Der Minne Porten (B438): Unterschied zwischen den Versionen

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==Inhalt==
=== A Sentenzen über Eigenschaften und Wirkungen der Minne (1–42) ===
Minne soll man ehren, weil sie den Menschen zum Guten verpflichtet. Es folgt eine anaphorische Reihe: Minne schenkt Verstand, süßen Blick, schöne Kleidung und Ringe; sie macht den Liebenden kühn, edel, freigebig und wortgewandt; Damen macht sie liebenswert. Zugleich wirkt sie gegensätzlich: Sie bringt Tränen und Lachen, macht das gesunde Herz krank und das kranke gesund, erweicht das Harte und befreit das Liebende. Sie ist Schmerz und Ursprung aller Höfischkeit, vertreibt Leid und Hass und besitzt sowohl Gastfreundschaft als auch kriegerische Macht.


=== B Prolog mit Gottfried- und Hartmann-Imitation (43–82) ===
In Sentenzen nach Art von Hartmanns Iwein heißt es: Wer beständige Minne pflegt und alle Damen ehrt, erlangt Ruhm und Glück. Wenn die Geliebte den Schmerz des Liebenden vertreibt, belohnt ein Herz das andere. Der Sprecher beruft sich auf ein Buch, das lehre, wie zwei Liebende sein sollen: zwei Seelen, ein Körper — ein Motiv aus Gottfrieds Tristan. Er kündigt eine abentewre an, die nur für ein Publikum geeignet sei, das gegenseitige Liebe kennt und mit Zucht zuhört; wer das nicht könne, sei ein unwürdiger „Dörper“.
=== C Erzählung von der Minnepforte (83–313) ===
Der Sprecher bereitet sich darauf vor, durch die Minnepforte den Ort des gemeinsamen Vergnügens mit seiner Dame zu betreten. Auf einer grünen Aue will er mit ihr Blumen brechen und einen Kranz flechten, der ihn für Tanz und höfische Spiele qualifiziert. Die Höfischkeit der Damen, der Vogelgesang und der Minnetrank Tristrams sollen wie Gold auf sein Herz geschrieben sein. Ein Bild seiner Geliebten will er im Tau der Minne betrachten. Nach einer Liebesklage und einem Preis ihrer wundertätigen Schönheit beschreibt er die Minnepforte: Sie ist mit vier Edelsteinen geschmückt, die den Wert des recht Liebenden symbolisieren. Der mittlere Stein leuchtet so hell, dass viele dafür ihr bäurisches Leben aufgäben. Nicht Reichtum oder Schönheit, sondern ein edles Herz sei Voraussetzung für den Eintritt. Der Liebende müsse „klug lieben“ und Zucht, Tugend und Besonnenheit üben. Unwürdige blieben wie beladene Esel vor der Pforte stehen. Wer aber den „Brief der Minne“ im Herzen trage, dürfe eintreten: in ein Minneparadies ohne Zeit, ohne Leid, voller Gesang, Freude und Erfüllung. Die Weisheit Salomons und die sieben freien Künste reichten nicht aus, um die edlen Herzen zu beschreiben. Minne raube den Verstand, bringe Leid, bis ein roter Mund lächle und die Körper sich vereinigten. Der Sprecher imaginiert den Eintritt mit seiner Dame und die Anerkennung, die sie aufgrund ihrer Schönheit erhielte.
=== D Hyperbolische Schönheitsbeschreibung (314–391) ===
Die Schönheit der Geliebten sei unausschöpflich. Man müsse fragen, ob sie Engel oder Frau sei. Gott habe sie vollkommen geschaffen; sie trage die Krone der Ehre und der höfischen Haltung. Nach dem A‑capite‑ad‑calcem‑Schema werden Gesicht, Augen, Brauen, Wangen, Mund, Hals, Arme, Hände, Finger, Brüste und schließlich die weibliche Scham beschrieben, die als Inbegriff der Freude und Lebenskraft erscheint.
=== E Liebesklage (392–464) ===
Der Sprecher beklagt seine tödliche Verwundung durch die Minne und hofft auf Trost durch die Geliebte. Sie sei ihm beim ersten Anblick ins Herz gedrungen. Er wolle sich ihr völlig ergeben und ihr Leibeigener sein. Seine Liebe sei einseitig; sie sei frei, er aber diene ihr auf Gnade. Er bittet Gott, ihr ein langes Leben und ihm den Tod zu schenken, falls er nicht erhört werde. Würde sein Dienst belohnt, wolle er den Tag der Erhörung ewig ehren.
=== F Schluss (465–470) ===
Wer Freude nach Wunsch empfängt, solle mit rechtem Sinn tugendhaft lieben, Trauer meiden und die Minne sanft ertragen. Schlussformel: Die Erzählung endet mit der Bitte, Gott möge uns vor unrechter Minne bewahren.
(Ausführliche Inhaltszusammenfassung bei [[Klingner, Jacob/Lieb, Ludger: Handbuch Minnereden]], S. 753-756)


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[[Kategorie:Quelle Allegorie]]

Aktuelle Version vom 11. März 2026, 20:32 Uhr

Der Minne Porten (B438)

