Frau Untreue (B446): Unterschied zwischen den Versionen

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==Inhalt==
===A Spaziergangseinleitung (1–138)===
Der Sprecher verirrt sich in unbekannter Gegend, folgt einem Bach zu einem idyllischen Ort und schläft dort ein. Nachts wandert er weiter, sieht ein Licht im Wald und begegnet einem Edelmann mit Diener. Dieser bietet an, ihn an einen nahen Königshof zu führen, wo man leicht in Dienst komme, sofern man sich schmeichlerisch und boshaft verhalte und der Treue abschwöre. Der Sprecher weist dies als sündhaft zurück, worauf der Edelmann gesteht, dass ehrbares Verhalten ihm nur Feindschaft eingebracht habe und er nun bereit sei, sich dem Wind der Verhältnisse anzupassen.


===B Begegnung und Gespräch mit Frau Treue (139–560)===
Die drei erreichen eine einfache Hütte, aus der eine höfisch gekleidete Dame tritt, die dort mit sechs Schwestern lebt. Sie dulden Männer nur, wenn diese gehorsam seien und bereit, mit ihnen die Verachtung der Welt zu tragen. Während der Edelmann das Quartier begrüßt, bleibt der Sprecher misstrauisch. Im Inneren treffen sie sieben schöne Damen in einer kargen Behausung. Der Edelmann lädt sie an den Hof ein, doch die erste Dame lehnt ab, da Reichtum die göttliche Gnade gefährde. Auf seinen Einwand, Besitz schade dem Heil nicht, antwortet sie, dass Reichtum unweigerlich zur Untreue führe und alle Tugenden vertreibe. Sie warnt vor Frau Untreue, ihrer Feindin, die sie aus ihrem Reich vertrieben habe und deren Hof der Edelmann aufsuchen wolle. Auf Nachfrage nennt sie sich und ihre Schwestern: Treue, Gerechtigkeit, Wahrheit, Glauben, Tüchtigkeit, Geduld und freiwillige Armut. Ihr Vater habe sie in die Welt gesandt, doch Frau Untreue habe sie nach Kenntnis ihrer Herkunft verstoßen, gebannt und überall verleumden lassen; ihr Hofstaat habe die Tugenden bereitwillig abgeschworen.
===C Lasterrevue (561–1414)===
Frau Treue schildert ausführlich, wie die Anhänger der Untreue ihre Dienste bekennen. In kurzen Monologen treten zahlreiche Figuren auf, die sich jeweils zu einem Laster bekennen und die Treue verhöhnen. Zuerst sprechen Herold und Hofrat, dann folgen die Hofmeisterin Hoffart und ihre sechs Gefährtinnen: Unkeuschheit, Völlerei, Habgier, Neid und Hass, Zorn sowie Trägheit. Danach treten Vertreter vieler Stände auf, die vor allem ihre betrügerischen Praktiken im Umgang mit Geld schildern: Ritter, Verwalter, Kellermeister, Koch, Amtmann, Schultheiß, Tagelöhner, Hacker, Meier, Schuldbauer, Bürger, Wucherer, Jude, Handwerker, Geselle, Krämer und Großkaufmann. Es folgen Mönch und Nonne, ein Kriegsmann, Huren und Spitzbuben sowie Trinker und Schlemmer. Alle bekennen sich offen zu ihrem zerstörerischen Tun und rühmen ihre Treue zur Untreue.
===D Gespräch zwischen Frau Treue und dem Edelmann (1415–1744)===
Frau Treue beklagt die Fixierung der Welt auf Besitz und die Gleichgültigkeit gegenüber der Höllenstrafe und stellt der Herrschaft der Untreue die Verlässlichkeit Gottes gegenüber. Der Edelmann bereut seinen Plan und bittet um Aufnahme, doch Treue verweist ihn auf ein eigenes Leben in Gottesfurcht. Auf seine Frage nach ihrer Rückkehrbereitschaft hält sie eine lange Mahnrede: Sie warnt vor Gottes Zorn, ruft zur Umkehr auf, verweist auf biblische Beispiele und fordert, ihre Botschaft zu verbreiten. Sie beklagt die drohende Kirchenspaltung und politische Uneinigkeit und kündigt ein Gottesgericht an, das Angst, Krieg, Verzweiflung und Verderben bringen werde, besonders über Obrigkeit und Klerus. Auf die Sorge des Edelmanns um die Unschuldigen antwortet sie mit biblischen Zusicherungen göttlichen Schutzes. Der Edelmann verabschiedet sich, empfiehlt die Damen Gott und verspricht, das Gehörte niederzuschreiben; der Sprecher schließt sich an.
===E Schluss (1745–1756)===
Der Sprecher berichtet, die Geschichte sofort auf der Wiese niedergeschrieben zu haben, und endet mit einer Fürbitte an die Trinität, die Warnung möge wirken, die Welt bessern und die Kirche vor Zerstörung bewahren.
(Ausführliche Inhaltsangabe bei [[Klingner, Jacob/Lieb, Ludger: Handbuch Minnereden]], S. 778-783)


[[Kategorie:Quelle Minnerede]]
[[Kategorie:Quelle Minnerede]]

Version vom 12. März 2026, 21:36 Uhr

Frau Untreue (B446)

