Die Frauenehre (Der Stricker): Unterschied zwischen den Versionen

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| entstehungszeit    = ca. 1220-1250 ([[Malm, Mike: Der Stricker]], S. 369)<!--Entstehungszeit oder -zeitraum des Textes, mit anschließendem Verweis auf Quelle der Datierung in [[Kurzzitationen]] (s. Bibliographie Forschung Kleinepik)-->  
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| entstehungsort    = Ostfränkisch/Rheinfränkisch, Österreich? ([[Malm, Mike: Der Stricker]], S. 369)<!--Entstehungsort oder -raum des Textes, mit anschließendem Verweis auf Quelle der Verortung in [[Kurzzitationen]] (s. Bibliographie Forschung Kleinepik)-->  
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| ausgaben          = [[Moelleken, Wolfgang Wilfried (Hg.): Die Kleindichtung des Strickers]], Band 1, S. 15-91<!--Möglichst alle Ausgaben des Textes in [[Kurzzitationen]](s. Bibliographie Editionen Kleinepik), abgetrennt mit "<br />"-->
| ausgaben          = [[Moelleken, Wolfgang Wilfried (Hg.): Die Kleindichtung des Strickers]], Band 1, S. 15-91<!--Möglichst alle Ausgaben des Textes in [[Kurzzitationen]](s. Bibliographie Editionen Kleinepik), abgetrennt mit "<br />"-->
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| forschung          = [[Böhm, Sabine: Der Stricker]], S. 63f., 74, 82, 99, 111, 119, 130-146, 212, 246, 250, 254, 256; [[Holznagel, Franz-Joseph: Gezähmte Fiktionalität]], S. 52;[[Schneider, Guido: Er nam den spiegel in die hant, als in sîn wîsheit lêrte]], S. 258-276, 277-283<!--Forschungstexte zum Einzeltext (s. Bibliographie Forschung Kleinepik), ggf. mit Seitenangaben, abgetrennt mit ";"-->
| forschung          = [[Böhm, Sabine: Der Stricker]], S. 63f., 74, 82, 99, 111, 119, 130-146, 212, 246, 250, 254, 256; [[Holznagel, Franz-Joseph: Gezähmte Fiktionalität]], S. 52; [[Klingner, Jacob/Lieb, Ludger: Handbuch Minnereden]], S. 407-414; [[Margetts, John: Non-feudal attitudes in Der Stricker's short narrative works]]; [[Schneider, Guido: Er nam den spiegel in die hant, als in sîn wîsheit lêrte]], S. 258-276, 277-283<!--Forschungstexte zum Einzeltext (s. Bibliographie Forschung Kleinepik), ggf. mit Seitenangaben, abgetrennt mit ";"-->


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Die Überlieferung wurde nach [[Moelleken, Wolfgang Wilfried (Hg.): Die Kleindichtung des Strickers]] übernommen; Seitenangaben und ggf. Neufunde fehlen noch.
Die Überlieferung wurde nach [[Moelleken, Wolfgang Wilfried (Hg.): Die Kleindichtung des Strickers]] übernommen; Seitenangaben und ggf. Neufunde fehlen noch.


