Sekte der Minner (B302)

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Sekte der Minner (B302)

AutorIn Anon.
Entstehungszeit Überlieferung Mitte 14. Jhd.
Entstehungsort
AuftraggeberIn
Überlieferung Straßburg, Stadtbibliothek: Cod. A 94, 47rh-49ra (verbrannt)
Ausgaben Dorobantu, Julia/Klingner, Jacob/Lieb, Ludger (Hg.): Minnereden, S. 457-465
Übersetzungen
Forschung Klingner, Jacob/Lieb, Ludger: Handbuch Minnereden, S. 471-473; Stridde, Christine: Sekte der Minner

Inhalt

A Prolog

Der Text präsentiert sich als nützliches Minnebüchlein, „Vorsatz der Minne“, verfasst in der Hoffnung auf den Lohn der Minne. Wer seine Lehre nicht möge, solle seinen Zorn zügeln. Der Sprecher betont im Bescheidenheitstopos, dass derjenige, der in anständiger Weise nach Minne verlangt und Maß hält, ihre Schönheit empfängt — ebenso wie die würdigen Frauen. Er will den Mann unterweisen, der den Minnelohn begehrt. In einer Zeitklage erinnert er an die frühere Macht und Gelehrsamkeit der Minne und beklagt, dass viele heute den „Orden der Minne“ als zu streng empfinden. Die rechte Minne könne Herz und Verstand zur Tugend führen; vieles, was heute „Minne“ heiße, sei in Wahrheit „Unminne“.

B Zehn Gebote der Minne

Der Sprecher erklärt, wie man um die Gnade reiner Frauen bittet, und fasst die nötigen Tugenden in zehn Geboten zusammen, die Damen, Welt und Gott ehren.

  • Treue: Sie soll im Herzen wohnen, ist Blume des Heils und führt zum Schatz der Minne. Wer treu liebt, erhält leicht Erwiderung.
  • Zucht: Wohlerzogenheit bringt reine Frucht, Gottes Segen und allgemeine Beliebtheit; sie ziert besser als Gold.
  • Beständigkeit: Sie gehört zum vollkommenen Orden der Minne, bringt Tugenden hervor und führt zum Seelenheil; stete Liebe ist frei von Wankelmut.
  • Geduld: Sie bringt Gottes Huld und den Gruß der Frauen; sie lässt Schmähungen und den Wechsel von Liebe und Leid ertragen. Die Frau solle den Mann prüfen, bevor sie ihm gewährt, was er verlangt.
  • Höfischeit: Sie verleiht Ansehen, Mut und schöne Rede, vertreibt Leid und macht den Mann bei Frauen beliebt.
  • Milte: Freigebigkeit ist entscheidend, maßvoll und ohne Leid; sie schenkt sich edlen Menschen angemessen.
  • Verschwiegenheit: Sie ist eine geachtete Kunst; der Mann solle wie ein lautloser Spürhund handeln und die Geliebte im Herzen verbergen.
  • Kühnheit: Mut führt zu Ehre und Minnelohn; der Mann solle immer wieder mutig bekennen, solange niemand es bemerkt.
  • Mäßigung und Weisheit: Beide sind untrennbar verbunden wie Fäden im Gewebe; keine Tugend existiert ohne sie. Wer ihnen folgt, erhält den Minnelohn.

Der Sprecher fasst den Nutzen der Gebote zusammen und warnt allegorisch: Wer im Wagen des Wandels fährt, versinkt im Moor.

C Lob der Geliebten und Minneklage

Der Sprecher preist seine Geliebte als süße Trösterin seines Herzens und schreibt ihr alle Tugenden zu. Er habe lange und treu um sie geworben und leide ihretwegen. Ihre Augen erhellten sein Herz wie die Sonne den trüben Tag. In einer vollständigen Schönheitsbeschreibung von Kopf bis Fuß rühmt er Haar, Augenbrauen, Stirn, Nase, Mund, Zähne, Wangen, Hals, Schultern, Arme, Hände und Brüste. Er nennt sie „Frau Schönheit“ und erklärt, Gott habe ihr die Krone des Wunsches verliehen. Er müsse sie preisen und ihr dienen, bis ihr Trost sein Leid lindere; sein Schmerz sei größer als der von Pyramus und Thisbe. Viele Frauen seien Rosen ohne Dornen. Es folgt eine Selbstreflexion: Er habe das Wesentliche gesagt und Nebensächliches vermieden; er wolle nicht wie jener sein, dessen Worte klug, dessen Taten aber töricht seien. Er preist erneut seine Dame und die guten Frauen, fordert Tugenden wie Scham, Keuschheit und Beständigkeit und bittet seine Geliebte inständig um Erhörung. Am Ende steht ein Schreiberspruch, der Christus und die Empfängerin um Fürsorge bittet.

(Ausführliche Inhaltszusammenfassung bei Klingner, Jacob/Lieb, Ludger: Handbuch Minnereden, S. 471-473)