Von einer Amme (B266)
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Von einer Amme (B266) | |
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| AutorIn | Anon. |
| Entstehungszeit | Überlieferung 15. Jahrhundert |
| Entstehungsort | |
| AuftraggeberIn | |
| Überlieferung | Wien, Österreichische Nationalbibliothek: 2796, 44r-58r |
| Ausgaben | |
| Übersetzungen | |
| Forschung | Klingner, Jacob: Von einer Amme; Klingner, Jacob/Lieb, Ludger: Handbuch Minnereden, S. 417-419 |
Inhalt
A Die Zeichen der Minne
In direkter Anrede bittet der Sprecher um Lohn und Linderung seines Leidens; die Anrede kann sowohl der Geliebten als auch Maria gelten. Die anschließende Reflexion entfaltet eine komplexe Zeichen‑Metapher: Neun Zeichen seien immer bei ihm, der Anfang der Worte sei gesetzt, die Zeichen seien mit Tugenden ausgestattet. Die lange Liebe erinnere ihn an ihre Vortrefflichkeit, auf die er niemals verzichten könne. Es handle sich um göttliche Liebeszeichen, durch die er sein Herz Gott widmen wolle. Oft müsse er weinen, wenn er ihre unaussprechlichen Tugenden rühmen höre. Ohne das Zeichen sei er blind; auserwählte Zeichen kämen von Gott und schützten vor dem Bösen. Sein einziges Verlangen sei, den Zeichen treu zu folgen.
B Amme‑Kind‑Allegorie
Der Sprecher bereut seine Jugend ohne Lehre und Speise der Zeichen und dankt Gott, dass sie ihm dennoch erschienen seien. Die rechte Lehre bringe Glück: Wie ein Kind Tugend aus der Brust einer edlen Amme sauge, so werde durch liebevolle Erziehung die angeborene böse Art überwunden. Die Minne erziehe und mache beständig; ohne sie könnten weder Alte noch Junge gebildet werden. Er selbst habe die Speise der Amme nicht erhalten, aber ihre Lehre empfangen. Daher rät er zu Dankbarkeit und ausschließlicher Treue zur Amme bis zum Lebensende. Die Amme ermögliche die Erlangung göttlicher Gnade. Seine eigene Amme sei schön und jung, vertreibe alles Böse und sei ein „Schrein“ der Tüchtigkeit und Ehre. Er bittet um die Verlängerung ihres Lebens und die Abwendung ihres Kummers. Nur der Dienstmann der Minne dürfe die Minnewaffe tragen; Tugendadel entstehe durch Erziehung. Die Amme solle man mit Liebe vergelten; wer liebevoll erzogen sei, solle sich immer beherrschen, selbst als König. Böse Menschen könnten den Wert der edlen Amme nicht erkennen.
C Adelslehre
Der Sprecher richtet sich an Fürsten und Herren: Wer edler werden wolle, brauche gute Ammen, denn ihre Erziehung präge den Adel. Sie sollen sich um Tugendhaftigkeit bemühen, besonders um Beständigkeit, damit die Amme ihre Erziehung an ihnen erkenne. Wer sich freiwillig der Lehre einer edlen Amme unterwerfe, vermehre Ansehen und Ruhm. Die Kunst der Amme sei wenigen bekannt, könne aber durch Minneverlangen schnell erlernt werden. Die Amme sei manchem Meister überlegen; leere Worte und treulose Kunst verflucht er. Wie es im Recht das „Dekret“ gebe, so gebe es in der Minne das „Sekret“, dessen Lehren in Stille zu befolgen seien. Die Liebe der Ammen sei ein Lehen, das Herz solle erfüllt, der Mund verschlossen sein; heimliche Liebe sei die beste. Scham solle der nächste Nachbar der Liebe sein. Er selbst trage täglich die Speise seiner Amme im Mund und ihren Duft im Herzen. Ihr fehlender Tadel schmerze ihn, denn durch Tadel könne er ihren Willen besser erfüllen. Ein Leben nach ihrem Willen schütze vor Schande in dieser und der kommenden Welt.
D Liebesbekenntnis und Preis der Amme
Der Sprecher will die Werke der Barmherzigkeit an der Amme vollbringen: sie im Herzen beherbergen, sie mit Lob bekleiden, sie mit guter Rede speisen, ihr den Schweiß seines Dienstes zu trinken geben und sie tief in seinem Herzen begraben, damit er in ihrer Liebe zu Asche werde und mit ihr auferstehe. Er lobt ihre Vorbildlichkeit, Würde, heilbringende Kraft, Schönheit und edle Gesinnung. Sie verdiene Zepter und Reichsapfel, sei ein Tempel des Guten und habe Anteil am Gral. Bei ihr liege der Schatz der Ehren. Er verflucht die falschen Kinder, die Ammen und „Puppen“ schaden. Die Amme sei ohne Flügel in sein Herz geflogen; er wolle ihrem Engel dienen, um ihre Liebe nicht zu verlieren.
E Auslegung der Allegorie und Schluss
Der Sprecher reflektiert die empfangene Lehre und verbindet sie mit den ersten drei Minnereden: Der Schatz habe ihn zur Tugend bekehrt; der Fasan habe ihn gelehrt, Schönheit zu betrachten; die Amme habe ihn erzogen. Eine tugendhafte Frau gleiche Schatz, Fasan und Amme. Ihr rät er, wachsam zu sein: das Gefieder nicht brechen zu lassen, sich nicht mit falscher Münze betrügen zu lassen und ihre Kinder tugendhaft zu erziehen. Der Text endet mit der Aufforderung an alle Liebeswilligen, für die Freude von Kindern und Ammen zu beten.
(Ausführliche Inhaltszusammenfassung bei Klingner, Jacob/Lieb, Ludger: Handbuch Minnereden, S. 417-419)