==Inhalt==
===A Prolog===
In einem Streitgespräch mit seinem Herzen erklärt der Sprecher zunächst, er wolle nicht mehr dichten: Die Freudigen seien tot, und er könne denen, die ohne Freude leben wollten, keine Freude geben. Das Herz widerspricht und fordert ihn auf, jene zu loben, die noch „in hohem Mut“ stehen, damit auch andere durch dieses Lob gebessert würden. Der Sprecher beklagt die Innovationssucht des Publikums: Ein Gedicht gelte nach wenigen Vorträgen als alt. Das Herz entgegnet, deutsche Dichter seien immer abgewertet worden; gerade diese Abwertung mache Neues wertvoll. Er solle daher den Bitten nach Neuem folgen. Der Sprecher gibt nach, will aber etwas schaffen, das lange Bestand hat. Das Herz rät zum Frauenlob und fordert „hohe Sinne“ bei kontrollierter Form. Frauenlob sei langlebig, weil es sowohl Treulose als auch wahre Liebende schätzten. Das Streitgespräch endet mit der Einsicht, dass seine „Sinnen“ zwar eigensinnig seien, aber dennoch von ihm selbst stammen. Er lehnt es ab, sich nach Publikumserwartungen zu richten, und fordert selbst Neider auf, erst zuzuhören. Gegen den Vorwurf, er kenne die Damenwelt nicht, führt er die Analogie zum Gotteslob an: Auch Gott werde gelobt, ohne dass man ihn sehe. Er habe viele edle Frauen gesehen und wolle ihre Tugenden überbieten. Er verwünscht Frauenfeinde und kündigt an, das Frauenlob zu beginnen, um die Ehre der Frauen zu fördern und ihren Gegnern zu schaden.
===B Die Gnade der Frauen===
Er verflucht das Auge, das Frauen falsch betrachtet. Könnte man ihren Wert ganz erfassen, müsste man ihn lehren. Es sei altes Recht, dass jeder, der Frauen loben könne, dies auch tun solle. Gott habe ihnen Freude, Segen und Ehre gegeben; ihre Gnade sei durch keinen Dienst aufzuwiegen. Nur wer diese Gnade nicht empfange, behaupte, man könne sich das Himmelreich selbst verdienen. Frauen hätten nach Gott die höchste Gnade, weshalb ihr Lob Pflicht sei. Kein Mann könne diese Gnade erreichen, aber wer nach ihr strebe, gewinne selbst Ehre. In einer Allegorie begegnet der Lobende „Frau Hulde“, die seinen Spiegel der Wertigkeit an „Frau Gnade“ weiterreicht; diese krönt ihn mit Freude, wenn er sich bewährt. Wer so belohnt werde, solle das Frauenlob unterstützen.
===C Rechte Frauen, rechte Minne===
Der Sprecher lobt nur jene Frauen, die beständig und hochgemut sind und die rechte Minne verfolgen. Diese Minne gehe vom Herzen aus, durchbreche alle Hindernisse und sei unüberwindbar. Armut könne Liebende trennen, Reiche und Adlige hätten es leichter. Eine Frau, die rechte Minne übt, verdiene höchstes Lob; sie verleihe der Welt ihre Krone. Frauen seien ein beständiges Phänomen, anders als die Natur, deren Schönheit vergeht. Ihr Anblick gleiche dem Paradies, ihre Worte überträfen jeden Vogelgesang. Der Sprecher will die Frauen noch vorteilhafter erscheinen lassen.
===D Frauenpreis===
Er definiert das Wesen der Frau in einer anaphorischen Reihe: Sie seien Krone der Freude, Ursprung höfischen Benehmens, Säule der Frömmigkeit, Meister der Tugend und mehr. Niemand könne sie angemessen loben; ihm selbst fehle die Fähigkeit, und eigentlich müsse man unablässig weiterloben. Dass solches Lob als Wahnsinn gelte, sei ein Grund für sein Ausbleiben. In sieben Verspaaren begründet er die Notwendigkeit des Frauenlobs.
===E Vom Mann geforderte Tugenden===
Wer die Gunst einer rechtschaffenen Frau gewinnen wolle, müsse Alter (Weisheit) und Jugend (Freude) verbinden. Erfolg verspreche die Kombination bestimmter Tugenden: Milde mit Maß, Freude mit Minne, Anstand mit Scham. Erwirbt ein solcher Mann die Gunst einer Dame, sei ihm das zu gönnen; selbst eine Königin könne sie ihm nicht verweigern.
===F Kein Rittertum ohne Frauen===
Ohne Frauen gäbe es kein ritterliches Handeln und keine höfische Lebensart. Männer würden ihr Interesse an Kampf und Gesellschaft verlieren — außer vielleicht in der Taverne, wie der Sprecher ironisch bemerkt.
===G Wert der Frauen===
Die Erschaffung der „engelsgleichen“ Frau beweise Gottes Liebe zur Ritterschaft. Frauen seien die „Blumen der Welt“, ihre Schönheit überstrahle jede Krone und jedes Gewand. Ihr Wert ergebe sich aus ihrer Ehre und dem Nutzen, den sie der Welt bringen. Der Sprecher kündigt an, diese Aspekte weiter auszuführen.
