Die Maße (B288)

Aus Brevitas Wiki
Version vom 6. Februar 2026, 21:14 Uhr von Silvan Wagner (Diskussion | Beiträge)
(Unterschied) ← Nächstältere Version | Aktuelle Version (Unterschied) | Nächstjüngere Version → (Unterschied)
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Die Maße (B288)

AutorIn Anon.
Entstehungszeit Überlieferung ab 1. Viertel 14. Jhd.
Entstehungsort
AuftraggeberIn
Überlieferung Cologny, Bibliotheca Bodmeriana: Cod. Bodmer 72, 241rb-242va
Heidelberg, Universitätsbibliothek: Cpg 341, 238rb-239va
Ausgaben
Übersetzungen
Forschung Klingner, Jacob/Lieb, Ludger: Handbuch Minnereden, S. 396-398

Inhalt

A Einleitung

Die „Maße“ wird als Mutter aller Tugenden gepriesen: Wer ihr folgt, lernt das richtige Verhalten.

B Männerteil

Es folgt eine Darstellung der Wirkungen des maßvollen Handelns für Männer. Maßhalten regelt angemessenes Sprechen und Schweigen, den Einsatz für Gerechtigkeit und den Umgang mit Frauen; es verleiht Mut und gesellschaftliches Ansehen. In einer kurzen Anrede erklärt der Sprecher, er würde die „Maße“ heiraten, wäre sie eine Frau, um sich dauerhaftes Glück zu sichern. Maßhalten verschafft Ansehen bei Rittern und Frauen und ermöglicht heimliche Minne. Es wirkt auch außerhalb des Hofes, da es den Menschen, der ihr folgt, in allen Ständen beliebt macht. Der Sprecher gibt konkrete Verhaltenslehren: Menschen schlicht lieben, Eigenlob und Anmaßung vermeiden, nicht lügen oder schelten, nicht prahlen, verschwiegen und aufrichtig sein, Zorn mäßigen, nicht zu viel klagen, niemanden beleidigen (außer zur Verteidigung der eigenen Ehre), freigebig, aber nicht verschwenderisch sein. Verschwendung führe zu Armut und Ansehensverlust. Der Abschnitt endet mit einem Preis der „Maße“ als universaler Tugend und einer Bitte an Gott, sie allen Menschen zu bewahren.

C Frauenteil

Für Frauen ist Maßhalten entscheidend, weil erst durch sie — nicht durch äußere Schönheit — heimliche Minne bei Wahrung der Ehre möglich wird. Der Sprecher gibt Verhaltensregeln für das Auftreten in der Öffentlichkeit: angenehmes Benehmen, Zurückhaltung im Reden, Sorge für den Ehemann, Unterordnung, Maß in allem, Schlichtung statt Vergeltung. So gewinnen Frauen Liebe, einen guten Mann, Belehrung, Seelenheil und das Ansehen aller Stände. Sie sollen Zorn und Trägheit überwinden, tugendhaft und beständig sein — dann gelingen auch diskrete Angelegenheiten wie heimliche Minne. Der Abschnitt schließt mit einem ausführlichen Vergleich mit der Turteltaube: Die Frau solle ohne Hass sein; verliere sie einen Geliebten, sei beständige Trauer zwar ehrenvoll, doch könne sie eine neue Liebe mit Maßhalten guten Gewissens eingehen, da ihr dies allgemeine Wertschätzung sichere.

D Schluss

Der Sprecher wendet sich schließlich direkt an ein einzelnes Gegenüber und erklärt, er habe nichts Weiteres zu sagen, außer dass dieses Gegenüber Freude haben solle. Nach einer kurzen Schlussformel folgt eine gebetsartige Segensbitte an Gott, den Heiligen Geist und die Dreifaltigkeit, abgeschlossen mit einem Amen.

(Ausführliche Inhaltszusammenfassung bei Klingner, Jacob/Lieb, Ludger: Handbuch Minnereden, S. 396-398)