Das Zauberkraut (B407): Unterschied zwischen den Versionen
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=== A Spaziergangseinleitung (1–62) === | |||
An einem Sommertag geht die Sprecherin mit einer Freundin auf eine blühende Wiese, um Blumen für ein Kränzlein zu pflücken. Unter den unbekannten Pflanzen bricht sie eine Blume, die eine seltsame Wirkung hat: Sie sieht plötzlich alle Männer, die je geliebt haben, hört ihre Worte und kennt ihre Gedanken. Diese Vision erinnert sie an eine ungelöste Streitfrage: Ob derjenige glücklicher sei, der einer einzigen Frau treu bleibt, oder derjenige, der seine Zuneigung ständig wechselt. Sie wählt den Mann aus, der ihr am besten gefällt, und erkennt beim Blick in sein Herz, dass er viele Frauen zugleich liebt. | |||
=== B Streitgespräch (63–255) === | |||
Die Sprecherin spricht den Mann auf seine Unbeständigkeit an. Er weist das zurück, doch sie erklärt, dass sie durch das Zauberkraut Einsicht in sein Inneres erhalten habe, und stellt ihm die Streitfrage. Der Mann hält sie für kindisch: Eine einzige Frau könne niemanden glücklich machen; er selbst habe nie weniger als drei Geliebte gehabt. Exklusive Liebe sei für ihn wertlos, Hoffnung allein mache niemanden froh. | |||
Die Sprecherin widerspricht: Hoffnung sei das Wesen der Liebe, und höchste Freude entstehe nur durch Treue, Beständigkeit und Exklusivität. Der Mann stimmt zu – aber nur, wenn die Frau selbst beständig sei. Ein ausschließlich Liebender sei wie ein Einäugiger, der beim Verlust alles verliere. Ritterliche Bewährung nütze nichts, wenn die Dame am Ende einen jüngeren Tänzer bevorzuge. | |||
Die Sprecherin hält dagegen, dass eine edle Frau so nicht handeln würde. Niemand könne mehrere Menschen zugleich lieben; so lehre es auch das Sprichwort vom Einzelkind. Sie rät allen Frauen, sich einen tugendhaften Mann zu wählen, bei dem Herkunft, Aussehen, Ritterlichkeit und Treue zusammenkommen. Ein solches Leben verspreche dauerhafte Freude, im Gegensatz zur kurzlebigen Lust der Unbeständigkeit. | |||
Der Mann gibt zu, dass Treue für Frauen vorteilhaft sei, für Männer aber gefährlich: Sie seien den Launen der Damen ausgeliefert und würden für Kleinigkeiten bestraft. Er nennt dies »zu viel Beständigkeit« und hält seine freie Lebensweise für klüger. Drei Frauen seien besser als eine, bei der man in Ungnade fallen könne. | |||
Die Sprecherin erkennt, dass seine Argumente weitreichende Folgen hätten: Männer könnten gut leben, Frauen aber selbst bei Treue nur Leid erwarten. Sie will sich daher Unterstützung suchen. Der Mann weist sie zurecht und behauptet, keine Frau solle versuchen, einen Mann argumentativ zu besiegen. Die Sprecherin entgegnet, dass sie sich gerade deshalb männliche Hilfe holen wolle. | |||
=== C Erwachen (256–295) === | |||
Die Freundin tritt hinzu, bemerkt die Trance der Sprecherin und schlägt ihr das Zauberkraut aus der Hand, das in einen Bach fällt und fortgespült wird. Die Sprecherin klagt und verwünscht sie, berichtet ihr dann aber das gesamte Streitgespräch. Die Freundin bestärkt sie in ihrer Haltung, doch die Sprecherin gesteht, dass die Argumente des Mannes Zweifel in ihr geweckt haben. | |||
=== D Publikumsanrede (296–314) === | |||
Die Sprecherin wünscht demjenigen, der die Streitfrage überzeugend beantworten kann, alles Gute. Sie hofft, dass sich eine Mehrheit auf ihrer Seite finden wird. Für sich selbst gelobt sie ewige Treue und Beständigkeit und rät Männern wie Frauen, ebenso zu handeln. Sie schließt mit einem Segenswunsch und einem Amen. | |||
(Ausführliche Inhaltszusammenfassung bei [[Klingner, Jacob/Lieb, Ludger: Handbuch Minnereden]], S. 662f.) | |||
[[Kategorie:Quelle Minnerede]] | [[Kategorie:Quelle Minnerede]] | ||
[[Kategorie:Quelle Streitgedicht]] | [[Kategorie:Quelle Streitgedicht]] | ||
Aktuelle Version vom 15. Februar 2026, 14:01 Uhr
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Das Zauberkraut (B407) | |
|---|---|
| AutorIn | Anon. |
| Entstehungszeit | Überlieferung ab 1425 |
| Entstehungsort | |