===H Ehre der Frauen===
Die Ehre, die zum ritterlichen Leben führt, werde von den Frauen verliehen. Rittertugenden seien ihre Waffen, die der Ritter trage, um die Frauen zu ehren. Tugenden wie Zucht, Milde und Mannheit seien schwer, würden aber durch Minne erleichtert. Wer Tugenden ablehne, solle von Frauen nicht erhört werden. Frauen müssten sich vor Heuchlern hüten und Männer prüfen, bevor sie Lohn gewährten. Der rechte Minner leide lieber selbst, als anderen zu schaden. Der Sprecher kündigt das nächste Thema an.
===I Nutzen der Frauen===
Frauen seien Leidvertreiber und Herz der höfischen Welt. Ohne sie wäre die Welt tot. Alle Werte und Zierden entstünden durch sie. Dieser Nutzen sei durch keinen Dienst aufzuwiegen.
===J wîp und vrouwe===
Der Sprecher verteidigt seinen breiten Gebrauch des Wortes vrouwe: wîp und vrouwe bezeichneten zwei Aspekte derselben Person. Auch tugendhafte, nichtadlige Frauen seien vrouwen, während adlige Damen das Wort wîp ehrenvoll tragen sollten, da es mit Güte, Keuschheit und Demut verbunden sei.
===K Leben in der Welt und Weltabkehr===
Er erläutert, dass die Welt von Frauen lebe, und kritisiert Altklugheit. Er zählt verschiedene Gruppen auf, die von der Welt geschieden seien: religiös Zurückgezogene, Habgierige, Untreue, Traurige, Faule und Toren. Die ersten hätten dennoch Anteil an Tugenden, die anderen seien verloren. Weltkinder seien die tugendhaften Frauen und die Männer, die ihre Liebe erringen wollen.
===L Tugendbaumallegorie===
Er erklärt die Etymologie vrouwe–vröuwen und vergleicht die Tugenden der Frauen mit einem Wald voller Bäume. Er will diesen Wald loben, obwohl es unmöglich sei, ihn auszuschöpfen. Der ideale Tugendbaum wird beschrieben: frostbeständig, immergrün, voller Früchte. Der Stamm ist der Körper der Frau, die Äste sind Tugenden wie Zucht, Scham und Treue, die Krone ist die Minne als Königin aller Tugenden. Zweige stehen für Kommunikation und Tugendlob, Blätter für beständige Tugendübung, Blüten für Schönheit, Früchte für Minneerfüllung. Diese könne man nicht erzwingen; nur wer Schönheit mit Lob verbinde, könne sie empfangen. In gegenseitiger Minne bewahre die Frau den Mann vor Sünde und erfülle ihn mit Freude. Nur wer sich den Tugenden unterwerfe, könne die Frucht bewahren.
===M Poetische Reflexion===
Keine Dichtung könne das Gute der Frauen vollständig benennen. Sein eigenes Lob sei nur ein Anfang; er wolle es trotz aller Kritik lebenslang fortsetzen. Selbst wenn alle Männer mitdichteten, reichte ein Leben nicht aus, um alles Lobenswerte zu sagen.
===N Verfall der Rittertugenden===
Alle Männer unterstünden der Macht der Frauen. Frauen zähmten wilde Gedanken. Früher hätten Ritter große Mühen um der Frauen willen auf sich genommen; nun hätten viele die hohen Anforderungen aufgegeben. Nur untadelige Ritter dürften um Frauen werben; wer sich ehrloser Minne hingebe, verliere alle Freude. Der Sprecher kündigt ein Beispiel an.
===O Beispiel vom Ackermann===
Ein Bauer mäht sein Feld in der Blüte ab, weil er glaubt, es werde ohnehin zu viel Korn geben. Andere folgen ihm, doch ein Richter entscheidet, dass niemand ihnen Korn geben solle. Das Beispiel wird ausgelegt: Das Korn sei die Freude; wer sie zerstöre, solle selbst freudlos bleiben. Ohne Frauen ginge die Welt zugrunde. Ritter und Frauen sollten Vorbilder der Freude sein; unritterliche Männer sollten beschämt werden. Wer Frauen kränkt oder ihnen Schutz verweigert, sei heillos.
===P Epilog===
Freude und Welt seien dasselbe. Wer sich ihnen unterwerfe, erkenne die Wunder der Frauentugenden. Die Frauen hätten sich selbst besser gelobt, als er es könne; sein Lob sei nur ein Anfang. Er habe ihre Liebe nie erfahren, spreche also aus zweiter Hand. Dennoch finde er mehr Lobenswertes als zwanzig andere Dichter. Ein Frauenverächter müsse freudlos bleiben; folgte ihm die Welt, ginge sie zugrunde. In einer predigthaften Apostrophe nennt er die Frauen „den anderen Gott der Welt“. Er schließt mit Segenswünschen und der Bitte, seine Armut zu lindern, damit er weiter Frauenlob dichten könne.
(Ausführliche Inhaltszusammenfassung bei [[Klingner, Jacob/Lieb, Ludger: Handbuch Minnereden]], S. 408-414)


