Minnelehre (Johann von Konstanz) (B232)

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Minnelehre (B232)

AutorIn Johann von Konstanz
Entstehungszeit Um 1300
Entstehungsort
AuftraggeberIn
Überlieferung Dresden, Landesbibliothek: Mscr. M 68
Heidelberg, Universitätsbibliothek: Cpg 313
Karlsruhe, Landesbibliothek: Cod. Donaueschingen 77
Nelahozeves, Lobkowitzsche Bibliothek: Cod. VI Fc 26
Stuttgart, Landesbibliothek: Cod. HB XIII 1
Tübingen, Wilhelmsstift: Cod. W 331, Vorderdeckel (Leimabklatsch) und Streifen aus dem Buchrücken
Ausgaben
Übersetzungen
Forschung Lembke, Valeska: Johann von Konstanz; Klingner, Jacob/Lieb, Ludger: Handbuch Minnereden, S. 326-335

Inhalt

A Prolog (1–45)

Nach einer an die Jungen gerichteten Tacete‑Formel bezeichnet der Sprecher sein Werk als schoene rede von minnen und betont sein normatives Anliegen, nämlich zu zeigen, wie man um Liebe wirbt. Er reiht die üblichen Topoi des Dichtungsbeginns aneinander – Maßhalten, Bitte um Inspiration, Wunsch, niemanden zu verletzen, Einsicht in die Unmöglichkeit allgemeiner Zustimmung, Bitte um Korrektur, Abwehr der Böswilligen – und leitet dann zu einem eigenen Erlebnis über.

B Minnekasus und Minnekrankheit (46–155)

Der Sprecher berichtet, er habe sich von der Minne abwenden wollen, doch diese verfolge ihn erneut. Beim Anblick eines außergewöhnlich schönen und tugendhaften Mädchens entflammt er von Neuem. Ihr Anblick bringt ihm Leid, da er ihr völlig verfallen ist und nur zwischen Erhörung oder Tod aus Liebesqual wählen könne. Nach einem Schönheitspreis und der Beteuerung seiner völligen Hingabe schildert er seine Minnekrankheit, die ein Freund bemerkt und ihn ins Bett bringt. Dort denkt er über die Allmacht der Minne nach und reagiert aggressiv auf seine Unterwerfung.

C Traum: Allegorie und Begegnung mit Cupido (156–596)

Im Schlaf gelangt der Sprecher in einen Locus amoenus, dessen Zentrum ein Blutsee und eine goldene Säule mit einem blinden, nackten, geflügelten Kind bilden. Er erkennt Cupido und bittet um Erklärung der Attribute. Cupido erläutert im Lehrgespräch die Bedeutung von Flügeln, Speer, Fackel, Blindheit, Nacktheit, Säule, brennendem Ufer, erhöhter Position und Krone: Sie stehen für Schnelligkeit, Verwundungskraft, Entzündung der Liebenden, blindes Begehren, höchste Glückserfahrung, Notwendigkeit von Reichtum, verzehrende Minneglut, Hochgestimmtheit und künftige Belohnung. Der Blutsee verweist auf das Leid ehebrecherischer Minne und führt zur Mahnung, nur unverheiratete Mädchen zu lieben.

D Traum: Zug der Frau Minne und Minnelehre (597–1042)

Frau Minne erscheint auf einem prachtvollen Wagen. Es folgt ein ausführliches Schönheitslob und eine Beschreibung ihrer kostbaren Kleidung. Der Sprecher liest lateinische Inschriften über die Macht der Minne und betrachtet Darstellungen erfüllter und unerfüllter Liebesgeschichten, darunter sein eigenes Bild als trostes ane. Er beschreibt den Thron der Minne, die Stufen des Minnefeuers, den kontrollierenden Baldachin, den weltumspannenden Bogen und den Köcher mit goldenen Pfeilen und Frauengestalten. Cupido denunziert ihn als Deserteur, worauf Frau Minne ihn verwundet. Der Sprecher fällt ihr zu Füßen und bittet um Hilfe. Sie rät ihm, der Geliebten zu schreiben und trotz möglicher Abweisung beharrlich zu werben. Sie versichert ihm ihre ständige Gegenwart im Herzen.

