Der Minne Falkner (B512)
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Der Minne Falkner (B512) | |
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| AutorIn | Anon. |
| Entstehungszeit | Vor zweiter Hälfte 14. Jhd. |
| Entstehungsort | |
| AuftraggeberIn | |
| Überlieferung | Berlin, Staatsbibliothek, Nachlass Grimm: 132.9, 1r-3v Neuenstein, Hohenlohe-Zentralarchiv: Hd V I, 59r-77r |
| Ausgaben | |
| Übersetzungen | |
| Forschung | Klingner, Jacob: Der Minne Falkner; Klingner, Jacob/Lieb, Ludger: Handbuch Minnereden, Band 1, S. 959-964 |
Inhalt
A Minneklage und Preis der Geliebten (Str. 1–28)
Der Sprecher widerspricht der Vorstellung, Minne sei blind: Nichts entgehe ihr, und sie beherrsche alle Menschen, ob arm oder reich. Ihre Macht raube den Verstand und beuge die Natur. Auch er selbst müsse seit seiner Jugend unter ihrem Leid brennen und frieren, ohne Trost zu finden. Minne zerstöre seine Freude, ohne dadurch an Ruhm zu gewinnen; sie solle lieber große Herzen bezwingen. Er preist ihre allumfassende Kraft, klagt aber, Amor habe ihn zu einer zu hohen Werbung verführt und seine ganze Sehnsucht auf einen edlen Falken gelenkt. Dieser Falke — Sinnbild der Geliebten — sei vollkommener als alle anderen, kein Maler könne seine Schönheit darstellen. Einst habe seine Nähe den Sprecher wie einen Kaiser fühlen lassen, doch seit der Trennung sei seine Freude dahin. Beim Wiedersehen verstummt er vor Glück, doch das schweigende Betrachten stürzt ihn erneut ins Unglück.
B Klage über den entflogenen Falken und Beginn der Suche (Str. 29–38)
Der Falke ist verwildert, was der Sprecher bösen Zungen zuschreibt. Er verliert fast jede Hoffnung und steht kurz vor dem Liebestod, fasst dann aber Mut: Vielleicht werde seine Beständigkeit geprüft. Er beschließt, dem Falken nachzureiten, auch zu Fuß, wenn nötig. Durch Feld, Aue, Wald und Berge sucht er ihn und versucht vergeblich, ihn mit Lockspeisen zurückzugewinnen.
C Lehrgespräch (Str. 39–78)
Ein alter Falkner begegnet ihm, hört seine Klage und erkennt den beschriebenen Falken als außergewöhnlich edel. Er rät jedoch von der Suche ab, da sie nur Kummer bringe. Der Sprecher weigert sich: Seine Liebe sei einzig auf diesen Falken gerichtet, der in seinem Herzen wohne und Freude wie Schmerz bestimmen könne. Der Alte warnt vor falschen Falknern, die edle Vögel misshandeln, und der Sprecher verflucht diese Betrüger. Schließlich rät der Alte, mit gewöhnlichen Falken zu üben, doch der Sprecher lehnt ab: Seine Natur richte sich nur auf den einen Falken. Der Alte wünscht ihm Hoffnung und weist ihm schließlich den Weg, verbunden mit der Mahnung, Treue und Beständigkeit als Lockmittel zu nutzen.
D Suche nach dem entflogenen Falken (Str. 79–97)
Der Sprecher folgt dem Rat, ruft nach dem Falken und gelangt zu einem Ort voller Vögel. Er preist die edlen Falken und wünscht ihnen Schutz vor Treulosen. Doch er erinnert sich an seine eigentliche Aufgabe: die Suche nach der Geliebten. Die widersprüchlichen Wegweisungen verwirren ihn, und seine Sehnsucht wächst wie die eines Pilgers im Sturm, eines Kranken nach Heilung oder eines Gefangenen nach Nahrung. Er wirft sein Luder aus und ruft nach dem Falken, bis sein Pferd ermüdet und er zu Fuß weiter muss.
E Streitgespräch (Str. 98–109)
Ein falscher Falkner mit einem zerrupften Vogel begegnet ihm. Der Sprecher erkennt seine Treulosigkeit und verbirgt sein Luder. Der Fremde bietet Hilfe an und will ihn lehren, Falken mit Netzen und Fallen zu fangen. Der Sprecher lehnt empört ab: Lieber wolle er ewig vergeblich suchen, als seinem Falken Schaden zufügen. Der Treulose verspottet ihn, doch der Sprecher beharrt auf gerechter Jagd und Rücksicht. Der falsche Falkner hält ihn für unerfahren und prophezeit ihm Afterreue.
F Gescheiterte Annäherungsversuche (Str. 110–141)
Der Sprecher sieht seinen Falken wieder, doch ein Adler bedroht ihn. In Angst ruft er Gott um Schutz an. Der Falke entkommt, beachtet aber das Luder nicht. Das Pferd bricht zusammen, und der Sprecher eilt zu Fuß weiter, bis er den Falken mit dem Luder anlocken kann. Vor Glück bindet er sein eigenes Herz an das Luder und wirft es dem Falken zu. Der Falke nimmt Herz, Treue und Beständigkeit an — doch Krähen stürzen herbei, sodass der Falke mit dem Herzen davonfliegt. Der Sprecher klagt über die Krähen, die Freude zerstören, und ruft Frauen und Gefährten um Mitleid an: Sein Herz sei nun im Falken eingeschlossen, und nur der Tod könne es lösen.
G Lehrgespräch (Str. 142–166)
Der alte Falkner erscheint erneut. Der Sprecher berichtet ihm sein Unglück. Der Alte tadelt ihn: Er habe keinen Rat befolgt und sein Herz nicht beherrscht. Der Sprecher bittet um neue Lehre. Der Alte rät zu Maß, Vorsicht und entschlossenem Verharren. Der Sprecher verlangt dennoch eine Anleitung, wie er die Gnade des Falken gewinnen könne. Schließlich gibt der Alte nach, segnet ihn und mahnt zu maßvoller Werbung und Selbstbeherrschung.
H Reflexion und Schluss (Str. 167–185)
Der Sprecher folgt der Lehre, doch begegnet dem Falken nicht wieder. Stattdessen stellt er sich eine Rede der Geliebten vor, die ihm Treue und Gnade verheißt. Er preist Hadamar von Laber als Vorbild gerechter Minnejagd und bittet um Nachsicht für seine eigenen dichterischen Grenzen, da der Schmerz ihm die Vernunft geraubt habe. Das Gedicht endet, doch seine Suche nach dem Falken — der Geliebten — werde fortdauern, solange seine Seele im Leib wohne.
(Ausführliche Inhaltsangabe bei Klingner, Jacob/Lieb, Ludger: Handbuch Minnereden, Band 1, S. 959-964.)