[[Kategorie:Quelle Lehrrede]]
[[Kategorie:Quelle Lehrrede]]
[[Kategorie:Quelle Minnerede]]

Aktuelle Version vom 5. Februar 2026, 20:59 Uhr

Die Frauenehre; Frauenehre (B263); Frauenlob

AutorIn Der Stricker
Entstehungszeit ca. 1220-1250 (Malm, Mike: Der Stricker, S. 369)
Entstehungsort Ostfränkisch/Rheinfränkisch, Österreich? (Malm, Mike: Der Stricker, S. 369)
AuftraggeberIn
Überlieferung Wien, ÖNB: Cod. 2705 (online: [1])
Heidelberg, UB: Cpg 341 (online: [2])
Genève-Cologny, Bibliotheca Bodmeriana: Cod. Bodmer 72 (online: [3])
Wien, ÖNB: Cod. Ser. nova 2663 (online: [4])
Ausgaben Moelleken, Wolfgang Wilfried (Hg.): Die Kleindichtung des Strickers, Band 1, S. 15-91
Übersetzungen
Forschung Böhm, Sabine: Der Stricker, S. 63f., 74, 82, 99, 111, 119, 130-146, 212, 246, 250, 254, 256; Holznagel, Franz-Joseph: Gezähmte Fiktionalität, S. 52; Klingner, Jacob/Lieb, Ludger: Handbuch Minnereden, S. 407-414; Margetts, John: Non-feudal attitudes in Der Stricker's short narrative works; Schneider, Guido: Er nam den spiegel in die hant, als in sîn wîsheit lêrte, S. 258-276, 277-283

Die Überlieferung wurde nach Moelleken, Wolfgang Wilfried (Hg.): Die Kleindichtung des Strickers übernommen; Seitenangaben und ggf. Neufunde fehlen noch.

Inhalt

A Prolog

In einem Streitgespräch mit seinem Herzen erklärt der Sprecher zunächst, er wolle nicht mehr dichten: Die Freudigen seien tot, und er könne denen, die ohne Freude leben wollten, keine Freude geben. Das Herz widerspricht und fordert ihn auf, jene zu loben, die noch „in hohem Mut“ stehen, damit auch andere durch dieses Lob gebessert würden. Der Sprecher beklagt die Innovationssucht des Publikums: Ein Gedicht gelte nach wenigen Vorträgen als alt. Das Herz entgegnet, deutsche Dichter seien immer abgewertet worden; gerade diese Abwertung mache Neues wertvoll. Er solle daher den Bitten nach Neuem folgen. Der Sprecher gibt nach, will aber etwas schaffen, das lange Bestand hat. Das Herz rät zum Frauenlob und fordert „hohe Sinne“ bei kontrollierter Form. Frauenlob sei langlebig, weil es sowohl Treulose als auch wahre Liebende schätzten. Das Streitgespräch endet mit der Einsicht, dass seine „Sinnen“ zwar eigensinnig seien, aber dennoch von ihm selbst stammen. Er lehnt es ab, sich nach Publikumserwartungen zu richten, und fordert selbst Neider auf, erst zuzuhören. Gegen den Vorwurf, er kenne die Damenwelt nicht, führt er die Analogie zum Gotteslob an: Auch Gott werde gelobt, ohne dass man ihn sehe. Er habe viele edle Frauen gesehen und wolle ihre Tugenden überbieten. Er verwünscht Frauenfeinde und kündigt an, das Frauenlob zu beginnen, um die Ehre der Frauen zu fördern und ihren Gegnern zu schaden.

