Minnegespräch (B229): Unterschied zwischen den Versionen

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==Inhalt==
===A Dialogische Minnewerbung (Str. 1–51)===
Der Liebende spricht seine Dame direkt an, preist sie überschwänglich, klagt sein Leid und bietet ihr treuen Dienst an. Sie bleibt misstrauisch, verlangt langes, beständiges Werben und zweifelt an seiner Aufrichtigkeit. Nach erneuten Treuebeteuerungen gesteht er frühere Unbeständigkeit und gelobt Besserung. Doch die Dame weist ihn scharf zurück und nennt ihn unehrlich. Er bittet sie weiterhin um Gnade, will sich belehren lassen und sich ihr völlig unterwerfen, denn keine Frau der Welt könne sie in seinem Herzen ersetzen. Sie erklärt, ihn nur dann erhören zu wollen, wenn er sich im Dienst bewährt und ihre Ehre unangetastet bleibt. Auffällig sind die vielen bildhaften Anrufungen der Dame, mit denen der Werbende seine Hingabe steigert.


===B Streitgespräch (Str. 52–62)===
Der Sprecher ruft sein Herz an, ihm zur Beständigkeit zu verhelfen. Das Herz warnt vor den Blicken, die zur Untreue verleiten könnten, und fordert Gefangenschaft in der Beständigkeit. Die personifizierten Blicke wehren sich gegen diese Fesselung und hoffen auf Unterstützung der Treue, die ihnen jedoch verweigert wird, da sie der Minne verpflichtet ist. Die Wahrheit wundert sich über den Freiheitsdrang der Blicke, die ohne das Herz nicht bestehen könnten. Schließlich unterwerfen sich die Blicke der Regel des Herzens und verzichten auf ihre Freiheit.
===C Monologische Minnereflexion (Str. 63–110)===
Der Liebende entfaltet eine vielschichtige Reflexion über Ursprung, Wesen und Wirkung der Minne: ihre Entstehung durch das Hören, die Vereinigung zweier Herzen, ihre Macht, ihre Lehre, die Spannung zwischen Minne und Unminne, das minnedingte Schweigen und den Minnedienst. Er rät davon ab, die Minne in der Ferne zu suchen, da er sie selbst nicht kenne, auch wenn sein Herz ihn zwinge, nur Gutes von ihr zu sagen. In zahlreichen Vergleichen beschreibt er seine Sehnsucht: wie ein Gefangener nach Freiheit, wie eine Turteltaube nach ihrem Gefährten, wie eine keusche Braut nach dem verlorenen Bräutigam.
===D Schönheitsbeschreibung (111–129)===
Der Sprecher preist die vollkommene Schönheit seiner Dame und vergleicht sie mehrfach mit einem Engel. Die Beschreibung folgt dem klassischen Kopf‑bis‑Fuß‑Schema: Mund, Augen, Wangen, Nase, Brauen, Haare, Grübchen, Zunge, Zähne, Hände, Kinn, Arme, Brüste, Lende, Hüfte, Füße. Nur eines beklagt er: ihre Ohren, die ihn niemals hören wollen.
===E Gespräche mit Minne, Staete, Triuwe und der Dame (130–363)===
Der Sprecher klagt über die Einseitigkeit seiner Liebe und fordert die Minne auf, Liebe mit Liebe zu vergelten. Es entspinnt sich eine umfassende Lehrrede über das Wesen der Minne, an der sich später auch Beständigkeit und Treue beteiligen. Die Minne definiert Treue als Weisheit und Sinn, erklärt ihre reinigende Kraft und ihre Fähigkeit, zwei Herzen zu tragen. Der Liebende fordert Herz und Seele zurück, doch die Minne erklärt, er gehöre ihr seit der Schöpfung. Es folgen zahlreiche topische Motive: völlige Hingabe, Minnegefangenschaft, Minnewunden, Lichtmetaphorik, religiöse Bilder, Reflexionen über Sprache und Schreiben. In die Lehrgespräche sind Werbeszenen mit der Dame eingebettet, die schließlich mit Maria verglichen wird. Nach langer Ablehnung erklärt die Dame plötzlich, sie wolle jeden Liebenden erhören, da sie wie die Jungfrau gerne liebe. Der Sprecher gesteht, seine Liebe zu ihr sei manchmal stärker als die zur Jungfrau. Beide äußern sich über rechten Minnedienst und Frauenpreis.
===F Kaiserszene und Minnelehre (Str. 364–382)===
Der Liebende ruft den „gerechten Kaiser“ an, über seine Minnesituation zu urteilen, und benennt Tugenden als Zeugen. Der Kaiser entscheidet, die Dame solle ihm ihre Liebe gewähren und in seinem Herzen wohnen. Der Sprecher dankt mit einem Segenswunsch für irdische und himmlische Krone. Dann wendet er sich an die Dame als lesende Rezipientin und fordert sie auf, über die Sprüche nachzudenken. Nach erneuter Werbung zeigt sie endlich Zuneigung. Der Text endet mit einer Reflexion über die wahre Minne, die sich zuletzt offenbart.
(Ausführliche Inhaltszusammenfassung bei [[Klingner, Jacob/Lieb, Ludger: Handbuch Minnereden]], S. 317-319)


[[Kategorie:Quelle Minnerede]]
[[Kategorie:Quelle Minnerede]]

Aktuelle Version vom 3. Februar 2026, 23:19 Uhr

Minnegespräch (B229)

