Religiöses Fehlverhalten unter Wolfgang Thech (Enoch Widman)

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Religiöses Fehlverhalten unter Wolfgang Thech

AutorIn Enoch Widman
Entstehungszeit 1596
Entstehungsort Hof
AuftraggeberIn
Überlieferung Vgl. Chronik der Stadt Hof (Enoch Widman)
Ausgaben Vgl. Chronik der Stadt Hof (Enoch Widman)
Übersetzungen
Forschung

Text

[1] Anno 1527, dinstag nach Matthaei Apostoli, hat ein erbar und wolweiser rath allhie dem ehrwirdigen Wolffgang Thechen, verwaltern der praedicatur zu S. Michel, die meß und pfrundt Corporis Christi und Unser Lieben Frauen, in der kirchen S. Michaelis nach absterben herren Johann Mumbolts verlesen und verlihen, dieselbe mit allen gerechtigkeiten, renten, zinsen, auffhebungen, nutzungen und zugehörungen zu verwesen und zu gebrauchen, ihne auch an Weiganden, bischoff zu Bamberg, alß diocesanum verschrieben, mit bit, ihme dieselben meß und pfrundt zu confirmirn, wie vor alters herkommen.

Diesem Wolffgang Thechen, alß er in diesem jhar am Ostertag zu fru dem volk,[2] nach bäbstischen gebrauch, das hellsturmen Christi vorbilden wollen, ist ihme nahendt der gantze bart und das haar uff dem kopff oder sein crantz angezundet worden, daß er genug zu leschen gehabt. Dann nachdem er mit der procession dreimal für S. Michelßkirchen kommen (welche dann, alß were es die helle, versperret gewesen, darinnen ettliche junge burß, alß teuffei versamlet, die thur zuhilten) und ideßmal mit einem hultzenen crucifix, so am Charfreitag, ins grab geleget worden, einen grossen stos an die fördere kirchthur gethun, mit solchen Worten (aus dem 24. psalm genommen, die man sonsten in einweihung der kirchen gebrauchte): „Attollite portas principes vestras et elevamini portae aeternales et introibit rex gloriae“ (Machet die thore weil und die thür in der welt hoch, das der könig der ehren einzihe) und ihme die dazu bestelleten teuffel in der kirchen allemal geantwortet: „Quis est iste rex gloriae?“ (Wer ist derselb könig der ehren?) Darauff der pfaff in der person Christi gesagt: „Dominus virtutum ipse est rex gloriae.“ (Er ist der herr Zebaoth, er ist der könig der ehren.) Und als der pfaff das dritte mal fur die kirchen kommen und die erzehleten wort gesprochen und mit [S. 318] gantzem gewalt an die kirchthur gestossen und sambt seinem anhang hineingedrungen, die helle zu sturmen, sindt ihme die bösen buben aus der kirchen mit angezundtem werck entgegengelauffen und dasselbige werck, alß were es hellisch feuer, uff den pfaffen und seine rott geworffen, sonderlich aber seines barts und kopffs wargenommen. Sintemal sie aus der evangelischen predigt, die sie von magister Caspar Löner gehört (und weil dises spectackel ein jar oder zwei unterlassen worden) solche und dergleichen affenspiel nicht mehr achteten, sondern verspotteten und verlacheten.

Wie sie dann auch zu S. Lorentzen eben zu dieser zeit den pfaffen, so meß hilt, verhöneten, neben andern, die da opfferten, zum altar traten und anstat des opffergelts ettliche meus aus den ermeln uff den altar lauffen liesen, und dieses theten die jungen grueser, alß mutige und selzame knaben, die sich gleichwol alßbald aus der stadt wegmacheten. Sonsten, do sie uff der pfaffen begeren zur gefengnus weren genommen worden, wurde ihnen der bischoff zu Bamberg das gelechter und gespött wol haben vertreiben lassen. Welches ich nicht darumb erzehle, alß were es ein sonderliche historia, daran viel gelegen, sonder nur allein darumb, daß unsere jugendt und nachkommen wissen möchten, wie es im babsthumb mit diesen und andern ceremonien für ein gelegenheit gehabt und wie sie all gemachsam gefallen sindt.

Ebenermassen haben die prister auch andere evangelische geschieht dem jungen volk zur erinnerung furgebildet, alß am Palmtag den einzug Christi gen Jerusalem, da ein geschnitzter salvator uff einem hultzenen esel mit vier rädlein jerlich in der procession umbgefuhret worden,[3] dabei die schuler gesungen: „Pueri Ebraeorum“. Item: „Scriptum est enim: Percutiam pastorem et dispergentur oves gregis etc.“ und andere gesenglein mehr. Und uff solch euserlich gepreng sahe der gemeine mann sehr vleissig und thet ihme gar weh und anth, da man es, alß zur seligkeit unnötig, wolte fallen lassen. Wie dann herr Nicolaus Medler, derzeit schulmeister allhie, da er einmal mit seinen schulern nicht alßbalden an einem Palmsontag der procession beigewohnet und ein wenig zu spat kommen, von einem versuffenen unnutzen tuchknepplein, die bierenth genant, mit gar bösen worten angelassen und ubel außgerichtet worden ist.

