Das Fest (B346)
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Das Fest (B346) | |
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| AutorIn | Anon. |
| Entstehungszeit | Überlieferung ab 3. Viertel 14. Jhd. |
| Entstehungsort | |
| AuftraggeberIn | |
| Überlieferung | Brüssel, KBR: 15589-623, 165va-170rb Gent, Rijksuniversiteit, Centrale Bibliotheek: 1374, 131v-133r Gent, Rijksuniversiteit, Centrale Bibliotheek: 1644, 1r-3v Den Haag, Koninklijke Bibliotheek: Cod. 75 H 57, 1-36 Straßburg, Stadtbibliothek: Ohne Signatur (Oberlins Hs., verbrannt), 1ra-1rb |
| Ausgaben | |
| Übersetzungen | |
| Forschung | Klingner, Jacob/Lieb, Ludger: Handbuch Minnereden, S. 535-537 |
Inhalt
A Begegnung auf einem Fest (1–68)
Der Sprecher – später als Kleriker angesprochen – kommt zu einem Fest, auf dem viele schöne Frauen anwesend sind. Er wäre glücklich, wenn seine eigene Geliebte dort wäre, doch sie fehlt. Er spricht mit einer höfischen Dame, die seiner Geliebten ähnelt. Sie essen gemeinsam; er nimmt das an, was sie ihm vorschneidet, und trinkt mit ihr.
B Dialog über die Minne (69–212)
Nach dem Essen setzen sie sich ins Gras und sprechen über die Minne. Der Sprecher erkennt, dass die Dame Liebesschmerz empfindet. Sie fragt ihn, was Minne sei. Er weicht aus, doch sie drängt ihn – sie wisse, wen er heimlich liebe. Er erschrickt, lacht dann aber und erklärt, wenn sie es ernst meine, wolle er antworten. Minne sei das Wichtigste überhaupt: Sie entzünde Menschen plötzlich und sei die Vereinigung zweier Herzen, die nur noch einen Willen haben. Auf ihre Frage, warum Liebende so viel klagten, antwortet er: wegen der Untreue. Minne sei edel, aber nur der verstehe sie, der von ihr verwundet wurde. Er nennt eine Reihe berühmter Liebesfiguren als Beispiele: Partonopeus, Amadas, Pyramus, Floris, Athis, Porphirias, Eneas, Tristan, Paris, der Ritter „mit dem Ärmel“. Es gebe zudem viele, die von der Minne ergriffen seien, aber nicht wüssten, wie sie sie gewinnen könnten.
C Neun Fragen über die Minne (213–833)
Die Dame stellt nun neun systematische Fragen, die der Sprecher ausführlich beantwortet:
- Wie erwirbt man Minne?
a) höfisches Reden, b) maßvolles Vergnügen, c) Verschwiegenheit, d) demütiges Bitten.
- Woran erkennt man Minne?
a) schnelles Blinzeln, b) Erblassen aus Furcht, c) Freigebigkeit, d) Annahme von Liebeszeichen.
- Wie verliert man Minne?
a) Unbeständigkeit, b) Geiz, c) hartnäckiger Zorn, d) männliches Prahlen.
- Wie stellt man zerstörte Minne wieder her?
a) Demut, b) höfische Verzeihungsworte, c) keine treulose Rede, d) Beständigkeit. Frauen seien beständiger als Männer.
- Warum liebt man nur einen?
Wegen der vier Temperamente (sanguinisch, cholerisch, phlegmatisch, melancholisch). Man liebe denjenigen, der der eigenen Natur am ähnlichsten sei.
- Empfinden alle Minne gleich?
Nein. Sanguiniker am stärksten, dann Choleriker; Phlegmatiker und Melancholiker schwächer.
Vier Grade der Minne:
- tödliche Verwundung,
- unablässiges Grübeln,
- ausschließliches Begehren,
- Verlust des Verstandes.
- Wer liebt stärker – Männer oder Frauen?
Männer entflammen schneller, brennen aber kürzer. Frauen entzünden sich langsam, brennen aber lang und beständig.
- Welche Ursachen hat Minne?
a) Schönheit, b) Treue, c) Adel des Herzens, d) Freigebigkeit.
- Warum liebt man wegen Geschenken?
Weil es vier Arten von Liebesgaben gibt: a) Gegenseitigkeit, b) selbstloser Dienst, c) kleine materielle Gaben, d) tröstende Worte.
D Abschied (833–856)
Die Dame dankt ihm für die klaren und freundlichen Antworten. Sie würde gern weiterfragen, doch es ist spät, und die Gesellschaft hat sich bereits zerstreut. Der Sprecher sagt, man solle die Gesellschaft bald wieder versammeln; dann werde er weiter antworten. Sie verabschieden sich traurig, aber höfisch. Segensformel und Amen.
(Ausführliche Inhaltszusammenfassung bei Klingner, Jacob/Lieb, Ludger: Handbuch Minnereden, S. 536f.)