Farbentracht (B436)

Aus Brevitas Wiki
Version vom 11. März 2026, 20:27 Uhr von Silvan Wagner (Diskussion | Beiträge)
(Unterschied) ← Nächstältere Version | Aktuelle Version (Unterschied) | Nächstjüngere Version → (Unterschied)
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Farbentracht (B436)

AutorIn Anon.
Entstehungszeit Überlieferung um 1480
Entstehungsort
AuftraggeberIn
Überlieferung Stockholm, Königliche Bibliothek: Vu 82, S. 8-48
Ausgaben
Übersetzungen
Forschung Klingner, Jacob: Farbentracht; Klingner, Jacob/Lieb, Ludger: Handbuch Minnereden, S. 746-750

Inhalt

A Spaziergangseinleitung und Gespräch mit der Hofdame (1–77)

Auf einem Ausritt gelangt der von Sorgen belastete Sprecher in einen schönen Wald voller Vogelgesang und Blumen. Dort begegnet er einer Dame in violetter Seide. Er steigt ab, kniet und erklärt auf ihre Nachfrage, er suche Befreiung von seinem Kummer und wolle die Regeln und Zeichenhaftigkeit farbiger Kleidung verstehen. Die Dame freut sich über seine Wissbegierde und verspricht, ihn zu ihrer Herrin, der Königin Ehre, zu führen.

B Vorstellung am Hof der ›Ehre‹ (78–173)

Gemeinsam reiten sie weiter; der Sprecher ist jedoch zu unerfahren, um angemessen höfisch zu reagieren. Sie erreichen eine Blumenwiese mit einem violetten Zelt, dem Heerlager der Ehre. Der Sprecher bittet die Begleiterin um Fürsprache. Im Zelt sieht er eine höfische Gesellschaft in violettem, edelsteinbesetztem Gewand. Auf einem Thron mit neun Stufen sitzt Frau Ehre, deren Schönheit er preist. Die Begleiterin bittet sie, den Sprecher zu unterweisen.

C Lehre der ›Frau Ehre‹ (174–253)

Der Sprecher wiederholt seine Wünsche: Er strebe nach Ehre, Wahrheit und der Erklärung der Farbentracht. Frau Ehre will ihn zunächst über die Ehre belehren. Sie nennt neun Stufen, die zum Thron der Ehre führen: Erinnerung an die Ehrpflicht, Treue, Beständigkeit, Verschwiegenheit, Aufrichtigkeit, Freigebigkeit, Tapferkeit, Keuschheit und höfisches Benehmen. Dann überreicht sie ihm das Kleid der Ehre und erklärt die Vorrangstellung der violetten Farbe, da Gott den ersten Menschen als „braunen Mann“ geschaffen habe. Mit dem Hinweis, dass die Stufen und Farben der Minne zu einem ehrenvollen Leben führen, schickt sie ihn weiter zu Frau Anfang.

D Lehre der ›Frau Anfang‹ (254–335)

Der Sprecher reitet mit seiner Begleiterin entlang eines Baches durch einen Locus amoenus zu einem grünen Seidenzelt. Frau Anfang tritt mit ihrem Gefolge heraus. In grünem, mit Edelsteinen besetztem Gewand lehrt sie, dass Hellgrün den Anfang bezeichnet: Der Mai führe Liebende zusammen, und das Grünen sei ein Zeichen des Neubeginns. Der Sprecher bestätigt seine Zustimmung. Frau Anfang gibt ihm den Auftrag, diese Lehre weiterzutragen, und die Begleiterin kündigt an, ihn zu Frau Hoffen zu führen.

E Lehre der ›Frau Hoffen‹ (336–471)

Sie gelangen zu einem weißblühenden Garten, dessen Wächter die Zugbrücke senken. Im Garten lagert eine höfische Gesellschaft in weißen, perlenbesetzten Gewändern. Frau Hoffen nimmt den Sprecher auf eine hermelinbezogene Bank und erklärt die weiße Farbe als Symbol reiner Liebeshoffnung. Sie zeigt ihm eine Elfenbeintafel mit heimlich zu küssenden Porträts und bestätigt ihre enge Verbindung zu Frau Ehre. Sie widerspricht Seneca, indem sie Unzucht als Schande bezeichnet. Nach Botenauftrag und weißem Lilienkranz setzt der Sprecher seinen Weg fort.