AutorIn Anon.
Entstehungszeit Überlieferung ab 1. Viertel 15. Jhd.
Entstehungsort
AuftraggeberIn
Überlieferung Heidelberg, Universitätsbibliothek: Cpg 348, 1r-39r
Wien, Österreichische Nationalbibliothek: 2796, 89v-125r
Ausgaben
Übersetzungen
Forschung Klingner, Jakob: Minnegespräch; Klingner, Jacob/Lieb, Ludger: Handbuch Minnereden, S. 316-319

Inhalt

A Dialogische Minnewerbung (Str. 1–51)

Der Liebende spricht seine Dame direkt an, preist sie überschwänglich, klagt sein Leid und bietet ihr treuen Dienst an. Sie bleibt misstrauisch, verlangt langes, beständiges Werben und zweifelt an seiner Aufrichtigkeit. Nach erneuten Treuebeteuerungen gesteht er frühere Unbeständigkeit und gelobt Besserung. Doch die Dame weist ihn scharf zurück und nennt ihn unehrlich. Er bittet sie weiterhin um Gnade, will sich belehren lassen und sich ihr völlig unterwerfen, denn keine Frau der Welt könne sie in seinem Herzen ersetzen. Sie erklärt, ihn nur dann erhören zu wollen, wenn er sich im Dienst bewährt und ihre Ehre unangetastet bleibt. Auffällig sind die vielen bildhaften Anrufungen der Dame, mit denen der Werbende seine Hingabe steigert.

B Streitgespräch (Str. 52–62)

Der Sprecher ruft sein Herz an, ihm zur Beständigkeit zu verhelfen. Das Herz warnt vor den Blicken, die zur Untreue verleiten könnten, und fordert Gefangenschaft in der Beständigkeit. Die personifizierten Blicke wehren sich gegen diese Fesselung und hoffen auf Unterstützung der Treue, die ihnen jedoch verweigert wird, da sie der Minne verpflichtet ist. Die Wahrheit wundert sich über den Freiheitsdrang der Blicke, die ohne das Herz nicht bestehen könnten. Schließlich unterwerfen sich die Blicke der Regel des Herzens und verzichten auf ihre Freiheit.

C Monologische Minnereflexion (Str. 63–110)

Der Liebende entfaltet eine vielschichtige Reflexion über Ursprung, Wesen und Wirkung der Minne: ihre Entstehung durch das Hören, die Vereinigung zweier Herzen, ihre Macht, ihre Lehre, die Spannung zwischen Minne und Unminne, das minnedingte Schweigen und den Minnedienst. Er rät davon ab, die Minne in der Ferne zu suchen, da er sie selbst nicht kenne, auch wenn sein Herz ihn zwinge, nur Gutes von ihr zu sagen. In zahlreichen Vergleichen beschreibt er seine Sehnsucht: wie ein Gefangener nach Freiheit, wie eine Turteltaube nach ihrem Gefährten, wie eine keusche Braut nach dem verlorenen Bräutigam.

D Schönheitsbeschreibung (111–129)

Der Sprecher preist die vollkommene Schönheit seiner Dame und vergleicht sie mehrfach mit einem Engel. Die Beschreibung folgt dem klassischen Kopf‑bis‑Fuß‑Schema: Mund, Augen, Wangen, Nase, Brauen, Haare, Grübchen, Zunge, Zähne, Hände, Kinn, Arme, Brüste, Lende, Hüfte, Füße. Nur eines beklagt er: ihre Ohren, die ihn niemals hören wollen.

E Gespräche mit Minne, Staete, Triuwe und der Dame (130–363)

Der Sprecher klagt über die Einseitigkeit seiner Liebe und fordert die Minne auf, Liebe mit Liebe zu vergelten. Es entspinnt sich eine umfassende Lehrrede über das Wesen der Minne, an der sich später auch Beständigkeit und Treue beteiligen. Die Minne definiert Treue als Weisheit und Sinn, erklärt ihre reinigende Kraft und ihre Fähigkeit, zwei Herzen zu tragen. Der Liebende fordert Herz und Seele zurück, doch die Minne erklärt, er gehöre ihr seit der Schöpfung. Es folgen zahlreiche topische Motive: völlige Hingabe, Minnegefangenschaft, Minnewunden, Lichtmetaphorik, religiöse Bilder, Reflexionen über Sprache und Schreiben. In die Lehrgespräche sind Werbeszenen mit der Dame eingebettet, die schließlich mit Maria verglichen wird. Nach langer Ablehnung erklärt die Dame plötzlich, sie wolle jeden Liebenden erhören, da sie wie die Jungfrau gerne liebe. Der Sprecher gesteht, seine Liebe zu ihr sei manchmal stärker als die zur Jungfrau. Beide äußern sich über rechten Minnedienst und Frauenpreis.

F Kaiserszene und Minnelehre (Str. 364–382)

Der Liebende ruft den „gerechten Kaiser“ an, über seine Minnesituation zu urteilen, und benennt Tugenden als Zeugen. Der Kaiser entscheidet, die Dame solle ihm ihre Liebe gewähren und in seinem Herzen wohnen. Der Sprecher dankt mit einem Segenswunsch für irdische und himmlische Krone. Dann wendet er sich an die Dame als lesende Rezipientin und fordert sie auf, über die Sprüche nachzudenken. Nach erneuter Werbung zeigt sie endlich Zuneigung. Der Text endet mit einer Reflexion über die wahre Minne, die sich zuletzt offenbart.

(Ausführliche Inhaltszusammenfassung bei Klingner, Jacob/Lieb, Ludger: Handbuch Minnereden, S. 317-319)