Klage der Tugenden (B442): Unterschied zwischen den Versionen
Keine Bearbeitungszusammenfassung |
Keine Bearbeitungszusammenfassung |
||
| Zeile 11: | Zeile 11: | ||
}} | }} | ||
==Inhalt== | |||
=== A Eingangsszene (1–26) === | |||
Der Sprecher denkt eines Morgens über den Zustand der Welt nach und beklagt besonders, dass die „edel lieb“ unbeständig geworden sei und die Tugenden verfallen. Während er darüber nachsinnt, schläft er ein und beginnt zu träumen. | |||
=== B Traum (27–252) === | |||
Im Traum folgt er einer Gestalt, die ihm Aufschluss über seine Sorgen verspricht. Über einen steilen Weg gelangt er zu einem Zelt, in dem sechs edle Damen sitzen — personifizierte Tugenden: Frau Liebe in Rot, Frau Treue in Weiß, Frau Beständigkeit in Blau, dazu Frau Ehre, Frau Zucht und Frau Scham. Jede trägt ihre Klage vor. | |||
Frau Liebe beklagt die Verachtung, die Frauen von Rittern und Knechten erfahren, und die allgegenwärtige Unbeständigkeit. | |||
Der Sprecher verteidigt die Frauen: Sie würden im guten Glauben an einen „pider man“ oft bitter enttäuscht; Frau Ehre solle gegen tugendlose Männer vorgehen und sie vom Wein abbringen, der ihre Glaubwürdigkeit zerstöre. | |||
Frau Ehre weist die Verantwortung zurück: Die Frauen liebten Männer ohne ritterliche Taten und belohnten Blender, während sie die Tüchtigen übergingen. | |||
Der Sprecher entgegnet, dass die Liebe einer Dame einen Mann zu Ehre und Tugend erziehen könne; die Damen dürften die erziehungsbedürftigen Männer nicht im Stich lassen. Frau Ehre stimmt zu. | |||
Der Sprecher führt dann die verbreitete Meinung an, es gebe keine beständige Liebe: Liebende verlören in höfischer Gesellschaft schnell ihre Treue; viele wählten Partner wie beim Geldwechsel oder im Gasthaus. Er klagt dies Frau Beständigkeit an. | |||
Frau Beständigkeit weist die Schuld zurück: Die Unbeständigkeit liege an den „Rühmern“, die die Ehre der Damen verletzten; zuständig seien vielmehr Zucht und Scham. | |||
Frau Zucht und Frau Scham erklären, sie könnten bei Menschen, die sich der Unzucht hingäben, nichts ausrichten; wer sich tugendhaft zeige, werde verspottet. | |||
Der Sprecher kann nicht mehr widersprechen und erkennt die Wahrheit der Klagen an. | |||
=== C Schlussszene (251–267) === | |||
Vom Diener geweckt, denkt der Sprecher über den Traum nach. Die Argumente der Tugenden seien zutreffend und überall zu beobachten — jeder kluge Mensch könne dies bestätigen. | |||
(Ausführliche Inhaltszusammenfassung in [[Klingner, Jacob/Lieb, Ludger: Handbuch Minnereden]], S. 768f.) | |||
[[Kategorie:Quelle Minnerede]] | [[Kategorie:Quelle Minnerede]] | ||
Aktuelle Version vom 11. März 2026, 20:41 Uhr
|
Klage der Tugenden (B442) | |
|---|---|
| AutorIn | Anon. |
| Entstehungszeit | Überlieferung Mitte 15. Jhd. |
| Entstehungsort | |
| AuftraggeberIn | |
| Überlieferung | Wien, Österreichische Nationalbibliothek: 2959, 4r-9r |
| Ausgaben | |
| Übersetzungen | |
| Forschung | Klingner, Jacob: Klage der Tugenden; Klingner, Jacob/Lieb, Ludger: Handbuch Minnereden, S. 768f. |
Inhalt
A Eingangsszene (1–26)
Der Sprecher denkt eines Morgens über den Zustand der Welt nach und beklagt besonders, dass die „edel lieb“ unbeständig geworden sei und die Tugenden verfallen. Während er darüber nachsinnt, schläft er ein und beginnt zu träumen.
B Traum (27–252)
Im Traum folgt er einer Gestalt, die ihm Aufschluss über seine Sorgen verspricht. Über einen steilen Weg gelangt er zu einem Zelt, in dem sechs edle Damen sitzen — personifizierte Tugenden: Frau Liebe in Rot, Frau Treue in Weiß, Frau Beständigkeit in Blau, dazu Frau Ehre, Frau Zucht und Frau Scham. Jede trägt ihre Klage vor. Frau Liebe beklagt die Verachtung, die Frauen von Rittern und Knechten erfahren, und die allgegenwärtige Unbeständigkeit. Der Sprecher verteidigt die Frauen: Sie würden im guten Glauben an einen „pider man“ oft bitter enttäuscht; Frau Ehre solle gegen tugendlose Männer vorgehen und sie vom Wein abbringen, der ihre Glaubwürdigkeit zerstöre. Frau Ehre weist die Verantwortung zurück: Die Frauen liebten Männer ohne ritterliche Taten und belohnten Blender, während sie die Tüchtigen übergingen. Der Sprecher entgegnet, dass die Liebe einer Dame einen Mann zu Ehre und Tugend erziehen könne; die Damen dürften die erziehungsbedürftigen Männer nicht im Stich lassen. Frau Ehre stimmt zu. Der Sprecher führt dann die verbreitete Meinung an, es gebe keine beständige Liebe: Liebende verlören in höfischer Gesellschaft schnell ihre Treue; viele wählten Partner wie beim Geldwechsel oder im Gasthaus. Er klagt dies Frau Beständigkeit an. Frau Beständigkeit weist die Schuld zurück: Die Unbeständigkeit liege an den „Rühmern“, die die Ehre der Damen verletzten; zuständig seien vielmehr Zucht und Scham. Frau Zucht und Frau Scham erklären, sie könnten bei Menschen, die sich der Unzucht hingäben, nichts ausrichten; wer sich tugendhaft zeige, werde verspottet. Der Sprecher kann nicht mehr widersprechen und erkennt die Wahrheit der Klagen an.
C Schlussszene (251–267)
Vom Diener geweckt, denkt der Sprecher über den Traum nach. Die Argumente der Tugenden seien zutreffend und überall zu beobachten — jeder kluge Mensch könne dies bestätigen.
(Ausführliche Inhaltszusammenfassung in Klingner, Jacob/Lieb, Ludger: Handbuch Minnereden, S. 768f.)