Der Rat der Einsiedlerin (B217)
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Der Rat der Einsiedlerin (B217) | |
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| AutorIn | Anon. |
| Entstehungszeit | Überlieferung um 1464-67 |
| Entstehungsort | |
| AuftraggeberIn | |
| Überlieferung | Nelahozeves, Fürstlich Lobkowitzische Bibliothek: R VI Fc 26, S. 487-493 |
| Ausgaben | |
| Übersetzungen | |
| Forschung | Klingner, Jacob: Der Rat der Einsiedlerin; Klingner, Jacob/Lieb, Ludger: Handbuch Minnereden, S. 290-293 |
Inhalt
A Einleitung (1–50)
Nach einem Waldspaziergang gelangt die Sprecherin zu einer Quelle und ruht sich aus. In der idyllischen Maienlandschaft mit Wasserrauschen, Vogelgesang und Blüten beginnt sie über wahre Liebe nachzudenken und gesteht ihren Kummer: Die Zuneigung eines jungen Mannes, den sie treu liebte, habe sie nur unrechtmäßig erhalten, denn er sei unbeständig gewesen, habe sie fast ein Jahr lang hingehalten und betrogen. Durch eine dritte Person sei sie über seinen Verrat aufgeklärt worden; seitdem sei ihr jede Freude entschwunden, und sie habe beschlossen, sich von aller weltlichen Freude abzuwenden.
B Gespräch (51–293)
Während sie über ihr Leid grübelt, erscheint eine Einsiedlerin an der Quelle. Da sie sich aus früheren, glücklicheren Zeiten kennen, fragt die Einsiedlerin nach dem Grund ihrer Trauer. Die Sprecherin erklärt, sie habe sich aus Reue und Enttäuschung aus der falschen Welt zurückgezogen. Ihr Herz sei durch den Verrat eines geliebten, allseits gepriesenen Gesellen zerrissen worden. Auf die Frage nach eigener Schuld antwortet sie entschieden mit Nein. Die Einsiedlerin rät lachend, die Trauer loszulassen, da sie nur vorzeitig altern lasse; wäre sie selbst noch jung, würde sie nicht aufgeben. Auf die Bitte um Rat folgt ein ausführlicher Katalog von Empfehlungen: Die Sprecherin solle den Gesellen vergessen, sich Gott anvertrauen, ihren Zorn ablegen und künftig vorsichtig sein. Sie solle Männer prüfen, bevor sie sich ihnen zuwende, und jene meiden, die mit vielen Frauen umgehen. Die Sprecherin berichtet, bereits einen neuen, freundlichen und beständigen Mann kennengelernt zu haben. Die Einsiedlerin bestätigt, dass er – anders als der erste – geeignet sei, mit ihr glücklich alt zu werden. Die Sprecherin äußert jedoch Furcht vor seinem berechtigten Begehren. Die Einsiedlerin bietet an, anhand seines Namens die Zukunft der Liebe zu deuten; nach Nennung einiger Buchstaben sichert sie Verschwiegenheit zu. Beide verabschieden sich zunächst mit einem Gutenachtgruß, bevor die Sprecherin erneut um Belehrung bittet: Wie könne sie dem Geliebten ihre Liebe anständig zeigen? Die Einsiedlerin erteilt eine längere Unterweisung in der Minne: Nach vier Jahren Bekanntschaft könne die Sprecherin auf baldige Vereinigung hoffen; sie solle sich klar zu erkennen geben, da seine Zurückhaltung vermutlich der einzige Grund für sein Schweigen sei. Sie solle alle Hemmungen ablegen, nicht wie jemand handeln, der eine gebratene Taube ausschlägt, und sich einem treuen Dritten anvertrauen, falls nötig. Unbeständige Frauen solle sie meiden und sich um reine, ehrbare Liebe bemühen. Die Sprecherin bekräftigt ihre Zuneigung und bittet um praktische Anleitung. Die Einsiedlerin rät zu beharrlichem Werben und zitiert zur Bestärkung Freidank. Die Sprecherin nimmt den Rat an, gelobt Treue und erklärt, sie werde den Geliebten stets hochachten, selbst wenn sie ihn nie wiedersehen sollte.
C Abschied (294–310)
Die Einsiedlerin kündigt ihren Aufbruch an und bestätigt der Sprecherin, mit dem neuen Gesellen die richtige Wahl getroffen zu haben. Die Sprecherin hofft, ihn bald allein zu treffen und von ihren Sorgen befreit zu werden. Da er ihr zuletzt freundlich begegnet sei, erwarte sie auch künftig seine Zuneigung. Die Einsiedlerin verabschiedet sich mit einem Segen und der Zusage göttlichen Lohns.
(Ausführliche Inhaltszusammenfassung bei Klingner, Jacob/Lieb, Ludger: Handbuch Minnereden, S. 290-293)