B Die Gnade der Frauen

Er verflucht das Auge, das Frauen falsch betrachtet. Könnte man ihren Wert ganz erfassen, müsste man ihn lehren. Es sei altes Recht, dass jeder, der Frauen loben könne, dies auch tun solle. Gott habe ihnen Freude, Segen und Ehre gegeben; ihre Gnade sei durch keinen Dienst aufzuwiegen. Nur wer diese Gnade nicht empfange, behaupte, man könne sich das Himmelreich selbst verdienen. Frauen hätten nach Gott die höchste Gnade, weshalb ihr Lob Pflicht sei. Kein Mann könne diese Gnade erreichen, aber wer nach ihr strebe, gewinne selbst Ehre. In einer Allegorie begegnet der Lobende „Frau Hulde“, die seinen Spiegel der Wertigkeit an „Frau Gnade“ weiterreicht; diese krönt ihn mit Freude, wenn er sich bewährt. Wer so belohnt werde, solle das Frauenlob unterstützen.

C Rechte Frauen, rechte Minne

Der Sprecher lobt nur jene Frauen, die beständig und hochgemut sind und die rechte Minne verfolgen. Diese Minne gehe vom Herzen aus, durchbreche alle Hindernisse und sei unüberwindbar. Armut könne Liebende trennen, Reiche und Adlige hätten es leichter. Eine Frau, die rechte Minne übt, verdiene höchstes Lob; sie verleihe der Welt ihre Krone. Frauen seien ein beständiges Phänomen, anders als die Natur, deren Schönheit vergeht. Ihr Anblick gleiche dem Paradies, ihre Worte überträfen jeden Vogelgesang. Der Sprecher will die Frauen noch vorteilhafter erscheinen lassen.

D Frauenpreis

Er definiert das Wesen der Frau in einer anaphorischen Reihe: Sie seien Krone der Freude, Ursprung höfischen Benehmens, Säule der Frömmigkeit, Meister der Tugend und mehr. Niemand könne sie angemessen loben; ihm selbst fehle die Fähigkeit, und eigentlich müsse man unablässig weiterloben. Dass solches Lob als Wahnsinn gelte, sei ein Grund für sein Ausbleiben. In sieben Verspaaren begründet er die Notwendigkeit des Frauenlobs.

E Vom Mann geforderte Tugenden

Wer die Gunst einer rechtschaffenen Frau gewinnen wolle, müsse Alter (Weisheit) und Jugend (Freude) verbinden. Erfolg verspreche die Kombination bestimmter Tugenden: Milde mit Maß, Freude mit Minne, Anstand mit Scham. Erwirbt ein solcher Mann die Gunst einer Dame, sei ihm das zu gönnen; selbst eine Königin könne sie ihm nicht verweigern.

F Kein Rittertum ohne Frauen

Ohne Frauen gäbe es kein ritterliches Handeln und keine höfische Lebensart. Männer würden ihr Interesse an Kampf und Gesellschaft verlieren — außer vielleicht in der Taverne, wie der Sprecher ironisch bemerkt.

G Wert der Frauen

Die Erschaffung der „engelsgleichen“ Frau beweise Gottes Liebe zur Ritterschaft. Frauen seien die „Blumen der Welt“, ihre Schönheit überstrahle jede Krone und jedes Gewand. Ihr Wert ergebe sich aus ihrer Ehre und dem Nutzen, den sie der Welt bringen. Der Sprecher kündigt an, diese Aspekte weiter auszuführen.

H Ehre der Frauen

Die Ehre, die zum ritterlichen Leben führt, werde von den Frauen verliehen. Rittertugenden seien ihre Waffen, die der Ritter trage, um die Frauen zu ehren. Tugenden wie Zucht, Milde und Mannheit seien schwer, würden aber durch Minne erleichtert. Wer Tugenden ablehne, solle von Frauen nicht erhört werden. Frauen müssten sich vor Heuchlern hüten und Männer prüfen, bevor sie Lohn gewährten. Der rechte Minner leide lieber selbst, als anderen zu schaden. Der Sprecher kündigt das nächste Thema an.

I Nutzen der Frauen

Frauen seien Leidvertreiber und Herz der höfischen Welt. Ohne sie wäre die Welt tot. Alle Werte und Zierden entstünden durch sie. Dieser Nutzen sei durch keinen Dienst aufzuwiegen.