In der marterwochen[4] jagte man 3 abendt nacheinaner den Judas aus in der finstern rumpelmetten mit hämmern, steinen, schlegeln, klupffeln, kolben, stecken, poltern, stossen und klopffen, so unsinnig, alß sturmeten die teuffel das fegfeuer und wolten alle Papisten daraus nehmen und mit sich in nobiskruck fuhren.

[S. 319] Am Charfreitag[5] that man alle zeit ein lange predigt vom leiden und sterben Christi und bracht allerlei mit ein, damit die leut zu weinen bewegt wurden, wann es gleich der historien an ihr selbsten nicht gemes. Man sagte auch von dem grossen schmertzen, den die jungfrau Maria, wegen ihres lieben kindts, erlidten, man schalte furnemlich uff den verrether Judas und uff die heillosen Juden, und solches alles mit sonderlichen darzu außerlesenen Worten, die leut also zu bewegen. Und der ward der beste passionprediger geachtet, der es am lengsten machete und in dessen predigt die leut mit grosser anzal weineten. Und hie mus ich eines gottlosen weibs gedencken, nemlichen des alten Erhard Teuschlers mutter,<Marginalie: "Erhard Teuschlers mutter".</ref> welche gar ein alte böse haut war, hette einen knebelbart, wie ein manspersonen.

Dieselbe, wann sie das leiden Christi hörete auslegen und sahe, wie die undechtigen weiber und andere leut darob weineten, dorffte sie sich ungescheuet vernehmen lassen, was doch diß heulen und klagen nutz were, der herr Christus, die warheit zu bekennen, were auch ein böser bub gewesen, hette die Juden wol vexirt und tribulirt, wo er nur gekundt und derohalben weren sie ihm nicht ohne ursach und vergebens feind gewesen, ihme were gar recht geschehen, daß er von ihnen were getödtet worden. Wie sich nun dises weib des leidens Christi getröstet, ist leichtlich zu ermessen, sintemal sie mehr jüdisch, dann christlich in ihrem glauben gewesen.

Am Charfreitag zu abend liß man das hungertuch,[6] welches man allweg am Aschermitwoch zuvor auffhenckete, wider herab, den vorhang im tempel damit zu bedeuten und ist bei uns noch ein solch hungertuch in S. Michelßkirchen vorhanden. Uff der einen seiten sindt die furnembsten geschichte des alten und neuen testaments, uff der andern der engel Michael gemahlet, und dises tuch ist von Hansen Mordeisen und Caspar Geilßdorff zur kirchen S. Michelß geschaffet. Waß die handtwercksburß und die bösen buben in der rumpelmetten, da sie mit hemmern, steinen und andern instrumenten uff die stul geschlagen, fur einen tumult und gepolter in der kirchen erregt, damit andeudent, der teuffel keme leibhafftig, und wolte den armen Judas holen, ist allererst berurt.

Ferner legete man ein hultzen crucifix, nachdeme es zuvorn von andechtigen leuten, sonderlich aber von den weibspersonen, aus mitleidigem hertzen sehr wol gekusset worden, in das Heilige Grab (welches herr Caspar Geilßdorff kunstlich schnitzen lassen) dabei wacheten die alten mutterlein und schuler, sangen den gantzen psalter biß uff den Ostertag zu fru, da der erstandene Christus dem volk durch den hultzenen fladen Herrgott [S. 320] gezeigt wurde. Unterdessen trug man den schulern und den andechtigen mutterlein, die da psallirten und das Heilig Grab bewacheten, speiß und tranck in die kirchen, damit sie gleichwol diese zeit uber ihre unterhaltung hetten und ihrer vermeinten heiligkeit außwarten kondten, daher dann das Sprichwort kommen: „Niemand will des Heiligen Grabs umbsonst hutten.“

Man weisete auch bißweilen das gesprech des engels mit den dreien verkleideten Marien,[7] und hernach in der hohen ambtspredigt wurden allerlei wuste, seltzame, lame zotten und fabeln furgebracht, damit das volk, welches die fasten und charwochen über mit grosser abstinentz, uffgelegter bus und langen passionispredigten zur traurigkeit bewegt worden, durch den risum paschalem und die ostermerlein widerumb frölich und lachend gemachet wurde.

Am tag der Himelfarth Christi wurde ein hultzener salvator,[8] welcher die 40 tag über uff dem hohen altar gestanden, an einer schnur durchs runde loch oben am gewelb zu S. Michel, auffgezogen, dagegen zwen engel herabgelassen, die sichtbarliche Himmelfarth Christi damit zu bedeuten. An andern orten lies man ein scheußlich bild, den teuffel, vom gewelb herabfallen, uff welchen die bösen buben mit langen ruten zuschlugen. Wann nun die pfaffen jemmerlich hinauffsahen, wie die apostel, da unser herr Gott gen himel fuhre, und iderman, bevor aber die jugendt, die da uberal am nechsten dabei sein will, am heuffigsten beisammen stunden und zuschaueten, warff man ein handtvoll oblaten herab, das himelbrot damit zu bedeuten, darüber rauffeten sich die buben und wurde also ein gauckelspiel daraus.

