Der heimliche Bote (B300)

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Der heimliche Bote (B300)

AutorIn Anon.
Entstehungszeit Überlieferung um 1200
Entstehungsort
AuftraggeberIn
Überlieferung München, Bayerische Staatsbibliothek: Clm 7792, 59r
Ausgaben
Übersetzungen
Forschung Klingner, Jacob/Lieb, Ludger: Handbuch Minnereden, S. 466f.

Inhalt

A Botenrede des Briefes

Der Brief spricht als vertrauter Bote und erklärt, ein weit bekannter Herr habe ihn ausgesandt, um eine edle Dame aufzusuchen. Sie solle sich keinem Mann hingeben, der sie nicht wirklich lieben könne oder dessen Liebe nicht heimlich sei. Stattdessen solle sie sich dorthin wenden, wo man sie angemessen liebt. In diesem Sinn wolle der Herr sie beraten. Der Brief leitet zur eigentlichen Botschaft über.

B Minnelehre

Der Sprecher erklärt der Dame, viele Männer glaubten, aufgrund äußerer Eigenschaften geliebt zu werden: wegen Stärke, Größe, Schönheit, Kühnheit oder ihres Haars. Frauen würden dadurch getäuscht — die eine durch Manneskraft, die andere durch ritterliches Auftreten. Zudem bereiteten Männer ihnen Kummer, weil sie lieber fortreiten und Turniere suchen, statt bei ihnen zu bleiben. Daher solle man höfisches Gehabe nicht überbewerten und sich von solchen Männern fernhalten. Was einen guten Liebhaber auszeichne, stehe im „Buch Phaset“: Gute Minne beruhe auf Güte, Kenntnis der Wege und freundlichem Verhalten. Zur guten Minne gehöre vernünftiges Handeln.

C Tugendlehre für den Mann

Es folgt eine höfische Unterweisung für Männer. Zuerst wird Demut gefordert: Der Mann solle seinen Verstand bewahren und sich von übler Rede fernhalten. Ein Armer, der seine Gesinnung nicht voll ausleben könne, solle seine Armut mit Anstand und Güte bedecken; kluges Verhalten mehre seine Tüchtigkeit. Böses solle er meiden, auch wenn ihn Nachbarn deshalb missachteten. Er solle tugendhaft sein oder zumindest guten Willen zeigen, geziemend antworten und anständig grüßen. Wer sich angenehme und weise Rede aneigne, gewinne Anerkennung und schütze sich vor Rache oder Übelwollen. Der Sprecher betont erneut, dass der Mann auf Tugend nicht verzichten dürfe. Wenn sein gutes Benehmen bemerkt werde, verstummten die Widersacher. Tugend und Ehre zahlten sich immer aus; wer diesen Ratschlägen folge, bewahre seine Ehre frisch und beständig.

(Ausführliche Inhaltszusammenfassung bei Klingner, Jacob/Lieb, Ludger: Handbuch Minnereden, S. 466f.)