J wîp und vrouwe

Der Sprecher verteidigt seinen breiten Gebrauch des Wortes vrouwe: wîp und vrouwe bezeichneten zwei Aspekte derselben Person. Auch tugendhafte, nichtadlige Frauen seien vrouwen, während adlige Damen das Wort wîp ehrenvoll tragen sollten, da es mit Güte, Keuschheit und Demut verbunden sei.

K Leben in der Welt und Weltabkehr

Er erläutert, dass die Welt von Frauen lebe, und kritisiert Altklugheit. Er zählt verschiedene Gruppen auf, die von der Welt geschieden seien: religiös Zurückgezogene, Habgierige, Untreue, Traurige, Faule und Toren. Die ersten hätten dennoch Anteil an Tugenden, die anderen seien verloren. Weltkinder seien die tugendhaften Frauen und die Männer, die ihre Liebe erringen wollen.

L Tugendbaumallegorie

Er erklärt die Etymologie vrouwe–vröuwen und vergleicht die Tugenden der Frauen mit einem Wald voller Bäume. Er will diesen Wald loben, obwohl es unmöglich sei, ihn auszuschöpfen. Der ideale Tugendbaum wird beschrieben: frostbeständig, immergrün, voller Früchte. Der Stamm ist der Körper der Frau, die Äste sind Tugenden wie Zucht, Scham und Treue, die Krone ist die Minne als Königin aller Tugenden. Zweige stehen für Kommunikation und Tugendlob, Blätter für beständige Tugendübung, Blüten für Schönheit, Früchte für Minneerfüllung. Diese könne man nicht erzwingen; nur wer Schönheit mit Lob verbinde, könne sie empfangen. In gegenseitiger Minne bewahre die Frau den Mann vor Sünde und erfülle ihn mit Freude. Nur wer sich den Tugenden unterwerfe, könne die Frucht bewahren.

M Poetische Reflexion

Keine Dichtung könne das Gute der Frauen vollständig benennen. Sein eigenes Lob sei nur ein Anfang; er wolle es trotz aller Kritik lebenslang fortsetzen. Selbst wenn alle Männer mitdichteten, reichte ein Leben nicht aus, um alles Lobenswerte zu sagen.

N Verfall der Rittertugenden

Alle Männer unterstünden der Macht der Frauen. Frauen zähmten wilde Gedanken. Früher hätten Ritter große Mühen um der Frauen willen auf sich genommen; nun hätten viele die hohen Anforderungen aufgegeben. Nur untadelige Ritter dürften um Frauen werben; wer sich ehrloser Minne hingebe, verliere alle Freude. Der Sprecher kündigt ein Beispiel an.

O Beispiel vom Ackermann

Ein Bauer mäht sein Feld in der Blüte ab, weil er glaubt, es werde ohnehin zu viel Korn geben. Andere folgen ihm, doch ein Richter entscheidet, dass niemand ihnen Korn geben solle. Das Beispiel wird ausgelegt: Das Korn sei die Freude; wer sie zerstöre, solle selbst freudlos bleiben. Ohne Frauen ginge die Welt zugrunde. Ritter und Frauen sollten Vorbilder der Freude sein; unritterliche Männer sollten beschämt werden. Wer Frauen kränkt oder ihnen Schutz verweigert, sei heillos.

P Epilog

Freude und Welt seien dasselbe. Wer sich ihnen unterwerfe, erkenne die Wunder der Frauentugenden. Die Frauen hätten sich selbst besser gelobt, als er es könne; sein Lob sei nur ein Anfang. Er habe ihre Liebe nie erfahren, spreche also aus zweiter Hand. Dennoch finde er mehr Lobenswertes als zwanzig andere Dichter. Ein Frauenverächter müsse freudlos bleiben; folgte ihm die Welt, ginge sie zugrunde. In einer predigthaften Apostrophe nennt er die Frauen „den anderen Gott der Welt“. Er schließt mit Segenswünschen und der Bitte, seine Armut zu lindern, damit er weiter Frauenlob dichten könne.

(Ausführliche Inhaltszusammenfassung bei Klingner, Jacob/Lieb, Ludger: Handbuch Minnereden, S. 408-414)