Am Pfingstag[9] lies man den heiligen Geist oben vom gewelb durch dasselbe runde loch herabfahren, zuvorn aber, wann das junge gesindt die meuler auffsperreten und den heiligen Geist sehen wolten, warff man angezundet werck, flachs, stuppeln mit pulver brennendt gemacht, herab, die kinder damit zu schrecken und ihnen die alte Pfingsten, so sich mit donner und plitz gewaltig ereignet, damit vorzubilden. Man gosse auch ettliche stutzen mit wasser herab, das brennende werck, wann es jmand uff die kleider und kopff gefallen, widerumb auszuleschen, daß also die leut am heiligen Pfingstag mit feuer und wasser vom himmel herab getauffet wurden.

[S. 321] Am Heiligen Christag[10] zur vesper, da man nach alter gewonheit das kindtlein Jesus wiegete, wie mans nennet, und der organist das „Resonet in laudibus in dulci iubilo“, item „Joseph, lieber Joseph mein“ etc. schlüge, auch der chor darauff sunge und sich solche gesenge wegen ihrer proportion ettlichermassen zum tantz schicketen, da pflegeten die knaben kleine mägdlein in der kirchen auffzuzihen und umb den Hohen Altar zu tantzen, welches auch wol alte betagte lappen theten, den jungen vortanzeten, sich der frolichen freudenreichen geburt Jesu Christi nach euserlicher groberweis, dadurch zu erinnern.

An S. Johannes des Evangelisten tag,[11] weil er ohne schaden gifft getruncken, tranck man den Johannessegen, oder Johannestrunck, nemlich einen bittern Wermutwein oder dergleichen, ettwan mit kren, zuvor uff dem altar geweihet.

Und damit ich der gottlosen welt groses und höchstes fest nicht ubergehe, nemlich die Faßnacht,[12] so wurde dieselbige auch andechtig begangen mit stechen, mummereien und pancketiren. Böse buben fuhreten einen pflug herumb und spanneten die mägde drein, welche sich mit gelt nicht ablöseten, andere folgeten nach und seeten heckerling oder segspen, schossen auch solche materien mit bögen uff die leut, unter die augen etc. Was die knappen mit ihrem lodentantz, wollenbögen ströern mann, latern- und schwertdantz vor alters fur kurtzweil getrieben, ist ohne das wissendt. Offtmalß hingen ihr zwene einen häring an eine grosse dicke stangen, und trugen sie uff der achsel in der stadt herumb, weil die strenge fasten alßbald uff den guten muth folgete, dazu sunge man:

„Ach jammer, nimmer wurst,
Nun kombt der heringsfurst,
Der macht, das uns sehr durst.“

Was sonsten für kurtzweil oder auch zum theil leichtfertigkeit und uppigkeit furgenommen worden, ist unnötig zu erzelen. Es war in summa vor alters [S. 322] gar ein glucklicher tag, daß wann die narren des morgens blueten, sie noch denselben tag reif wurden und gantz heuffig abfielen, das in allen gassen der stadt derselben ein grosser vorrath zu befinden war. Uff den abendt schlemmete und demmete iderman und wolten die leut ihre leibe uff die kunfftige fastenzeit zuvor wol vollfaßen, da dann dieses das ergste, das man dasjenige, so an fleischspeis war uberblieben, den folgenden tag nicht essen dorffte, sonder man schickets entweder den armen schulern, die da offtmal solches (weil es ihnen zu essen auch verboten) den metzgern und andern leuten, so hundt hetten, widerumb umb ein gering gelt, ein scheffelein voll umb 4 d, verkaufften oder es ward vergebens in die Saal oder uff die gassen geschüttet, damit also die gottesgaben schendtlich umbkamen.

Am sontag Laetare oder Mitfasten[13] trugen die kinder den todten aus und sungen dazu, welches daher seinen ursprung genommen, daß die deudschen, die sachssen und was gegen mitternacht ligt, gemeiniglich in der fasten vom heidnischen wesen zum christlichen glauben bekert und die heidnischen abgettischen bilder, alß ein tödtlichen greuel und seelengifft, hinaus fur die stadt getragen und entweder zu aschen verbrent, oder in die furflisenden wasser sindt geworffen worden.

Anmerkungen

  1. Zitiert nach Rösler, Maria (Hg.): Enoch Widman, S. 317-322. Marginalie: "Wolffgang Thechen wird ein meß verlihen".
  2. Marginalie: "Olfgang Thech bildet das hellsturmen fur".
  3. Marginalie: "Palmesel".
  4. Marginalie: "Marterwochen".
  5. Marginalie: "Charfreitag".
  6. Marginalie: "Hungertuch".
  7. Marginalie: "Ostertag".
  8. Marginalie: "Himmelfarth".
  9. Marginalie: "Pfingstag".
  10. Marginalie: "Christag".
  11. Marginalie: "Johannestrunk".
  12. Marginalie: "Faßnacht".
  13. Marginalie: "Mitfasten".