E Erster Briefwechsel (1043–1620)

Der Sprecher erwacht und setzt die Lehre um. Er schreibt einen ersten Brief mit Bitte um Gunst und Dienstangebot. Die Geliebte reagiert erstaunt, verweist auf ihre Jugend und Mittellosigkeit und rät ihm, sich anderswohin zu wenden. Der Sprecher verzweifelt kurz, erinnert sich aber an Frau Minne, die ihn zu einem zweiten Brief ermutigt. Darin bekräftigt er seine Ausschließlichkeit und bittet um Überdenken der Absage. Die Geliebte ringt innerlich, fürchtet Schuld an seinem Leid, bleibt aber ablehnend. Im zweiten Antwortbrief verweist sie auf Scham und Ehre und weist ihn erneut zurück. Frau Minne tröstet den Sprecher, hebt Cupidos Lehre vom Reichtum auf und fordert einen dritten Brief. Darin bittet der Sprecher um eine Probe seiner Aufrichtigkeit und um ein Treffen. Die Geliebte erkennt beim Lesen seine Wahrheit, gerät in ein moralisches Dilemma und wird schließlich von Frau Minne überwältigt. Im dritten Antwortbrief nimmt sie seinen Dienst an und stellt ein heimliches Treffen in Aussicht. Der Sprecher antwortet mit erneuter Hingabe. Im vierten Antwortbrief schwört die Geliebte ihrerseits Treue und lädt ihn zu einem Treffen im wurzegarten ein. Der Sprecher jubelt im Stillen.

F Erstes Treffen im Garten (1621–1948)

Im Mai trifft der Sprecher die Geliebte im Garten. Ihr Anblick raubt ihm die Sprache. Er gesteht seine Verwirrung und Liebe, vergleicht ihre Wirkung mit einem Magneten. Sie erklärt, ihre frühere Ablehnung sei eine Probe gewesen, und will ihm nun Gewährung im Rahmen der Ehre gewähren. Auf seine Bitte, ihr Geliebter zu werden, fragt sie nach der Bedeutung der Minne. Der Sprecher gibt eine lange Definition, die sie jedoch zurückweist, da sie nur negative Lehren kenne. Er bittet erneut um Annahme, was sie als Heiratsantrag versteht und an die Wahrung ihrer Ehre knüpft. Auf seine Bitte um einen Kuss lehnt sie ab, verspricht aber späteren Lohn. Beim Abschied stellt sie ein weiteres Treffen in Aussicht.

G Zweiter Briefwechsel (1949–2208)

Der Sprecher wird von Frau Minne scharf getadelt, weil er ohne Erfüllung zurückgekehrt sei. Sie fordert ihn auf, alles zu tun, um Geliebter der Dame zu werden, und stützt sich auf Autoritäten. Auf seine Frage nach dem weiteren Vorgehen rät sie zu einem neuen Brief. Darin klagt der Sprecher, das Treffen habe sein Leid vergrößert, und bittet eindringlich um ein zweites Stelldichein. Die Geliebte erkennt seine Not und antwortet mit der Zusage eines nächtlichen Treffens, sofern alles ehrenhaft bleibe.

H Zweites Treffen in der Kammer mit körperlicher Minneerfüllung (2209–2432)

Der Sprecher schleicht nachts zur Geliebten, die ihn in ihre Kammer lässt und erneut auf Zucht und Ehre pocht. Es kommt zu Kuss und Umarmung. Von Frau Minne angestachelt drängt der Sprecher auf körperliche Erfüllung. Die Geliebte wehrt sich, droht zu schreien und verweist auf ihre Ehre, doch der Sprecher setzt sie unter Druck und erklärt, eher sterben zu wollen als unverrichteter Dinge zu gehen. Sie verzweifelt, verflucht ihn und beklagt den Verlust von Treue und Wahrheit. Schließlich kommt es zum Vollzug, den der Sprecher andeutet. Danach klagt die Geliebte über den Verlust von Leib, Besitz und Freude und über seine Untreue. Der Sprecher schiebt die Schuld auf Frau Minne, verspricht Treue und rät ihr, die Klage zu lassen. Sie wünscht sich den Tod, bereut ihr Vertrauen, bietet aber an, die Sache ruhen zu lassen, wenn er künftig treu bleibt und schweigt.

(Ausführliche Inhaltszusammenfassung bei Klingner, Jacob/Lieb, Ludger: Handbuch Minnereden, S. 328-334)