AutorIn Anon.
Entstehungszeit Überlieferung um 1533
Entstehungsort
AuftraggeberIn
Überlieferung Druck Frankfurt am Main, 1533 (Christian Egenollf d. Ä.) (VD16 U 202)
Karlsruhe, Landesbibliothek: Hs. St. Georgen 86, 96r-136r; 142r-v
Ausgaben
Übersetzungen
Forschung Klingner, Jacob/Lieb, Ludger: Handbuch Minnereden, S. 778-783

Inhalt

A Spaziergangseinleitung (1–138)

Der Sprecher verirrt sich in unbekannter Gegend, folgt einem Bach zu einem idyllischen Ort und schläft dort ein. Nachts wandert er weiter, sieht ein Licht im Wald und begegnet einem Edelmann mit Diener. Dieser bietet an, ihn an einen nahen Königshof zu führen, wo man leicht in Dienst komme, sofern man sich schmeichlerisch und boshaft verhalte und der Treue abschwöre. Der Sprecher weist dies als sündhaft zurück, worauf der Edelmann gesteht, dass ehrbares Verhalten ihm nur Feindschaft eingebracht habe und er nun bereit sei, sich dem Wind der Verhältnisse anzupassen.

B Begegnung und Gespräch mit Frau Treue (139–560)

Die drei erreichen eine einfache Hütte, aus der eine höfisch gekleidete Dame tritt, die dort mit sechs Schwestern lebt. Sie dulden Männer nur, wenn diese gehorsam seien und bereit, mit ihnen die Verachtung der Welt zu tragen. Während der Edelmann das Quartier begrüßt, bleibt der Sprecher misstrauisch. Im Inneren treffen sie sieben schöne Damen in einer kargen Behausung. Der Edelmann lädt sie an den Hof ein, doch die erste Dame lehnt ab, da Reichtum die göttliche Gnade gefährde. Auf seinen Einwand, Besitz schade dem Heil nicht, antwortet sie, dass Reichtum unweigerlich zur Untreue führe und alle Tugenden vertreibe. Sie warnt vor Frau Untreue, ihrer Feindin, die sie aus ihrem Reich vertrieben habe und deren Hof der Edelmann aufsuchen wolle. Auf Nachfrage nennt sie sich und ihre Schwestern: Treue, Gerechtigkeit, Wahrheit, Glauben, Tüchtigkeit, Geduld und freiwillige Armut. Ihr Vater habe sie in die Welt gesandt, doch Frau Untreue habe sie nach Kenntnis ihrer Herkunft verstoßen, gebannt und überall verleumden lassen; ihr Hofstaat habe die Tugenden bereitwillig abgeschworen.

C Lasterrevue (561–1414)

Frau Treue schildert ausführlich, wie die Anhänger der Untreue ihre Dienste bekennen. In kurzen Monologen treten zahlreiche Figuren auf, die sich jeweils zu einem Laster bekennen und die Treue verhöhnen. Zuerst sprechen Herold und Hofrat, dann folgen die Hofmeisterin Hoffart und ihre sechs Gefährtinnen: Unkeuschheit, Völlerei, Habgier, Neid und Hass, Zorn sowie Trägheit. Danach treten Vertreter vieler Stände auf, die vor allem ihre betrügerischen Praktiken im Umgang mit Geld schildern: Ritter, Verwalter, Kellermeister, Koch, Amtmann, Schultheiß, Tagelöhner, Hacker, Meier, Schuldbauer, Bürger, Wucherer, Jude, Handwerker, Geselle, Krämer und Großkaufmann. Es folgen Mönch und Nonne, ein Kriegsmann, Huren und Spitzbuben sowie Trinker und Schlemmer. Alle bekennen sich offen zu ihrem zerstörerischen Tun und rühmen ihre Treue zur Untreue.

D Gespräch zwischen Frau Treue und dem Edelmann (1415–1744)

Frau Treue beklagt die Fixierung der Welt auf Besitz und die Gleichgültigkeit gegenüber der Höllenstrafe und stellt der Herrschaft der Untreue die Verlässlichkeit Gottes gegenüber. Der Edelmann bereut seinen Plan und bittet um Aufnahme, doch Treue verweist ihn auf ein eigenes Leben in Gottesfurcht. Auf seine Frage nach ihrer Rückkehrbereitschaft hält sie eine lange Mahnrede: Sie warnt vor Gottes Zorn, ruft zur Umkehr auf, verweist auf biblische Beispiele und fordert, ihre Botschaft zu verbreiten. Sie beklagt die drohende Kirchenspaltung und politische Uneinigkeit und kündigt ein Gottesgericht an, das Angst, Krieg, Verzweiflung und Verderben bringen werde, besonders über Obrigkeit und Klerus. Auf die Sorge des Edelmanns um die Unschuldigen antwortet sie mit biblischen Zusicherungen göttlichen Schutzes. Der Edelmann verabschiedet sich, empfiehlt die Damen Gott und verspricht, das Gehörte niederzuschreiben; der Sprecher schließt sich an.

E Schluss (1745–1756)

Der Sprecher berichtet, die Geschichte sofort auf der Wiese niedergeschrieben zu haben, und endet mit einer Fürbitte an die Trinität, die Warnung möge wirken, die Welt bessern und die Kirche vor Zerstörung bewahren.

(Ausführliche Inhaltsangabe bei Klingner, Jacob/Lieb, Ludger: Handbuch Minnereden, S. 778-783)