Kloster der Minne (B439)
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Kloster der Minne (B439) | |
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| AutorIn | Anon. |
| Entstehungszeit | 1330-1350 |
| Entstehungsort | Süddeutschland |
| AuftraggeberIn | |
| Überlieferung | Dresden, Landesbibliothek: Mscr. M 68, 65rb-76va Heidelberg, Universitätsbibliothek: Cpg 313, 43v-74v Karlsruhe, Landesbibliothek: Cod. Donaueschingen 104, 105vb-116vb |
| Ausgaben | |
| Übersetzungen | |
| Forschung | Klingner, Jacob/Lieb, Ludger: Handbuch Minnereden, S. 756-762; Stridde, Christine: Kloster der Minne |
Inhalt
A Spaziergangseinleitung (1–41)
Der Sprecher wandert im Mai in einen herrlichen Wald, der ihm wie ein Paradies erscheint: Blumen in allen Farben, überwältigender Vogelgesang, so laut, dass er sich wundert, wie die Vögel davon nicht bersten.
B Begegnung und Gespräch mit einer Minnebotin (42–157)
Er bemerkt eine allein reitende Dame in prächtiger höfischer Kleidung. Um sie nicht entkommen zu lassen, versteckt er sich hinter einem Baum, springt hervor, hält ihr Pferd an und verlangt Auskunft über ihre Anwesenheit. Die Dame gibt sich als Botin der Frau Minne zu erkennen. Trotz ihrer Drohungen zwingt er sie, ihren Auftrag offenzulegen: Sie suche Frauen, Ritter und Knechte, die in ein großes, prachtvolles Kloster kommen sollen, in dem Frau Minne residiere. Der Sprecher zweifelt an der Existenz eines solchen Ortes, worauf die Botin ihm ausführlich von Kloster und Minneorden berichtet.
C Erste Beschreibung des Minneklosters (158–411)
Das Kloster beherberge Menschen aller Stände und biete ihnen höchste irdische Freude, sofern sie gesellig seien und die Regel einhielten. Von früh bis mittags würden Messen gelesen; den ganzen Tag gebe es höfische Unterhaltung: Gesang, Lachen, Vorlesen deutscher Texte, Brettspiele, Musik, Tanz, Schach. Man könne Damen Gesellschaft leisten oder ritterlichen Übungen nachgehen: Steinwurf, Lanzenstechen, Kegeln, Tauziehen, Fechten, Ringen. In den Zellen erklinge Saitenspiel; daneben könne man jagen und reiten. Das Kloster sei riesig und rund, so groß, dass ein Pferd ein Jahr bräuchte, um es zu umrunden. Die Botin beschreibt die Vielzahl der Bewohner und die standesgemäße Versorgung durch einen Meister. Auf die Frage nach Mönchskutten verweist sie lachend auf modische Ordenstracht. Das Kloster habe zwölf Tore, die den Monaten entsprechen; wer ein Tor verlässt, tritt in eine Welt, die dem jeweiligen Monat entspricht. Zeit sei im Kloster aufgehoben und folge dem Wunsch des Einzelnen. Auf Wunsch des Sprechers beschreibt sie den Weg zur Maienpforte und warnt davor, die Glocke zu läuten, da dies eine Turnierherausforderung bedeute.
D Gang zum Kloster und Ankunft (412–534)
Der Sprecher folgt der Hufspur der Botin, gelangt in blühende Gärten und spürt die Nähe des Klosters. Vor der Maienpforte sieht er einen Maientanz verliebter Paare. Bekannte erkennen ihn nicht. Er fühlt sich einsam und fremd.
E Aventiureforderung (535–655)
Plötzlich ertönt die Glocke; Verwirrung entsteht. Ein Junker holt Auskunft beim Pförtner. Ein Ritter und eine Dame streiten über die Unterbrechung: Er bedauert sie, sie begrüßt die Herausforderung als Wiederbelebung ritterlicher Tugend. Der Kundschafter berichtet, die Glocke sei von einem Diener eines fremden Herrn geläutet worden; 500 gerüstete Männer seien unterwegs. Die Klosterinsassen freuen sich über die Herausforderung und über die ausgesetzten Preise: ein Löwe an goldener Kette für den besten Ritter, ein Leopard an silberner Kette für den besten Knecht. Die Männer rüsten sich, die Frauen reagieren mit gemischten Gefühlen.
F Gespräch mit einer Minnedame (656–734)
Der Sprecher wagt sich zu den Damen und spricht eine an, die er zu kennen glaubt. Sie erkennt ihn schließlich, bietet Hilfe an und fragt nach seinem Weg hierher. Er erzählt von der Botin. Sie berichtet, seit zehn Jahren im Kloster zu leben und es nie bereut zu haben. Auf die Frage, ob er eintreten wolle, antwortet er ausweichend, das Kloster gefalle ihm, er wolle es sich ansehen.
