Der Minne Regel (Eberhard von Cersne) (B428)
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Der Minne Regel (B428) | |
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| AutorIn | Eberhard von Cersne |
| Entstehungszeit | 1404 |
| Entstehungsort | |
| AuftraggeberIn | |
| Überlieferung | Wien, Österreichische Nationalbibliothek: Cod. 3013, 1r-3v, 6r-122v |
| Ausgaben | |
| Übersetzungen | |
| Forschung | Malm, Mike: Eberhard von Cersne; Klingner, Jacob/Lieb, Ludger: Handbuch Minnereden, Band 1, S. 715-718 |
Inhalt
A Spaziergangseinleitung und Lehre der Minnekönigin (1–810)
Der Sprecher erreicht auf einem Spaziergang einen Minnegarten, körperlich vom Liebesleid so geschwächt, dass er kaum stehen oder gehen kann. An einem idyllischen Ort hört er einen seltsamen Laut und entdeckt eine Gartenmauer. In ausgedehnten, von gelehrter Terminologie und kunstvollen Bildern geprägten Beschreibungen werden Natur, Architektur, Farben, Pflanzen und Vogelgesang entfaltet. Auf den Türmen stehen zehn Wächterinnen, die Minnetugenden verkörpern und Schilde mit ihren Namen tragen. Zudem bewachen neun weitere Damen den Garten, darunter Frau Ere, Hoffin, Horsam, Herden, Barmich, Wis, Sußikeyd und Trost. Frau Trost fordert den Sprecher zur Nennung seines Namens und seiner Absicht auf; er nennt sich Y und y, klagt über das Leid, das ihm Herr Trurenfeld zugefügt habe, und bittet um Hilfe. Frau Trost verspricht Besserung, befiehlt ihm, seinen Stock wegzuwerfen, und führt ihn in einen prächtigen Saal voller Ritter und Damen. Dort thront die Minnekönigin, deren Schönheit ihm Herz und Verstand raubt und die selbst von den größten Meistern nicht angemessen beschrieben werden könnte. Sie empfängt ihn freundlich, tröstet ihn und bietet an, sein Leid durch eine Lehre über die rechte Minne zu lindern. Sie erklärt, dass die zehn Wächterinnen für die zehn Gebote der Minne stehen, und trägt diese vor. Es folgen dreizehn weitere Gebote, die das richtige Verhalten in der Liebe regeln: Schutz vor Tadel, Übereinstimmung mit der Natur, ritterliche Taten, höfische Lebensführung, Freiwilligkeit der Liebe und anderes. Die Minnekönigin ergänzt, dass der Sprecher auch die neun Schildwächterinnen beachten und das Gelernte stets anwenden solle.
B Lehrgespräch mit der Minnekönigin (811–3910)
Der Sprecher stellt der Minnekönigin 38 Fragen, die sie jeweils beantwortet, meist anhand exemplarischer Minnesituationen und Geschichten. Jede Antwort enthält eine kurze Lehre für den Sprecher; die meisten folgen eng der lateinischen Vorlage. Die Fragen betreffen Entstehung, Erhalt, Wachstum, Schwächung und Ende der Liebe, das Funktionieren von Beziehungen, Treue und Untreue, Reichtum und Armut, Minne und Alter, Neubeginn, Mehrfachliebe, Frauenminne, Gottesminne und Liebesgaben. Die ersten beiden Fragen weichen noch von der Vorlage ab: Zunächst fragt der Sprecher nach dem Zugang zum Palast der Minne; die Königin erklärt, nur jene würden aufgenommen, die die Gebote der Minne halten, während Unwürdige ausgeschlossen bleiben. Dann fragt er nach der richtigen Werbung; die Königin weist die Frage zurück, da Liebende immer auf ihre eigene Weise sprechen und die Minne sie verwirre, gibt ihm aber dennoch eine schriftliche Musterrede. Besonders ausführlich behandelt sie das Problem der Liebe zur höheren und zur niedrigeren sozialen Schicht, das sie aus dem Traktat übernimmt und weit auslegt.
C Habicht-Aventiure und Erwerb der Minneregeln (3911–4811)
Der Sprecher bittet die Minnekönigin um weitere Lehren und bietet ihr seinen Dienst an. Er sei zwar sein Leben lang Y und y untertan gewesen, doch habe diese Dame den Minneglauben gebrochen, weshalb er nun frei sei und die Minnekönigin zu seiner Herrin wählen wolle. Sie nimmt seinen Dienst an und macht ihn zu ihrem Minneritter, verlangt jedoch, dass er sich zuvor in einer Aventiure bewähre, da nur mühsam Erworbenes Bestand habe. Er solle zum Hof König Sydrus’ reiten und dort ein Habicht-Abenteuer bestehen. Die Königin rüstet ihn aus, er verabschiedet sich und reitet los. Im Wald begegnet er einer Jungfrau, die den Verlauf seiner Aufgabe kennt, ihm ein schnelles Pferd schenkt und ihn vor mehreren Kämpfen warnt. Der Sprecher besiegt zunächst einen tapferen Ritter in einem schweren Zweikampf, dann auf einer Brücke einen zweiten, der den ersten hatte fallen sehen. Nach Versorgung seiner Wunden zieht er weiter, gelangt zu einem palastartigen Bau ohne Türen, stärkt sich an einem gedeckten Tisch und wird von einem Riesen herausgefordert, den er ebenfalls besiegt und zur Hilfe zwingt. Im Thronsaal König Sydrus’ erringt er schließlich nach einem letzten Kampf den Habicht und die 31 Minneregeln. Auf dem Rückweg begegnet er der Jungfrau erneut, versichert ihr seinen Dienst und kehrt zum Hof der Minnekönigin zurück, wo er freudig empfangen wird. Er überreicht ihr Habicht und Regeln; sie erklärt, sie kenne diese seit Langem und wolle sie bestätigen, damit Liebende weltweit ihr Verhalten daran ausrichten. Der Sprecher liest die 31 Regeln vor, die das Wesen der Liebe, ihre Erscheinungsformen und das richtige Verhalten in verschiedenen Situationen bestimmen.
D Epilog (4812–4843)
Der Sprecher kündigt das Ende des Werks an und nennt dessen Titel. In einem Buchstabenspiel wird der Autorenname verschlüsselt angegeben. Der Verfasser bedauert, beim Dichten nur Bauern und Tiere um sich gehabt zu haben und keine gelehrten Kreise, die zur Verbesserung hätten beitragen können. Der Text endet mit einem Segenswunsch für das Publikum.
(Ausführliche Inhaltszusammenfassung bei Klingner, Jacob/Lieb, Ludger: Handbuch Minnereden, Band 1, S. 715-718)