Der Minne Leben (B336)
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Der Minne Leben (B336) | |
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| AutorIn | Anon. |
| Entstehungszeit | Vor drittes Viertel 14. Jhd. |
| Entstehungsort | |
| AuftraggeberIn | |
| Überlieferung | Gent, Rijksuniversiteit: Centrale Bibliotheek: 1644, 3v-4v 's-Hertogenbosch, Bistumsarch: Ohne Signatur, 1r-1v Berlin, Staatsbibliothek: Mgf 922, 21vb-25vb Danzig, Polnische Akademie der Wissenschaften: Ms. 2418, 25v-32v |
| Ausgaben | |
| Übersetzungen | |
| Forschung | Klinger, Jacob: Der Minne Leben; Klingner, Jacob/Lieb, Ludger: Handbuch Minnereden, S. 513-516 |
Inhalt
A Begegnung mit einer Dame (1–62)
Ein Sprecher – offenbar ein Geistlicher – sitzt an einem verborgenen Ort und denkt an seine Geliebte. Eine junge, schöne Dame tritt zu ihm, grüßt ihn, legt ihren Mantel ab und setzt sich seufzend zu ihm. Sie bittet ihn um Rat: Sie wolle wissen, wie man in guter Minne aufrichtig leben könne. Sie fühle starke Versuchungen, wolle aber nichts beginnen, bevor sie wisse, was Minne sei. Der Sprecher wehrt ab und sagt, er müsse über anderes nachdenken. Sie versichert, nichts zu wollen, was ihn in Sünde brächte. Er rät ihr, sich von der Minne fernzuhalten. Doch sie will erst wissen, was Minne überhaupt sei.
B Das Kloster der Minne und die Ordensregeln (63–118)
Der Sprecher erklärt, der „Orden der Minne“ sei der schwerste der Welt. Frau Venus sei die Priorin; wer eintrete, müsse sich ihr unterwerfen. Es gebe kein Probejahr, man bleibe ewig. Betrügerische Liebe sei ausgeschlossen. Die Dame möchte die Ordensregel hören. Sie hält den Sprecher – trotz seiner Kleidung – für einen „Bruder“ der Venus. Er sagt, er kenne die Regel auswendig, weil seine Geliebte, eine „Meisterin“, sie ihn gelehrt habe. Eine Frau, die in den Orden eintrete und ihren Geliebten wähle, sei selbst Meisterin der Minne. Die Dame möchte dennoch wissen, ob sie sich auf die Minne einlassen solle.
C Die sieben Fesseln der Minne (119–312)
Der Sprecher beschreibt sieben „Fesseln“, die ihn Tag und Nacht quälen und das Minneleben fast unerträglich machen:
- Sehnsucht: Unaufhörliches Grübeln, wie er bei der Geliebten sein könne; Traurigkeit, weil er ihr Herz nicht ausschütten kann.
- Verstummen: In ihrer Nähe verliert er den Verstand, schwitzt, kann weder sprechen noch schweigen.
- Scheiden: Das Weggehen von ihr ist das Schwerste; er sieht sie in Gedanken überall.
- Anblick: Er wagt es kaum, sie in Öffentlichkeit anzusehen; die Augen folgen dennoch dem Herzen.
- Verleumdung: Die „Klaffer“ verletzen ihn und seine Geliebte; er verflucht sie.
- Verheimlichung: Ständige Angst, entdeckt zu werden; Umwege, Zittern, Seufzen.
- Verlustangst: Die härteste Fessel: die Angst, dass sie einen anderen wählen könnte. Keine Liebe ohne Angst; selbst die Gelehrten von Paris und Montpellier könnten diese Qual nicht beschreiben.
Dies sei das wahre Leben der Minne. Die Dame solle nun entscheiden. Er rät ihr, ohne Minne zu leben.
D Treue und Hoffnung (313–350)
Die Dame fragt, wie Liebende das alles ertragen. Der Sprecher nennt zwei Gründe:
- Treue: Ein wahrer Liebender würde seine Geliebte keiner Kaiserin vorziehen.
- Hoffnung: Die Hoffnung, eines Tages von ihren Armen umfangen zu werden.
Darum verlasse er seine Geliebte nicht. Er müsse nun eigentlich sein Stundengebet verrichten.
E Die drei Merkmale treuer Minne (351–455)
Die Dame bittet um weitere Belehrung. Der Sprecher nennt drei Kennzeichen wahrer Liebhaber:
- Beständigkeit: Immer dieselbe Frau lieben, nie wechseln; betrügerische Liebe sei, heute diese, morgen jene zu lieben. Wenn eine Frau die Liebe nicht erwidere, solle der Mann sein „Kleinod“ (Herz, Treue) zurücknehmen.
- Klaffer meiden: Der Liebhaber schützt die Ehre der Geliebten, meidet Verleumder und besucht sie nur an Orten, die sie bestimmt.
- Keine Gabenliebe: Man solle nicht wegen Besitz lieben; sonst liebe man Geld, nicht die Frau.
- Der Sprecher will sich verabschieden.
F Liebesbekenntnis der Dame (456–525)
Die Dame hält ihn zurück und gesteht ihm ihre Liebe. Er habe sie mit dem Pfeil der Minne verwundet; ohne seinen Trost sterbe sie. Der Sprecher erschrickt: Ihre Liebe sei vergeblich, denn er habe eine andere Geliebte, der er treu bleiben werde. Die Dame verzweifelt, ringt die Hände, wirkt wie wahnsinnig. Er sagt, er könne ihr nichts geben, solange seine Geliebte ihm treu sei. Ihr Leid tue ihm dennoch weh. Sie bittet, seine Freundin zu werden, falls seine Geliebte ihn je verlasse. Er verspricht, sie dann an erste Stelle zu setzen. Damit gibt sie sich zufrieden, verabschiedet sich weinend und empfiehlt ihn Gott, Maria und Johannes.
G Epilog (526–546)
Der Sprecher erklärt, er habe dieses Gedicht als Lehre für alle verfasst, die sich der Minne zuwenden wollen. Sie sollten wissen, wie schwer das Minneleben sei, bevor sie sich darauf einlassen. Viele priesen die Minne, ohne zu wissen, wie viel Leid sie bringe. Darum habe er das Leben der Minne beschrieben.
(Ausführliche Inhaltszusammenfassung bei Klingner, Jacob/Lieb, Ludger: Handbuch Minnereden, S. 513-516)