Der Minne Freigedank (B301): Unterschied zwischen den Versionen
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Der Text stellt sich als nützliches Minnebüchlein vor, das „Vorsatz der Minne“ heiße und gedichtet worden sei, damit die Minne den Verfasser belohne. Wer seine Lehre nicht möge, solle seinen Zorn zügeln. In einem Bescheidenheitstopos erklärt der Sprecher, dass derjenige, der in anständiger Weise nach Minne verlange, ihre Schönheit erhalte — vorausgesetzt, er halte Maß, ebenso wie die würdigen Frauen. Er will nun den Mann unterweisen, der den Minnelohn begehrt. In einer Zeitklage beschreibt er die frühere Macht und Gelehrsamkeit der Minne und beklagt, dass viele heute den „Orden der Minne“ als zu streng empfinden. Die rechte Minne könne Herz und Verstand zur Tugend führen; vieles, was heute „Minne“ heiße, sei in Wahrheit „Unminne“. | |||
===B Zehn Gebote der Minne=== | |||
Der Sprecher kündigt an, wie man um die Gnade reiner Frauen bittet, und fasst die nötigen Tugenden in zehn Geboten zusammen, die Damen, Welt und Gott ehren. | |||
#Treue: Sie soll im Herzen wohnen, ist Blume des Heils und führt zum Schatz der Minne. Wer treu liebt, erhält leicht Erwiderung. | |||
#Zucht: Wohlerzogenheit bringt reine Frucht, Gottes Segen und allgemeine Beliebtheit. Sie ziert besser als Gold; ein zuchtvoller Mann erhält, was er begehrt. | |||
#Beständigkeit: Sie gehört zum vollkommenen Orden der Minne, bringt Tugenden hervor und führt zum Seelenheil. Stete Liebe ist frei von Wankelmut; Treue und Beständigkeit öffnen das Herz der Geliebten. | |||
#Geduld: Geduld bringt Gottes Huld und den Gruß der Frauen. Sie lässt Schmähungen und den Wechsel von Liebe und Leid ertragen, bis Freude kommt. Eine Frau solle den Mann prüfen, bevor sie ihm gewährt, was er verlangt. | |||
#Höfischeit: Sie verleiht Ansehen, Mut und schöne Rede, vertreibt Leid und macht den Mann bei Frauen beliebt. Eine gute Frau gewährt einem höfischen Mann mit Recht, was er begehrt. | |||
#Milte: Freigebigkeit ist entscheidend. Sie ist maßvoll, verursacht kein Leid und schenkt sich edlen Menschen angemessen. Was das freigebige Herz verlangt, wird ihm gewährt. | |||
#Verschwiegenheit: Sie ist eine geachtete Kunst. Der Mann solle wie ein lautloser Spürhund handeln, die Geliebte im Herzen verbergen und niemandem davon erzählen. Verschwiegenheit führt zum Minnelohn. | |||
#Kühnheit: Mut führt zu Ehre und Minnelohn. Der Mann solle immer wieder mutig bekennen, solange keine Aufpasser es bemerken. Kühnheit wird belohnt. | |||
#–10. Mäßigung und Weisheit: Beide gehören untrennbar zusammen wie Fäden im Gewebe. Weisheit unterscheidet Gute und Böse; keine Tugend existiert ohne Mäßigung. Wer ihnen folgt, erhält den Minnelohn. | |||
Der Sprecher fasst den Nutzen der Gebote zusammen und warnt allegorisch: Wer im Wagen des Wandels fährt, versinkt im Moor. | |||
===C Lob der Geliebten und Minneklage=== | |||
Der Sprecher preist seine Geliebte als süße Trösterin seines Herzens und schreibt ihr alle Tugenden zu. Er habe lange und treu um sie geworben und leide ihretwegen. Ihre Augen erhellten sein Herz wie die Sonne den trüben Tag. In einer vollständigen Schönheitsbeschreibung von Kopf bis Fuß rühmt er Haar, Augenbrauen, Stirn, Nase, Mund, Zähne, Wangen, Hals, Schultern, Arme, Hände und Brüste. Er vergleicht sie mit einer makellosen Gestalt und nennt sie „Frau Schönheit“. Gott habe ihr die Krone des Wunsches gegeben. Er müsse sie preisen und ihr dienen, bis ihr Trost sein Leid lindere. Sein Schmerz sei größer als der von Pyramus und Thisbe. Viele Frauen seien Rosen ohne Dornen. | |||
Es folgt eine Selbstreflexion: Er habe das Wesentliche gesagt und Nebensächliches vermieden; er wolle nicht wie jener sein, dessen Worte klug, dessen Taten aber töricht seien. Er preist erneut seine Dame und die guten Frauen, fordert Tugenden wie Scham, Keuschheit und Beständigkeit und bittet seine Geliebte inständig um Erhörung. Am Ende steht ein Schreiberspruch, der Christus und die Empfängerin um Fürsorge bittet. | |||
(Ausführliche Inhaltszusammenfassung bei [[Klingner, Jacob/Lieb, Ludger: Handbuch Minnereden]], S. 468-470) | |||
[[Kategorie:Quelle Minnerede]] | [[Kategorie:Quelle Minnerede]] | ||
Aktuelle Version vom 6. Februar 2026, 22:08 Uhr
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Der Minne Freigedank (B301) | |
|---|---|
| AutorIn | Anon. |
| Entstehungszeit | Anfang 14. Jhd.? |
| Entstehungsort | Oberdeutsch |
| AuftraggeberIn | |
| Überlieferung | Mänchen, Bayerische Staatsbibliothek: Cgm 717, 123r-127r |
| Ausgaben | |
| Übersetzungen | |
| Forschung | Lembke, Valeska: Der Minne Freigedank; Klingner, Jacob/Lieb, Ludger: Handbuch Minnereden, S. 468-470 |
Inhalt
A Prolog
Der Text stellt sich als nützliches Minnebüchlein vor, das „Vorsatz der Minne“ heiße und gedichtet worden sei, damit die Minne den Verfasser belohne. Wer seine Lehre nicht möge, solle seinen Zorn zügeln. In einem Bescheidenheitstopos erklärt der Sprecher, dass derjenige, der in anständiger Weise nach Minne verlange, ihre Schönheit erhalte — vorausgesetzt, er halte Maß, ebenso wie die würdigen Frauen. Er will nun den Mann unterweisen, der den Minnelohn begehrt. In einer Zeitklage beschreibt er die frühere Macht und Gelehrsamkeit der Minne und beklagt, dass viele heute den „Orden der Minne“ als zu streng empfinden. Die rechte Minne könne Herz und Verstand zur Tugend führen; vieles, was heute „Minne“ heiße, sei in Wahrheit „Unminne“.
