Von einem Schatz (B392)

Aus Brevitas Wiki
Version vom 14. Februar 2026, 21:49 Uhr von Silvan Wagner (Diskussion | Beiträge)
(Unterschied) ← Nächstältere Version | Aktuelle Version (Unterschied) | Nächstjüngere Version → (Unterschied)
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Von einem Schatz (B392)

AutorIn Anon.
Entstehungszeit Überlieferung 1483
Entstehungsort
AuftraggeberIn
Überlieferung Wien, Österreichische Nationalbibliothek: 2796, 1r-18r
Ausgaben
Übersetzungen
Forschung Klingner, Jacob: Von einem Schatz; Klingner, Jacob/Lieb, Ludger: Handbuch Minnereden, S. 616-618

Inhalt

A Reflexionen über den Schatz und allegorische Beschreibung (Str. 1–75)

Der Sprecher schildert, wie er nach langer hoffnungsloser Zeit Trost findet, als er auf einem herrlichen Felsen einen kostbaren Schatz entdeckt, den er immer wieder „drisel“ nennt. Dieser makellose, gottbegnadete Schatz ist das einzige Ziel seines Herzens und liegt im „Tal der Freude“. Der Sprecher dient ihm voller Zuversicht, da Barmherzigkeit und Freigebigkeit zu seinen Eigenschaften gehören. In einer Folge von teils mystisch gefärbten Bildern preist er die veredelnde Kraft des Schatzes, dessen Zugang hoch und beschwerlich sei. Er vergleicht ihn mit dem Gral und erklärt, nur Tugend führe zu ihm. Obwohl ein Engel die Tore bewacht und sein eigenes Vermögen zu gering sei, „stiehlt“ er täglich etwas aus Habgier, ohne dass es bemerkt werde. Der Schatz schweige oft wie Parzival, bestehe aus Silber, Gold und sechzehn Edelsteinen, die gegen Unminne schützen. Er liege auf einem edlen Berg, ziehe den Sprecher wie ein Magnet an und dulde keine Fälschung. Der Weg sei verborgen, ein Wegweiser nötig. Der Sprecher trägt die Last des Schatzes seit Jahren und lässt sich nicht vom Weg der Liebe abbringen, auch wenn andere ihn für einen beladenen Esel halten. Er warnt vor falschem Geld und bittet Gott, den Schatz zu schützen.

B Gespräche mit dem Engel Gottes (Str. 76–90)

Ein böser Geist habe ihn in Versuchung geführt, weshalb ihm Gottes Engel erschienen sei, der ihn tröstet und zur Hoffnung ermutigt. Der Engel verspricht Lohn für treues Warten und warnt vor Zweifel. Der Sprecher preist die Kraft des Schatzes und die erlösende Macht der Furcht. Der Engel mahnt, man solle selbst dann keine Missetat begehen, wenn es Himmel und Hölle nicht gäbe, und rät, sich auf ihn zu verlassen. Der Sprecher bittet den Engel, als Bote zu dienen und dem Schatz einen Brief und eine mündliche Botschaft zu überbringen. Er erklärt, er wolle den Schatz nicht öffentlich rühmen, da man ihn für einen Narren hielte. In einem zweiten kurzen Gespräch bekennt er sich erneut zur wahren Minne und zu seiner Ergebenheit gegenüber Engel und Schatz.

C Minnereflexion, Preis und Liebesklage (Str. 91–170)

Der Sprecher erwägt, bei welchen Mächten er Hilfe suchen solle: Gott, Venus, Amor oder Cupido. Obwohl er sich für Gott entscheidet, hofft er auch auf Venus’ Unterstützung. Es folgt ein Gebet und eine Apostrophe an die Minne, die er als scharfen Angel beschreibt. Der Angelhaken habe ihn schmerzhaft durchbohrt, doch schenke er zugleich Freude; nur seine Geliebte könne ihn entfernen. Den süßen Köder habe er tief verschluckt, damit niemand ihn sehe. Er bittet um Gnade für seine Dienste und preist erneut den Schatz. Anschließend bezieht er die artes liberales und weitere Künste auf den Schatz: Nigromantie und Musik wünscht er ihm, die übrigen — Astronomie, Alchemie, Logik, Geometrie, Arithmetik, Rhetorik, Grammatik, Ars notaria und Theologie — seien ihm bereits eigen. Dadurch sei der Schatz frei und unverletzbar. Sein Gedicht widmet er dem Schatz als Dienst.

D Tugendklage und Adelslehre (Str. 171–207)

Der Sprecher sehnt sich nach der keuschen Lehre und nach der Rettung durch die rätselhaften „Zeichen“, die er erst spät als göttlich begnadet erkannt habe. Durch sie empfange man die Minnekrankheit. Ein Meister bemühe sich, seine Krankheit zu heilen, doch leide er auch unter dem Unrecht, das der Adel dem Schatz antue. In direkter Anrede belehrt er die Adligen darüber, wie man wahre Schätze erkennt, wie man sie erlangt und wie man sich tugendhaft verhalten solle. Der Schatz besitze die beste sanguinische Komplexion und könne die negativen Temperamente — Choleriker, Melancholiker, Phlegmatiker — in Sanguiniker verwandeln. Das Gedicht endet mit einer Lehre für junge Männer über christliche Tugenden und wahre Minne. Abschließend erbittet der Sprecher den Segen des Publikums, damit er künftig noch bessere Lehren vermitteln könne.

(Ausführliche Inhaltszusammenfassung bei Klingner, Jacob/Lieb, Ludger: Handbuch Minnereden, S. 616-618)