Der Spalt in der Wand (B352)
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Der Spalt in der Wand (B352) | |
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| AutorIn | Anon. |
| Entstehungszeit | Überlieferung ab 1425 |
| Entstehungsort | |
| AuftraggeberIn | |
| Überlieferung | Heidelberg, Universitätsbibliothek: Cpg 313, 292v-298r Karlsruhe, Landesbibliothek: Hs. Donaueschingen 104, 246va-248va München, Bayerische Staatsbibliothek: Cgm 270, 102r-106v München, Bayerische Staatsbibliothek: Cgm 379, 63r-68v Salzburg, Stiftsbibliothek St. Peter: bIV 3, 70v-74r |
| Ausgaben | |
| Übersetzungen | |
| Forschung | Klingner, Jacob: Der Spalt in der Wand; Klingner, Jacob/Lieb, Ludger: Handbuch Minnereden, S. 550-552 |
Inhalt
A Exposition (1–93)
Der Sprecher beklagt sein ständiges Missgeschick in Liebe und Leben und verweist dabei mehrfach auf gängige Spruchweisheiten, die sowohl schicksalhafte Festlegung als auch Hoffnung auf Besserung betonen. In seiner Dame habe er vollkommene Zucht und Scham gefunden; nur sie entziehe sich jeder Unvollkommenheit. Ihre Schönheit übertreffe jede Darstellungskunst, und wer sie am Morgen sehe, habe einen glücklichen Tag vor sich. Nach einem Hinweis auf die Vorrangstellung der Keuschheit vor der äußeren Schönheit wendet er sich seinem eigenen Leid zu und begründet poetologisch, dass das Herz sich erleichtere, wenn es Schmerz in Worte fasse. So kündigt er an, zu berichten, was ihm kürzlich widerfahren sei.
B Belauschtes Gespräch (94–286)
Als er eines Tages vor dem Fenster seiner Dame steht, bemerkt er eine alte Frau mit Bettelstab und hört durch einen Spalt in der Wand ihr Gespräch mit der Dame. Die Alte hält eine lange Lehrrede, in der sie betont, dass Schönheit vergehe, und einen wohlhabenden jungen Mann anpreist, dessen Umgang ehrenvoll sei, während der gegenwärtige Liebhaber der Dame arm sei und nur singen könne. Der Sprecher erkennt sich selbst in dieser Schmähung und hält die Alte für einen teuflischen Boten. Die Alte fordert die Dame auf, ihre Vorzüge auszunutzen, solange sie begehrt werde, und entfaltet anschließend eine ausführliche Liste von Regeln, die eine Gegenlehre zur höfischen Minne darstellen: nicht im Haus bleiben, sondern viel unterwegs sein, Männer anlächeln und umschmeicheln, eine gewitzte Helferin oder einen Knecht einsetzen, zahlreiche Liebhaber haben, Geschenke einfordern, Männer gegeneinander ausspielen, sie bei Bedarf verleumden oder in Tränen ausbrechen. Am Ende bittet sie um Dank und darum, in das Gebet der Dame aufgenommen zu werden.
C Sprecherkommentar (287–308)
Der Sprecher freut sich, dass seiner Dame die Rede der Alten missfallen hat. Da er sich jedoch unbemerkt entfernen muss, kann er die Alte nicht stellen und verpasst das Ende des Gesprächs. Er gesteht, dass ihn das Gehörte traurig, erschrocken und zweifelnd gemacht habe, hofft jedoch, dass seine Dame noch eine bessere Unterweisung erhalte und sich an das Sprichwort halte, dass die Jungen von den Alten lernen.
D Epimythion (309–324)
Die abschließende Lehre lautet, dass selbst Menschen, die es besser wissen müssten, zur Verfehlung verführt werden können. Doch wahrhaft Beständige lassen sich durch Liebe und Leid nicht erschüttern, und diese Beständigkeit traut der Sprecher auch seiner Dame zu. Ein geistlicher Segen beschließt das Stück.
(Ausführliche Inhaltszusammenfassung bei Klingner, Jacob/Lieb, Ludger: Handbuch Minnereden, S. 551f.)