Die einsame Beleidigte (B221)

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Die einsame Beleidigte (B221)

AutorIn Augustijnken van Dordt (?), unterschrieben mit "Her wanckelmoet"
Entstehungszeit Überlieferung Ende 14. Jhd.
Entstehungsort
AuftraggeberIn
Überlieferung Den Haag, Koninklijke Bibliotheek: Cod. 128 E 2, 61ra-62rb
Ausgaben
Übersetzungen
Forschung Klingner, Jacob/Lieb, Ludger: Handbuch Minnereden, S. 298f.

Inhalt

A Spaziergangseinleitung (1–23)

Der Sprecher schildert einen Maigang an einen idyllischen Ort mit Wiese, Blumen, Kräutern, Vogelgesang und einem klaren Bach. Dort begegnet er einer wunderschönen Dame, die einen blühenden Zweig trägt.

B Gespräch (24–186)

Er begrüßt sie und fragt, warum sie allein sei. Sie erklärt, Untreue unter Männern und Frauen habe ihr jedes Vertrauen genommen, weshalb sie sich zurückgezogen habe. Er entgegnet, Einsamkeit sei ein Mangel, und erkundigt sich nach der Dauer ihres Aufenthalts. Sie spricht von schwer erträglichen Erfahrungen und davon, dass viele Menschen durch üble Nachrede aus der Freude gedrängt würden. Er betont den Wert guter Gesellschaft. Sie berichtet von Leid durch prahlende, neidische und unzuverlässige Menschen. Er rät, gute Menschen zu lieben. Sie aber möchte allein bleiben, da man nie wisse, wie die Leute seien. Er hält es für falsch, sich dauerhaft von guter Gesellschaft abzuwenden; nur schlechte Menschen solle man meiden. Sicherheit gebe es im Leben nicht, außer der Gewissheit des Todes, doch solle man stets hoffen. Die Dame stellt ihm nun Fragen: Was sei schlimmer – von einem Freund oder einem Fremden belauscht zu werden? Er meint, Freunden könne man vertrauen, bei anderen müsse man vorsichtig sein. Sie erwidert, gerade ein Vertrauter könne am schlimmsten verspotten. Er stimmt zu. Sie berichtet, sie habe dem Verräter völlig vertraut. Er antwortet mit dem Rat, rechtzeitig umzukehren, bevor man sich völlig verirrt. Sie glaubt, niemand könne ihr schaden, solange sie allein bleibe. Er hält es für einen Fehler, aus einem Einzelfall eine allgemeine Regel zu machen. Auf ihre Frage, was sie tun solle, rät er, sich guter Gesellschaft anzuschließen, denn dort werde sie am Ende Gutes erfahren. Sie aber könne den Verräter nicht mehr ertragen. Er mahnt, man solle vorher überlegen, statt später zu bereuen. Sie bleibt dennoch bei ihrer Entscheidung, da sie den Verräter hasse. Er meint, sie könne ihn meiden und dennoch neue Freude finden. Sie verabschiedet sich unverändert in ihrer Haltung und beginnt zu weinen. Der Sprecher betont ihre außergewöhnliche Schönheit, verabschiedet sich und sieht sie nie wieder.

C Schluss (187–190)

Der Sprecher mahnt sein Publikum – Herren, junge Männer, Jungfrauen und Damen –, in beständiger Treue zu leben. Wer eine unschuldige Frau zugrunde richte, wisse nicht, was er tue. Abschließend nennt er seinen Namen: Her wanckelmoet.

(Ausführliche Inhaltszusammenfassung bei Klingner, Jacob/Lieb, Ludger: Handbuch Minnereden, S. 298f.)