Klage der Tugenden (Jan Dille) (B443)

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Klage der Tugenden (B443)

AutorIn Jan Dille
Entstehungszeit Überlieferung e1405-08
Entstehungsort
AuftraggeberIn
Überlieferung Brüssel, KBR: 15589-623, 80ra-81rb
Ausgaben
Übersetzungen
Forschung Klingner, Jacob/Lieb, Ludger: Handbuch Minnereden, S. 770f.

Inhalt

A Spaziergangseinleitung (1–47)

Im Mai geht der Sprecher frühmorgens durch eine anmutige Landschaft voller Blüten, Früchte und Vogelgesang. In einem Tal entdeckt er einen prächtigen Baum mit weißen, duftenden Blüten, auf dem Venus mit sieben Königinnen sitzt. Mit Fackel und Pfeil verkörpert sie eine Schönheit, die selbst Dichter nicht vollständig erfassen könnten. Zwei unbemerkte Vögel lenken den Blick des Sprechers auf die Gefahr von Verrätern, deren Lügen wie Vögel umherschwirren; jede gute Gemeinschaft müsse sich davor schützen.

B Rede der Venus (48–75)

Venus erklärt ihre Herrschaft über alle Menschen, gleich welchen Standes. Sie nehme Könige wie einfache Leute gefangen und entzünde oder durchbohre ihre Herzen. Ihre Macht stamme vom höchsten Herrn. Dann ruft sie die sieben Königinnen auf, zu berichten, wie man ihnen in der Welt begegne. Wer wahre Liebe suche und ihren Lohn erhoffe, müsse diese sieben kennenlernen.

C Reden der sieben Königinnen (76–165)

Frau Scham beklagt, dass sie kaum noch geachtet werde und Betrüger ungestraft Unschuldige ins Verderben stürzten. Frau Treue berichtet, dass sie überall vergessen sei, obwohl sie einst hohes Ansehen genoss. Frau Ehre sieht die Menschen lieber Bequemlichkeit wählen als ehrenhaftes Verhalten und meint, nur die Verwundung der Venus halte manche noch bei ihr. Frau Beständigkeit fühlt sich völlig verdrängt; die Jugend sei wankelmütig, und von vielen früheren Freunden seien kaum noch welche übrig. Frau Hoffnung wird überall von Zweifel vertrieben und versteht nicht, wie Venus zulassen könne, dass ihr Platz verloren gehe. Frau Freigebigkeit ist ebenfalls in Vergessenheit geraten und findet nirgends mehr Vorrang. Frau Moet, verstanden als Tapferkeit, sieht sich unverdient verstoßen. Venus schließt mit der Zusage, dass der Schöpfer jeder von ihnen gerechten Lohn geben werde.

D Zweifel verjagt Venus (166–191)

Der Sprecher bemerkt den Zweifel an einem Zweig. Venus fordert ihn heraus, da er auf ihrem Fest nichts zu suchen habe. Der Zweifel entgegnet, er müsse überall dort sein, wo Venus erscheine. Weil er überall Verwirrung stifte, wünscht Venus, ihn loszuwerden, und ist schließlich gezwungen, den Ort zu verlassen.

E Schluss (192–230)

Der Sprecher tritt als Autor hervor und kündigt an, die Klagen der Königinnen festzuhalten, da er ihnen Glauben schenkt. Er fordert das Publikum auf, sein Gleichnis zu bedenken: Die sieben Königinnen seien aus der Welt vertrieben, denn jeder jage nur dem Vergnügen nach. Der Zweifel bringe Schande und Verlust, indem er die Menschen zum Schlechten verleite. Unter dem Namen Jan Dille bittet der Sprecher Gott, ihm am Jüngsten Tag beizustehen und allen die ewige Freude zu schenken.

(Ausführliche Inhaltsangabe bei Klingner, Jacob/Lieb, Ludger: Handbuch Minnereden, S. 770f.)