F Lehre der ›Frau Minnebrand‹ (472–658)

Der Sprecher erreicht ein rotes Zelt inmitten einer Rosenwiese. Die Begleiterin erklärt die Ambivalenz des Minnefeuers. Die Hofgesellschaft trägt kostbare rote Gewänder mit Granat, Almandin und Rubin. Frau Minnebrand vergleicht die Minne mit Feuer: Es reinige wie Gold im Schmelz, dürfe aber nicht beschmutzt werden. Auf die Frage nach Ausschluss Unwürdiger verweist sie auf den freien Willen. Die Liebe werde für die Falschen zur Qual. Nach Botenauftrag und Mahnung zur Ehre führt sie ihn auf einen Turnierplatz, wo ihre Schwester die Minneritter belohnt. Der Sprecher erhält einen Kranz und stürzt sich in die Kämpfe.

G Lehre der ›Frau Minnegold‹ (659–754)

Der Sprecher beschreibt den goldenen Wagen, auf dem eine Dame in goldener, edelsteinbesetzter Kleidung sitzt. Ein Ritter stößt ihm eine goldene Lanze ins Herz und bringt ihn vor sie. Frau Minnegold erklärt Gelb als Farbe der gewährten Minne, räumt aber ein, dass es auch Prahlerei bedeuten könne. Gelb sei selten und ehrenhaft: Frauen, Priestern und Rittern stehe es zu. Sie rät, Gewährung vorsichtig zu behandeln und Gold im Herzen zu tragen. Sie sieht sich als Statthalterin der Ehre. Der Sprecher verabschiedet sich.

H Lehre der ›Frau Beständigkeit‹ (755–860)

Der Sprecher erreicht das blaue Lager der Beständigkeit. Frau Stedemynnee sitzt in blauem, saphirbesetztem Gewand auf einem Thron. Sie warnt vor Unbeständigkeit, die sie mit heilsgeschichtlichen Beispielen und Minnesentenzen illustriert. Heuchlerei sei weit verbreitet, echte Beständigkeit selten. Die Begleiterin mahnt den Sprecher und kehrt zu Frau Ehre zurück, während er allein weiterreitet.

I Lehre der ›Frau Dienen‹ (861–958)

Der Sprecher gelangt, bedrückt vom inneren Minnefeuer, zu einer grauen Klause. Eine graugekleidete Dame erklärt Grau als Farbe des Dienens, der Demut, der Entbehrung und des Lebens in der Fremde. Die Klause deutet sie als Herz. Der Sprecher fordert, dass Liebende sich der grauen Farbe zuwenden sollen. Die Dame stimmt zu, verweigert aber weitere Lehre, da jeder eigene Erfahrung machen müsse.

J Lehre der ›Frau Zorn‹ (959–1130)

Der Sprecher gerät in ein Moor und wird von einer schwarzen Schar überfallen, gefesselt und gefoltert. In einer Stichomythie versuchen die Peiniger, ihn zur Abkehr von den Tugenden zu bewegen. Er hält stand, verweigert auch die Nennung des Namens seiner Geliebten und nimmt Folter und Drohungen in Kauf. Schließlich wird er losgebunden; eine Dame erklärt die Qualen als notwendige Probe. Sie deutet Schwarz als Zorn, Trauer, Bedrängnis und als Festhalten an der Liebe bis in den Tod. Der Sprecher bestätigt dies und verweist auf das Leiden Christi. Die Dame sendet ihn zurück an den Hof der Ehre.

K Rückkehr an den Hof der ›Ehre‹ (1131–1178)

Frau Ehre empfängt ihn mit der Verheißung des Lohnes: Ritterehre und ewiges Glück mit der Geliebten. In einer predigthaften Lehre verbindet sie die Minnefarben und Tugenden mit der christlichen Heilsperspektive: Wir seien von Gott ausgesandt, um das Kleid der Ehre zu empfangen. Maria und Christus weisen den Weg. Beständigkeit, Demut und gute Taten führen zur Aufnahme in die Schar der Seligen.

(Ausführliche Inhaltszusammenfassung bei Klingner, Jacob/Lieb, Ludger: Handbuch Minnereden, S. 746-750)