| AuftraggeberIn | |
| Überlieferung | Karlsruhe, Landesbibliothek: Hs. Donaueschingen 104, 29ra-30vb Heidelberg, Universitätsbibliothek: Cpg 355, 127v-134v Heidelberg, Universitätsbibliothek: Cpg 313, 449r-454r Heidelberg, Universitätsbibliothek: Cpg 696, 193r-198r Berlin, Staatsbibliothek: Mgq 1899, 112r-117v |
| Ausgaben | Dorobantu, Julia/Klingner, Jacob/Lieb, Ludger (Hg.): Minnereden, S. 309-328 |
| Übersetzungen | |
| Forschung | Klingner, Jacob: Das Zauberkraut; Klingner, Jacob/Lieb, Ludger: Handbuch Minnereden, S. 661-663; Ziegeler, Hans-Joachim: Erzählen im Spätmittelalter, S. 73 A. 41 |
Inhalt
A Spaziergangseinleitung (1–62)
An einem Sommertag geht die Sprecherin mit einer Freundin auf eine blühende Wiese, um Blumen für ein Kränzlein zu pflücken. Unter den unbekannten Pflanzen bricht sie eine Blume, die eine seltsame Wirkung hat: Sie sieht plötzlich alle Männer, die je geliebt haben, hört ihre Worte und kennt ihre Gedanken. Diese Vision erinnert sie an eine ungelöste Streitfrage: Ob derjenige glücklicher sei, der einer einzigen Frau treu bleibt, oder derjenige, der seine Zuneigung ständig wechselt. Sie wählt den Mann aus, der ihr am besten gefällt, und erkennt beim Blick in sein Herz, dass er viele Frauen zugleich liebt.
B Streitgespräch (63–255)
Die Sprecherin spricht den Mann auf seine Unbeständigkeit an. Er weist das zurück, doch sie erklärt, dass sie durch das Zauberkraut Einsicht in sein Inneres erhalten habe, und stellt ihm die Streitfrage. Der Mann hält sie für kindisch: Eine einzige Frau könne niemanden glücklich machen; er selbst habe nie weniger als drei Geliebte gehabt. Exklusive Liebe sei für ihn wertlos, Hoffnung allein mache niemanden froh. Die Sprecherin widerspricht: Hoffnung sei das Wesen der Liebe, und höchste Freude entstehe nur durch Treue, Beständigkeit und Exklusivität. Der Mann stimmt zu – aber nur, wenn die Frau selbst beständig sei. Ein ausschließlich Liebender sei wie ein Einäugiger, der beim Verlust alles verliere. Ritterliche Bewährung nütze nichts, wenn die Dame am Ende einen jüngeren Tänzer bevorzuge. Die Sprecherin hält dagegen, dass eine edle Frau so nicht handeln würde. Niemand könne mehrere Menschen zugleich lieben; so lehre es auch das Sprichwort vom Einzelkind. Sie rät allen Frauen, sich einen tugendhaften Mann zu wählen, bei dem Herkunft, Aussehen, Ritterlichkeit und Treue zusammenkommen. Ein solches Leben verspreche dauerhafte Freude, im Gegensatz zur kurzlebigen Lust der Unbeständigkeit. Der Mann gibt zu, dass Treue für Frauen vorteilhaft sei, für Männer aber gefährlich: Sie seien den Launen der Damen ausgeliefert und würden für Kleinigkeiten bestraft. Er nennt dies »zu viel Beständigkeit« und hält seine freie Lebensweise für klüger. Drei Frauen seien besser als eine, bei der man in Ungnade fallen könne. Die Sprecherin erkennt, dass seine Argumente weitreichende Folgen hätten: Männer könnten gut leben, Frauen aber selbst bei Treue nur Leid erwarten. Sie will sich daher Unterstützung suchen. Der Mann weist sie zurecht und behauptet, keine Frau solle versuchen, einen Mann argumentativ zu besiegen. Die Sprecherin entgegnet, dass sie sich gerade deshalb männliche Hilfe holen wolle.
C Erwachen (256–295)
Die Freundin tritt hinzu, bemerkt die Trance der Sprecherin und schlägt ihr das Zauberkraut aus der Hand, das in einen Bach fällt und fortgespült wird. Die Sprecherin klagt und verwünscht sie, berichtet ihr dann aber das gesamte Streitgespräch. Die Freundin bestärkt sie in ihrer Haltung, doch die Sprecherin gesteht, dass die Argumente des Mannes Zweifel in ihr geweckt haben.
D Publikumsanrede (296–314)
Die Sprecherin wünscht demjenigen, der die Streitfrage überzeugend beantworten kann, alles Gute. Sie hofft, dass sich eine Mehrheit auf ihrer Seite finden wird. Für sich selbst gelobt sie ewige Treue und Beständigkeit und rät Männern wie Frauen, ebenso zu handeln. Sie schließt mit einem Segenswunsch und einem Amen.
(Ausführliche Inhaltszusammenfassung bei Klingner, Jacob/Lieb, Ludger: Handbuch Minnereden, S. 662f.)