnmacht und fordert ihn auf, das brennende Herzklopfen zu prüfen. Er erkennt darin die Wirkung der Minne. Die Frau beschreibt ihre Rastlosigkeit, lässt sich den Puls fühlen und fragt, ob Schwitzen helfen könne. Der Sprecher verneint und erkundigt sich nach weiteren Beschwerden. Sie berichtet von heftigem Herzschmerz. Er deutet alles als Liebeskrankheit. Darauf gesteht sie unvermittelt ihre heimliche Liebe zu einem jungen, außergewöhnlich schönen Mann und schildert die körperlichen Symptome, die sie beim Gedanken an ihn überfallen: Hitze und Kälte, Blässe, Röte, Taubheit des Mundes. Sie fürchtet, an dieser Liebe zugrunde zu gehen, und bittet den Sprecher, einen enthüllenden Brief an den Geliebten zu verfassen. Er zögert, doch nach einer Bitte – möglicherweise von ihr, möglicherweise von ihm selbst kommentiert – erklärt er sich bereit, ihr Diktat aufzunehmen.

C Briefdiktat und Ohnmacht (105–138)

Der Schreiber notiert die ersten, stark wiederholenden Liebesbekundungen und fordert weiteren Text, sofern die Frau noch bei Bewusstsein sei. Da sie nicht weiterweiß und klagt, ihr seien Sinn und Worte entschwunden, beschreibt sie erneut ihr Leid über die lange Trennung. Auf seine wiederholte Nachfrage nach ihrem Zustand reagiert sie kaum noch. Er wird ungeduldig, da er anderes zu erledigen habe. Sie bittet um eine Pause. Verärgert wirft er die Feder hin und sieht, wie sie in Ohnmacht fällt; aus ihrem Mund scheint eine Flamme zu schlagen, die ihn völlig austrocknet. Er bedauert, das Feuer nicht gelöscht zu haben, da sie so schwer unter der Liebe leidet. Unter diesen Umständen bleibt der Brief unvollendet.

(Ausführliche Inhaltszusammenfassung bei Klingner, Jacob/Lieb, Ludger: Handbuch Minnereden, S. 283f.)