Rat einer Jungfrau (B202)
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Rat einer Jungfrau (B202) | |
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| AutorIn | Anon. |
| Entstehungszeit | Überlieferung Mitte 15. Jhd. |
| Entstehungsort | |
| AuftraggeberIn | |
| Überlieferung | Wien, Österreichsiche Nationalbibliothek: 2959, 35r-45r |
| Ausgaben | |
| Übersetzungen | |
| Forschung | Klingner, Jacob: Rat einer Jungfrau; Klingner, Jacob/Lieb, Ludger: Handbuch Minnereden, S. 258-260 |
Inhalt
A Erwachen (1–43)
Der Sprecher schläft früh am Morgen tief und traumlos, was ihn kurzzeitig von seiner Traurigkeit entlastet. Er erwacht in einem völlig verdunkelten Raum, tastet sich im Dunkeln voran, öffnet ein Fenster und erkennt überrascht den hellen Morgen. In dem Gefühl, zu lange geschlafen zu haben, beschließt er, hinauszugehen und die Frühlingsnatur zu suchen.
B Spaziergang (44–241)
Er wandert durch Wald, Heide und Feld und beobachtet Wild, dessen unbeschwertes Spiel seine Stimmung hebt. In einem Tannenwald hört er zahlreiche Vögel, die einander im Gesang übertreffen wollen, deren Wettstreit aber eher ein gemeinsames, freies Musizieren ist. Während er weitergeht, spürt er, wie sich seine Liebesqualen lösen. Am Waldrand sieht er über ein Tal hinweg ein Gebirge und eine Burg. Ein Fluss trennt ihn davon, doch ein zufällig gefundenes Fischerboot bringt ihn hinüber. Auf der anderen Seite fühlt er sich erneut erleichtert und von Neugier auf die Burg angezogen. Vor dem Tor entdeckt er einen prachtvollen Garten, in dem der Mai wie ein siegreiches Ritterheer über den Winter triumphiert hat. Acht Farben prägen die Szenerie. Er setzt sich unter einen Baum, um seine Sorgen abzustreifen. Dann hört er das Öffnen des Burgtores: Edle Damen, junge Frauen und Knaben treten in den Garten, bilden Paare und pflücken Blumen für Kränze. Der Sprecher beobachtet sie verborgen hinter einem Strauch. Schließlich tritt er hervor, nähert sich einer Dame, die ihn freundlich begrüßt, und er kniet respektvoll vor ihr.
C Gespräch (242–353)
Die Dame erkundigt sich nach seinem Alleingang. Er erklärt, er sei wegen seiner Sehnsucht und zur Zerstreuung hier. Auf ihre Bitte hin schildert er seine Liebesnot, betont aber, wie schwer es sei, dies angemessen auszudrücken. Er gesteht, dass er einer Frau mit ganzem Herzen verbunden sei, die für ihn höchste Freude und irdisches Paradies bedeute. Es folgt ein ausführlicher Preis ihrer Schönheit und Tugend: Sie sei engelgleich, würdig höchster Herrschaft, und lebe in seinem Herzen. Selbst größte dichterische Kunst könne ihr Wesen nicht erfassen. Auf Nachfrage beschreibt er, wie sehr er von ihr eingenommen ist. Als sie wissen will, wann er sie zuletzt gesehen habe, berichtet er — offenbar missverstehend — von einer nächtlichen Traumvision.
D Binnenerzählung eines Traums (354–403)
Im Traum werden er und drei Gefährten von drei unbekannten Frauen geweckt. Eine zieht die Decke weg, eine schlägt nach ihnen, die dritte bedeckt sie schützend. In dieser dritten erkennt er das Ideal weiblicher Sittsamkeit, was ihn beglückt und heilt. Ein Weckruf beendet die Szene: Man solle aufstehen, die Messe sei bald vorbei. Der Sprecher erwacht, erkennt den Traum und sieht nur seine Gefährten im Raum.
E Gespräch (Fortsetzung) (404–504)
Die Dame gibt ihm nun Ratschläge: Er solle seiner Geliebten treu dienen, Zweifel meiden und die Liebe durch Beständigkeit nähren. Der Sprecher gesteht, dass ihn bei jeder seltenen Begegnung ein doppelter Schrecken befällt: Er verstummt vor ihr und fürchtet zugleich stets ein schlechtes Ende. Für ihn liegt im süßen Augenblick immer schon die Bitterkeit des möglichen Scheiterns verborgen. Dennoch ist er bereit, alles zu ertragen. Die Dame ermutigt ihn: Mit Ausdauer könne sein Vorhaben nicht misslingen. Zudem mahnt sie, die Ehre der Frau gegen üble Nachrede zu schützen. Der Sprecher bittet Gott um Schutz für seine Geliebte und bekräftigt seinen Dienst. Die Dame kündigt an, sich für beide in Blau zu kleiden, wünscht dem Paar Glück und sendet Grüße an die Geliebte. Sie zeigt sich überzeugt von seiner Tugend.
(Ausführliche Inhaltszusammenfassung bei Klingner, Jacob/Lieb, Ludger: Handbuch Minnereden, S. 258-260)