Guelfi und Gibellini (Enoch Widman)

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Guelfi und Gibellini

AutorIn Enoch Widman
Entstehungszeit 1596
Entstehungsort Hof
AuftraggeberIn
Überlieferung Vgl. Chronik der Stadt Hof (Enoch Widman)
Ausgaben Vgl. Chronik der Stadt Hof (Enoch Widman)
Übersetzungen
Forschung

Text

[1] Anno 1242 demnach gedachter keiser sich mit den schendtlichen bäbsten fast 33 jhar beissen müssen, theilete sich in solchen langwirigen krigen und lermen gantz Italia in zwo secten oder rotte. Ettliche erbarmete der grosse jamer und unrecht, so der keiser leiden muste, verfochten den keiser in Italia, die nennet man Gibelliner. Die dem babst anhingen, wurden Guelfi genant. Es ist wunder zu sagen von dieser auffrhur, daß auch dieselbe 250 jhar biß an unsere zeit gewehret hat. Alle städt, flecken, dörffer etc. waren in diese zwei Völker eingetheilt und so gar unterschiden, daß die Gibelliner anders gekleidet gingen, anders redeten, baueten, andere panier in kriegen fuhreten, andere färb trugen alß die Guelfi. Man kennete ide part am gang, an gestalt des gesichts und an allen geberden, hetten ihre sondere warzeichen an färben, fingerdeuten, fragen, lose stim und geberd deß leibs. Wo sie zusammen kamen, rechtfertigten sie einander, verfolgeten einander tödtlich, macheten alle flecken voll einheimischer krig, daß nicht allein ein dorff, stad oder fleck mit den andern kriget, sonder auch ide stat und fleck war in sich selbst zertheilet, durchächteten einander und welche sect die ander vermochte, die trieb die andere aus. Teglich geschahen angriff und uberfelle, viel hunderttausendt man gingen darüber zu boden und fugeten einander mehr schaden zu, dann das gantze Welschland seind Christi geburt von den Ungarn, Attila, Gotthieren und allen ihren feindten erlidten hatte, also daß sie auch zur fasten- und bußzeit einander nicht schoneten, sondern ihren heimlichen und öffentlichen haß gegeneinander offenbareren. Dann Bonifacius VIII., der heilige babst, alß er am Aschermitwoch dem ertzbischoff zu Genua Poretreto oder Prorheto die heilige asch an die Stirn drücken solte, warff er ihme diselbige ins gesicht sprechende „Du bist ein Gibelliner und must mit den Gibellinern zu aschen werden!“ Do er sonsten nach der römischen kirchen gebrauch sagen solte: „Gedenk, daß du aschen bist und widerumb zu aschen werden solst!“ Diejenigen, welche keiner part sein wolten und uff beden achseln trugen, die wurden von beden parten verfolget, ihre städt umbgekehret, sie selbsten erwurget oder deß lands vertriben. Ettlichen wurden die augen außgestochen, ettliche sonsten gemartert und jemmerlich zerfleischet, [S. 72] sonderlichen aber die, vor denen man sich sehr besorgen muste. Sonsten kennete der keiser die seinen sowol auch der babst. Die bäbstischen, wenn sie ihren gegentheil sahen, sagten: „Hie Guelfi!“ Die keiserischen aber sprachen: „Hie Gibelliner!“ und trotzeten also einander wo sie kondten.

Anmerkungen

  1. Zitiert nach Rösler, Maria (Hg.): Enoch Widman, S. 71f. Marginalie: "Guelfi und Gibellini".