Der Minne Regel (B303): Unterschied zwischen den Versionen
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=== A Prolog (1–53) === | |||
Der Sprecher eröffnet mit einem kunstvoll gestalteten Bescheidenheitstopos: Er betont seine angebliche Unfähigkeit, einen angemessenen Text zu verfassen, und erklärt, er wolle lediglich im Dienst seiner Dame sprechen. Seine mangelnde Kunstfertigkeit legitimiert er durch Vergleiche aus dem Tierreich: Neben edlen Vögeln müsse man auch die unscheinbaren dulden. Wer es besser könne, solle sich äußern, ansonsten schweigen. | |||
Als Thema kündigt er die Regeln und Pflichten der Minne an. | |||
=== B Minnelehre (54–379) === | |||
Zu Beginn stehe die Prüfung der eigenen Liebesfähigkeit. Erst danach solle man die Bereitschaft des möglichen Partners erkunden. Frauen täten gut daran, sich länger zu verweigern, da es heute mehr Verführer gebe als früher. | |||
Es folgt ein Katalog der Tugenden, die den „Minneorden“ ausmachen: Treue, Beständigkeit, Verschwiegenheit, Maß, Scham, Geduld und ehrenhaftes Verhalten. Harmonie der Partner und rasche Erfüllung berechtigter Wünsche seien wichtig, nicht jedoch übertriebene Liebesproben. Männer sollten ritterlich dienen, Frauen Reinheit und Beständigkeit wahren. Weltliche Liebe dürfe nie über der Gottesliebe stehen. | |||
Sind diese Voraussetzungen erfüllt, können die Liebenden in den Minneorden eintreten. Für bestehende Beziehungen fordert der Sprecher Vertrauen, stete Dienstbereitschaft und solidarisches Mittragen von Leid. Er beklagt die mangelnde Beständigkeit der Gegenwart und kritisiert wechselnde Liebschaften, die nur Schmerz vervielfachen. | |||
Zur rechten Liebe gehöre Verschwiegenheit; sie steigere das Begehren und solle nur gegenüber verlässlichen Freunden gelockert werden. | |||
Besonders lobt er die Minnekommunikation: das gegenseitige Erzählen, Deuten und Austauschen von Beispielen, das die Liebe vertiefe. Doch warnt er vor übler Nachrede und empfiehlt vorsichtiges, doppeldeutiges Sprechen. | |||
Er kontrastiert die Gegenwart mit einer strengeren Vergangenheit, in der Werbung lange unbeantwortet bleiben konnte. Die heutige Verleumdung der Minne führt er auf maßlose und zu schnell gewährte Bitten zurück. | |||
Ein Beispiel aus der kindlichen Unschuld – das Kind wählt den Apfel statt des Geldes – illustriert die reine, nicht berechnende Liebe. | |||
Die Zuhörer werden ermahnt, sich gut zu überlegen, ob sie sich auf die Minne einlassen, da ihre Verpflichtungen dauerhaft seien und erst mit dem Tod enden. | |||
=== C Schluss (380–402) === | |||
Der Sprecher bricht die Lehre ab, da jeder, der sie brauche, sie selbst finden könne. Er wünscht allen reinen Liebenden Glück, besonders seiner eigenen, nicht genannten Dame, die er als vollkommen und tugendhaft preist. | |||
(Ausführliche Inhaltszusammenfassung bei [[Klingner, Jacob/Lieb, Ludger: Handbuch Minnereden]], S. 473f.) | |||
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Aktuelle Version vom 10. Februar 2026, 21:15 Uhr
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Der Minne Regel (B303) | |
|---|---|
| AutorIn | Anon. |
| Entstehungszeit | Überlieferung ab1470/71 |
| Entstehungsort | |
| AuftraggeberIn | |
| Überlieferung | Berlin, Staatsbibliothek: Mgf 488, 182r-190v Leipzig, Universitätsbibliothek: Ms. Apel 8, 312r-320v Prag, Knihovna Národniho muzea: Cod. X A 12, 163v-170r |
| Ausgaben | |
| Übersetzungen | |
| Forschung | Klingner, Jacob: Der Minne Regel; Klingner, Jacob/Lieb, Ludger: Handbuch Minnereden, S. 473-475 |
Inhalt
A Prolog (1–53)
Der Sprecher eröffnet mit einem kunstvoll gestalteten Bescheidenheitstopos: Er betont seine angebliche Unfähigkeit, einen angemessenen Text zu verfassen, und erklärt, er wolle lediglich im Dienst seiner Dame sprechen. Seine mangelnde Kunstfertigkeit legitimiert er durch Vergleiche aus dem Tierreich: Neben edlen Vögeln müsse man auch die unscheinbaren dulden. Wer es besser könne, solle sich äußern, ansonsten schweigen. Als Thema kündigt er die Regeln und Pflichten der Minne an.
B Minnelehre (54–379)
Zu Beginn stehe die Prüfung der eigenen Liebesfähigkeit. Erst danach solle man die Bereitschaft des möglichen Partners erkunden. Frauen täten gut daran, sich länger zu verweigern, da es heute mehr Verführer gebe als früher. Es folgt ein Katalog der Tugenden, die den „Minneorden“ ausmachen: Treue, Beständigkeit, Verschwiegenheit, Maß, Scham, Geduld und ehrenhaftes Verhalten. Harmonie der Partner und rasche Erfüllung berechtigter Wünsche seien wichtig, nicht jedoch übertriebene Liebesproben. Männer sollten ritterlich dienen, Frauen Reinheit und Beständigkeit wahren. Weltliche Liebe dürfe nie über der Gottesliebe stehen. Sind diese Voraussetzungen erfüllt, können die Liebenden in den Minneorden eintreten. Für bestehende Beziehungen fordert der Sprecher Vertrauen, stete Dienstbereitschaft und solidarisches Mittragen von Leid. Er beklagt die mangelnde Beständigkeit der Gegenwart und kritisiert wechselnde Liebschaften, die nur Schmerz vervielfachen. Zur rechten Liebe gehöre Verschwiegenheit; sie steigere das Begehren und solle nur gegenüber verlässlichen Freunden gelockert werden. Besonders lobt er die Minnekommunikation: das gegenseitige Erzählen, Deuten und Austauschen von Beispielen, das die Liebe vertiefe. Doch warnt er vor übler Nachrede und empfiehlt vorsichtiges, doppeldeutiges Sprechen. Er kontrastiert die Gegenwart mit einer strengeren Vergangenheit, in der Werbung lange unbeantwortet bleiben konnte. Die heutige Verleumdung der Minne führt er auf maßlose und zu schnell gewährte Bitten zurück. Ein Beispiel aus der kindlichen Unschuld – das Kind wählt den Apfel statt des Geldes – illustriert die reine, nicht berechnende Liebe. Die Zuhörer werden ermahnt, sich gut zu überlegen, ob sie sich auf die Minne einlassen, da ihre Verpflichtungen dauerhaft seien und erst mit dem Tod enden.
C Schluss (380–402)
Der Sprecher bricht die Lehre ab, da jeder, der sie brauche, sie selbst finden könne. Er wünscht allen reinen Liebenden Glück, besonders seiner eigenen, nicht genannten Dame, die er als vollkommen und tugendhaft preist.
(Ausführliche Inhaltszusammenfassung bei Klingner, Jacob/Lieb, Ludger: Handbuch Minnereden, S. 473f.)