G Klosterrundgang (735–1075)
Die Dame führt ihn zu den anderen Damen, die ihn freundlich aufnehmen. Gemeinsam betreten sie das Kloster. Sie zeigt ihm den prächtigen Palast mit Balkonen, Reliefs, Spiegelwänden und farbenreicher Ausstattung. Dann führt sie ihn allein weiter: Balkone mit Blick auf den Turnierplatz, Zellen mit Ausblick in die Natur. Sie erklärt die Ordensstruktur: Über allem steht die Minne; darunter Abt und Äbtissin, Prior und Priorin sowie weitere Amtsträger. Als Beispiel für Strafe zeigt sie ihm einen Klaffer im Halseisen, der eine Dame verleumdet hat. Der Sprecher wirft ihm einen Heller zu, wird aber von der Dame zurechtgewiesen, da Umgang mit solchen Leuten die eigene Ehre mindere. Sie zeigt ihm einen weiteren Gefangenen, einen Rühmer, der sich mit jeder Frau brüstete. Die Dame mahnt den Sprecher, sich nicht wie dieser zu verhalten; sie seien Freund und Freundin. Er versichert Diskretion. Weitere Gefangene werden erwähnt, aber nicht besucht. Sie kehren zur Damengesellschaft zurück, um das Turnier zu sehen.
H Aufzug und Turnier (1076–1366)
Die Damen stehen auf den Balkonen, die Klosterinsassen in voller Rüstung auf dem Platz. Der Sprecher lobt ihre Ritterlichkeit. Die Dame reagiert empfindlich auf eine scherzhafte Frage des Sprechers, doch das Eintreffen der Herausforderer lenkt ab. Die Kämpfe beginnen; der Sprecher kann die Parteien kaum unterscheiden. Der Prior gewinnt den Löwenpreis, der Pförtner den Leoparden. Beide zieren sich, bevor sie die Auszeichnung annehmen. Ein Nachgefecht wird souverän abgewehrt.
I Streitgespräch über den Wert von Turnieren (1367–1452)
Die Dame beklagt den verletzten Gast. Der Sprecher hält Verletzungen für unvermeidlich auf dem Weg zur Ehre. Die Dame widerspricht: Turniere dienten der Übung und dem Ruhm, nicht dem Frauendienst. Die Damen ließen sich von dieser Mode täuschen. Der Sprecher hält dagegen, dass manche Ritter von Kindheit an im Frauendienst erzogen seien. Die Dame bleibt skeptisch und betont, dass die Frauen deshalb nicht in den Minneorden eingetreten seien.
J Auflösung der Versammlung und Minneschau (1453–1593)
Nach dem Turnier beschließen Sprecher und Dame, beieinander zu bleiben. Sie preist das Kloster als Verbindung von Minnefreude und Gottesdienst. Der Sprecher möchte die Minne sehen. Die Dame verspricht es ihm: In den Augen der Liebenden sieht er die Minne „mit Gewalt spielen“. Als sie ihn wegen zu intensiver Blicke tadelt, erklärt er, er warte darauf, die Minne leibhaftig zu sehen.
K Minnelehre der Dame (1594–1702)
Die Dame erklärt, dass die Minne verborgen wirke, durch die Augen ins Herz gelange und dort körperliche Zeichen hervorrufe. Der Sprecher lobt ihre Lehre und deutet an, dass sie aus Erfahrung spreche. Sie fühlt sich verspottet; er beschwört seine Aufrichtigkeit. Sie gesteht, Freude an seinem Beisammensein gehabt zu haben, will aber ihre eigene Liebesgeschichte noch nicht offenbaren.
L Abschied und Johannisminne (1703–1838)
Auf seine Frage nach einem Wiedersehen erklärt sie das Aufnahmeverfahren: Nach zwölf Tagen solle er zurückkehren, wenn er eintreten wolle. Er will heimkehren. Sie begleitet ihn zur Pforte und zeigt ihm ihre kostbar geschmückte Zelle, einschließlich ihres grünen Bettes. Er widersteht der Versuchung, sich darauf zu werfen, schämt sich aber für seinen Impuls. Sie trinken die Johannisminne, wobei ihre Freundin als Minnehelferin fungiert.
M Schluss (1839–1894)
Der Sprecher verlässt das Kloster hastig, aus Angst, erkannt zu werden. Die Maienfreude des Waldes bedeutet ihm nun nichts mehr. Er denkt an die Dame, ihr Gespräch, das Bett und die Johannisminne. Er will seine Rückkehr nicht erzwingen, sondern warten, bis das Schicksal ihn erneut zum Kloster führt — dann wolle er eintreten und die Regel befolgen.
(Ausführliche Inhaltszusammenfassung in Klingner, Jacob/Lieb, Ludger: Handbuch Minnereden, S. 756-762)