B Zehn Gebote der Minne
Der Sprecher kündigt an, wie man um die Gnade reiner Frauen bittet, und fasst die nötigen Tugenden in zehn Geboten zusammen, die Damen, Welt und Gott ehren.
- Treue: Sie soll im Herzen wohnen, ist Blume des Heils und führt zum Schatz der Minne. Wer treu liebt, erhält leicht Erwiderung.
- Zucht: Wohlerzogenheit bringt reine Frucht, Gottes Segen und allgemeine Beliebtheit. Sie ziert besser als Gold; ein zuchtvoller Mann erhält, was er begehrt.
- Beständigkeit: Sie gehört zum vollkommenen Orden der Minne, bringt Tugenden hervor und führt zum Seelenheil. Stete Liebe ist frei von Wankelmut; Treue und Beständigkeit öffnen das Herz der Geliebten.
- Geduld: Geduld bringt Gottes Huld und den Gruß der Frauen. Sie lässt Schmähungen und den Wechsel von Liebe und Leid ertragen, bis Freude kommt. Eine Frau solle den Mann prüfen, bevor sie ihm gewährt, was er verlangt.
- Höfischeit: Sie verleiht Ansehen, Mut und schöne Rede, vertreibt Leid und macht den Mann bei Frauen beliebt. Eine gute Frau gewährt einem höfischen Mann mit Recht, was er begehrt.
- Milte: Freigebigkeit ist entscheidend. Sie ist maßvoll, verursacht kein Leid und schenkt sich edlen Menschen angemessen. Was das freigebige Herz verlangt, wird ihm gewährt.
- Verschwiegenheit: Sie ist eine geachtete Kunst. Der Mann solle wie ein lautloser Spürhund handeln, die Geliebte im Herzen verbergen und niemandem davon erzählen. Verschwiegenheit führt zum Minnelohn.
- Kühnheit: Mut führt zu Ehre und Minnelohn. Der Mann solle immer wieder mutig bekennen, solange keine Aufpasser es bemerken. Kühnheit wird belohnt.
- –10. Mäßigung und Weisheit: Beide gehören untrennbar zusammen wie Fäden im Gewebe. Weisheit unterscheidet Gute und Böse; keine Tugend existiert ohne Mäßigung. Wer ihnen folgt, erhält den Minnelohn.
Der Sprecher fasst den Nutzen der Gebote zusammen und warnt allegorisch: Wer im Wagen des Wandels fährt, versinkt im Moor.
C Lob der Geliebten und Minneklage
Der Sprecher preist seine Geliebte als süße Trösterin seines Herzens und schreibt ihr alle Tugenden zu. Er habe lange und treu um sie geworben und leide ihretwegen. Ihre Augen erhellten sein Herz wie die Sonne den trüben Tag. In einer vollständigen Schönheitsbeschreibung von Kopf bis Fuß rühmt er Haar, Augenbrauen, Stirn, Nase, Mund, Zähne, Wangen, Hals, Schultern, Arme, Hände und Brüste. Er vergleicht sie mit einer makellosen Gestalt und nennt sie „Frau Schönheit“. Gott habe ihr die Krone des Wunsches gegeben. Er müsse sie preisen und ihr dienen, bis ihr Trost sein Leid lindere. Sein Schmerz sei größer als der von Pyramus und Thisbe. Viele Frauen seien Rosen ohne Dornen. Es folgt eine Selbstreflexion: Er habe das Wesentliche gesagt und Nebensächliches vermieden; er wolle nicht wie jener sein, dessen Worte klug, dessen Taten aber töricht seien. Er preist erneut seine Dame und die guten Frauen, fordert Tugenden wie Scham, Keuschheit und Beständigkeit und bittet seine Geliebte inständig um Erhörung. Am Ende steht ein Schreiberspruch, der Christus und die Empfängerin um Fürsorge bittet.
(Ausführliche Inhaltszusammenfassung bei Klingner, Jacob/Lieb, Ludger: Handbuch Minnereden, S. 468-470)