Klage der Keuschheit (Hans Sachs) (B445)

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Klage der Keuschheit (B445)

AutorIn Hans Sachs
Entstehungszeit 4. Mai 1518
Entstehungsort
AuftraggeberIn
Überlieferung
Ausgaben
Übersetzungen
Forschung Klingner, Jacob/Lieb, Ludger: Handbuch Minnereden, S. 775-778

Inhalt

A Vorspruch (1–5; 282,2–6)

Eine personifizierte Tugend stellt sich als vertriebene Königin Keuschheit vor, die einsam und trostlos in der Wildnis lebt.

B Spaziergangseinleitung (1–96; 282,7–284,25)

Der Sprecher wandert im Mai zu einem vertrauten schönen Ort in einer bewaldeten Berglandschaft, verirrt sich jedoch tief in die Wildnis und ruht unter einer Buche. Er hört Schreie und Hundegebell und sieht im Tal zahlreiche Jungfrauen, die vor sechzehn Jägerinnen fliehen, angeführt von einer zornigen Königin mit Horn und Bogen. Hinter sich findet er einen schwarzen Frauenschuh und folgt der Spur zu einer dunklen Felsschlucht mit einer Höhle und einem Quell. Dort entdeckt er zerbrochene Herrschaftsinsignien und eine weißgekleidete, königinnenhafte Frauengestalt in tiefer Trauer, die auf seine Ansprache nicht reagiert und ihm wie ein Geist erscheint.

C Gespräch und Klage der Keuschheit (97–249; 284,36–288,32)

Die Dame erwacht, bittet um Alleinsein, erklärt sich aber schließlich bereit zu sprechen. Sie berichtet, sie sei Frau Keuschheit und habe im Königreich Virginitas mit vielen Jungfrauen gelebt. Zwölf Fürstinnen hätten in ihrem Auftrag den Weg zur Königin Venus versperrt, doch seien sie nach heftigem Widerstand vertrieben worden. Venus und ihre sechzehn Jägerinnen hätten fast alle Jungfrauen gefangen und in den Venusberg gebracht, wo sie umerzogen und Frau Schande übergeben würden. Keuschheit sei mit wenigen Gefährtinnen geflohen, habe überall vergeblich um Schutz gebeten und sich schließlich in die Einöde zurückgezogen. Während die Jungfrauen zerstreut worden seien, habe sie selbst in der Höhle Zuflucht gefunden und hoffe auf göttliche Hilfe. Den Sprecher bittet sie, als Bote alle Jungfrauen zu warnen und ihnen die Rückkehr zu den zwölf Fürstinnen oder zu Frau Ehre zu empfehlen. Der Sprecher kehrt heim und formt aus dem Gehörten eine Lehre für junge Frauen, damit sie ihre Ehre bis zur Ehe bewahren.

D Lehre (250–396; 288,33–292,23)

Nach einer direkten Anrede des Publikums deutet der Sprecher die Erzählung allegorisch: Die zwölf Fürstinnen stehen für Tugenden, die Keuschheit und Ehre schützen, nämlich Scham, Gehorsam, Demut, Zucht, Mäßigkeit, Wahrhaftigkeit, Schweigsamkeit, Einmütigkeit, Vorsicht, Arbeitsamkeit, Güte und Willensstärke. Venus verkörpert die maßlose körperliche Liebe, die mit sechzehn Anfechtungen versucht, Keuschheit zu überwinden, darunter Anreiz, Hoffart, Neugier, Unmäßigkeit, Schmeichelei, angenehmes Verhalten, gefährliche Freundschaft, List, Zwang, Habgier, Müßiggang, Wollust, Liebesdienst, Verpflichtung, Nähe und natürliche Regung. Den Jungfrauen rät er, jeder dieser Anfechtungen eine Tugend entgegenzustellen oder sich von gefährlichen Situationen fernzuhalten. Er warnt vor der zerstörerischen Kraft der Liebe und mahnt zu Beständigkeit bis zur Ehe. Nur Gott könne vor dem natürlichen Feuer der Liebe bewahren. Der Text endet mit einem Lobpreis Gottes und einem Amen.

(Ausführliche Inhaltsangabe bei Klingner, Jacob/Lieb, Ludger: Handbuch Minnereden, S. 775-778)