Der Rat der Frau Treue (B209)
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Der Rat der Frau Treue (B209) | |
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| AutorIn | Anon. |
| Entstehungszeit | Überlieferung um 1510 |
| Entstehungsort | |
| AuftraggeberIn | |
| Überlieferung | München, Bayerische Staatsbibliothek: Cgm 5919, 174r-183r |
| Ausgaben | |
| Übersetzungen | |
| Forschung | Klingner, Jacob: Der Rat der Frau Treue; Klingner, Jacob/Lieb, Ludger: Handbuch Minnereden, S. 274-276 |
Inhalt
A Spaziergang (1–70)
Der Sprecher geht an einem Maienmorgen voller Sorgen hinaus, um mit der Armbrust zu schießen. Im dornigen Hag hört er Nachtigall und Lerche und fragt Gott, warum ihn dieser schöne Ort nicht trösten könne. Er wandert weiter auf einen blumenreichen Anger, beschreibt Farben und Morgentau und sieht, wie die Sonne den Tau vertreibt. Zwischen Blumen entdeckt er eine Dame, deren Anblick ihn tief bewegt; er hält sie für die liebenswerteste Frau, die er je gesehen hat. Als sie ihn bemerkt, spricht sie ihn höfisch an.
B Gespräch (71–378)
Der Sprecher verneigt sich, doch die Dame bittet ihn, dies zu unterlassen. Er erklärt, seine Verneigung sei aus Liebe geschehen. Auf ihre Frage nach seinem Anliegen schildert er sein unbestimmtes Sehnen und seine Suche nach Kurzweil. Als er nach ihrem Namen fragt, stellt sie sich als Frau Treue vor. Er bittet sie um Rat, doch sie verlangt zunächst die Ursache seiner Traurigkeit. Er gesteht, dass ihm eine Dame die Freude genommen habe und dass er in seiner Verzweiflung sogar an Selbstmord gedacht habe. Frau Treue weist ihn zurecht und fordert einen Handschlag als Verpflichtung, ihrem Rat zu folgen. Er schwört Treue und gesteht, dass er seiner Geliebten nie seine Gefühle offenbart habe, da sie von hohem Stand und großer Tugend sei und er sich selbst für zu gering halte. Frau Treue mahnt ihn, als junger Mann nicht zu verzagen, und gibt ihm einen Tugendkatalog: Gottesfurcht, Messebesuch, anständiges Auftreten, bedachte Rede, Schutz des Rufs reiner Frauen, Schweigen gegenüber Schwätzern, Wahrhaftigkeit, Maßhalten, Vermeidung von Spiel und Wein sowie Schutz von Leib und Seele. Er soll selbst erkennen, was gut ist, und es verfolgen. Der Sprecher verspricht Gehorsam. Frau Treue rät ihm, seine Trauer abzulegen und sich froh zu zeigen, da dies Liebe und Wohlwollen fördere. Dann fordert sie ihn auf, seiner Dame beim nächsten Treffen seine Minne zu gestehen und seine Dienste anzubieten. Eine tugendhafte Frau werde sich nicht sofort hingeben, und gerade das sei ein gutes Zeichen. Der Sprecher fürchtet Zurückweisung, doch Frau Treue erinnert ihn an sein Versprechen. Er hofft zumindest auf einen Gruß aus ihrem roten Mund. Frau Treue warnt, dass bloßes Hoffen ohne Handeln nur mehr Leid bringe. Er müsse offensiv werben, denn zaghaftes Minnen führe nie zum Erfolg. Ritterliche Bewährung sei der rechte Weg; die großen Liebhaber der Tradition hätten stets mutig gehandelt. Der Sprecher fühlt sich durch ihre Worte gestärkt und schwört, nie wieder zu verzagen. Er wolle sein Geschick wenden und hoffe auf einen baldigen Gruß der Geliebten. Frau Treue versichert ihm, dass sich sein Kummer dann in Freude verwandeln werde.
C Abschiedsszene (379–407)
Der Sprecher bittet um Abschied, dankt für die Lehren und bekräftigt seine Treue. Frau Treue erklärt, ihn treu beraten zu haben, und bittet Gott, ihm das zu gewähren, wonach sein Herz verlangt. Der Sprecher verabschiedet sich mit einem Segenswunsch. Abschließend folgt die allgemeine Lehre, dass Gott jenen Freude schenke, die Frau Treue Ehre und Gutes erweisen.
(Ausführliche Inhaltszusammenfassung bei Klingner, Jacob/Lieb, Ludger: Handbuch Minnereden, S. 274-276)