AutorIn Anon.
Entstehungszeit Überlieferung ab 1393
Entstehungsort
AuftraggeberIn
Überlieferung Innsbruck, Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum: 32001, 33v-35v
Wien, Österreichische Nationalbibliothek: 2885, 52rb-56va
Ausgaben
Übersetzungen
Forschung Klingner, Jacob/Lieb, Ludger: Handbuch Minnereden, S. 753-756

Inhalt

A Sentenzen über Eigenschaften und Wirkungen der Minne (1–42)

Minne soll man ehren, weil sie den Menschen zum Guten verpflichtet. Es folgt eine anaphorische Reihe: Minne schenkt Verstand, süßen Blick, schöne Kleidung und Ringe; sie macht den Liebenden kühn, edel, freigebig und wortgewandt; Damen macht sie liebenswert. Zugleich wirkt sie gegensätzlich: Sie bringt Tränen und Lachen, macht das gesunde Herz krank und das kranke gesund, erweicht das Harte und befreit das Liebende. Sie ist Schmerz und Ursprung aller Höfischkeit, vertreibt Leid und Hass und besitzt sowohl Gastfreundschaft als auch kriegerische Macht.

B Prolog mit Gottfried- und Hartmann-Imitation (43–82)

In Sentenzen nach Art von Hartmanns Iwein heißt es: Wer beständige Minne pflegt und alle Damen ehrt, erlangt Ruhm und Glück. Wenn die Geliebte den Schmerz des Liebenden vertreibt, belohnt ein Herz das andere. Der Sprecher beruft sich auf ein Buch, das lehre, wie zwei Liebende sein sollen: zwei Seelen, ein Körper — ein Motiv aus Gottfrieds Tristan. Er kündigt eine abentewre an, die nur für ein Publikum geeignet sei, das gegenseitige Liebe kennt und mit Zucht zuhört; wer das nicht könne, sei ein unwürdiger „Dörper“.

C Erzählung von der Minnepforte (83–313)

Der Sprecher bereitet sich darauf vor, durch die Minnepforte den Ort des gemeinsamen Vergnügens mit seiner Dame zu betreten. Auf einer grünen Aue will er mit ihr Blumen brechen und einen Kranz flechten, der ihn für Tanz und höfische Spiele qualifiziert. Die Höfischkeit der Damen, der Vogelgesang und der Minnetrank Tristrams sollen wie Gold auf sein Herz geschrieben sein. Ein Bild seiner Geliebten will er im Tau der Minne betrachten. Nach einer Liebesklage und einem Preis ihrer wundertätigen Schönheit beschreibt er die Minnepforte: Sie ist mit vier Edelsteinen geschmückt, die den Wert des recht Liebenden symbolisieren. Der mittlere Stein leuchtet so hell, dass viele dafür ihr bäurisches Leben aufgäben. Nicht Reichtum oder Schönheit, sondern ein edles Herz sei Voraussetzung für den Eintritt. Der Liebende müsse „klug lieben“ und Zucht, Tugend und Besonnenheit üben. Unwürdige blieben wie beladene Esel vor der Pforte stehen. Wer aber den „Brief der Minne“ im Herzen trage, dürfe eintreten: in ein Minneparadies ohne Zeit, ohne Leid, voller Gesang, Freude und Erfüllung. Die Weisheit Salomons und die sieben freien Künste reichten nicht aus, um die edlen Herzen zu beschreiben. Minne raube den Verstand, bringe Leid, bis ein roter Mund lächle und die Körper sich vereinigten. Der Sprecher imaginiert den Eintritt mit seiner Dame und die Anerkennung, die sie aufgrund ihrer Schönheit erhielte.

D Hyperbolische Schönheitsbeschreibung (314–391)

Die Schönheit der Geliebten sei unausschöpflich. Man müsse fragen, ob sie Engel oder Frau sei. Gott habe sie vollkommen geschaffen; sie trage die Krone der Ehre und der höfischen Haltung. Nach dem A‑capite‑ad‑calcem‑Schema werden Gesicht, Augen, Brauen, Wangen, Mund, Hals, Arme, Hände, Finger, Brüste und schließlich die weibliche Scham beschrieben, die als Inbegriff der Freude und Lebenskraft erscheint.

E Liebesklage (392–464)

Der Sprecher beklagt seine tödliche Verwundung durch die Minne und hofft auf Trost durch die Geliebte. Sie sei ihm beim ersten Anblick ins Herz gedrungen. Er wolle sich ihr völlig ergeben und ihr Leibeigener sein. Seine Liebe sei einseitig; sie sei frei, er aber diene ihr auf Gnade. Er bittet Gott, ihr ein langes Leben und ihm den Tod zu schenken, falls er nicht erhört werde. Würde sein Dienst belohnt, wolle er den Tag der Erhörung ewig ehren.

F Schluss (465–470)

Wer Freude nach Wunsch empfängt, solle mit rechtem Sinn tugendhaft lieben, Trauer meiden und die Minne sanft ertragen. Schlussformel: Die Erzählung endet mit der Bitte, Gott möge uns vor unrechter Minne bewahren.

(Ausführliche Inhaltszusammenfassung bei Klingner, Jacob/Lieb, Ludger: Handbuch Minnereden, S. 753-756)