Wasserwallfahrt (Enoch Widman)
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Wasserwallfahrt | |
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| AutorIn | Enoch Widman |
| Entstehungszeit | 1596 |
| Entstehungsort | Hof |
| AuftraggeberIn | |
| Überlieferung | Vgl. Chronik der Stadt Hof (Enoch Widman) |
| Ausgaben | Vgl. Chronik der Stadt Hof (Enoch Widman) |
| Übersetzungen | |
| Forschung | |
Text
[1] In diesem monat aprili[2] ist der brunn zu den dreien Thannen in Meissen, bei einem dorf Niderzwienitz, ein halbe meil wegs von dem stedtlein Leßnitz und vom Schneeberg 1 1/2 meil wegs gelegen (welcher vor etlich und 50 jharen von grosem schnee und ungewitter verderbet worden, daß die quellen unter der erden sich heimlich verschlichen und biß uff itzige zeit verborgen gelegen) wiederumb an den tag kommen und durch ein beurin,[3] welche 8 jhar lang einen offenen schaden an einem schenckel gehabt und von alten leuten an diesen ort gewisen, offenbar gemacht worden, dann so bald sie dahin gelanget, den fus daraus gewaschen und zur gesundheit kommen, hat sie dieses werck bei menniglich gerhumet. Und weil ander leut uff solches offentliches ausschreien ihr theil auch versuchen wollen und sich der krancken ein grosse anzahl von tagen zu tagen, ie lenger ie mehr, zu dem brunnen gefunden. Sind die benachbarten bewogen worden, das wilde wasser zunechst am selben abzuwenden und den brunnen in eine virung zu fassen, damit die leut deß wassers desto fuglicher zu gebrauchen hetten. Dannen her aus allen orten und enden deudsches landes (wie es zu geschehen pflegt, wann ettwas neues vorhanden) nahend und fern ein solches zulauffen und rennen, reiten und fahren erfolget, daß an einen tag ettlich 100 personen, jung und alt, reich und arm, und sonderlich viel schad- und gebrechenhaffitige leut (deren auch ein grosse anzaal hie bei unß den gantzen sommer über durchgereiset) allda ankommen, das wunderwerck zu beschauen, deß wassers zu trincken, anheims zu haus zu tragen und gantze fesser wegfuhren zu lassen, weiln furnemlich ettlichen am fiber, am hertzklopffen, blöden gesicht verstopfften gehör, an zipperlein und sonsten an euserlichen leibschäden durch dieses wasser geholffen worden. Dadurch es dann ein solches lob erlanget, alß were es zu allen kranckheiten dienlich und hette Gott daselbsten einen besondern gnadenbrunnen eröffnet.
Aber ihr viele, die diß rohe wasser ohne der medicorum und anderer verstendiger leuth rath, auch wol ohn alle ursach in sich gesof[S. 594]fen, haben mit ihrem schaden an ihren eignen leibern erfahren, daß sie durch solches ungegrundtes gemeines geschrei freventlich betrogen worden, einstheilß muh und unkosten vergeblich uffgewendet und das gespott zum schaden haben mussen.
Wann an papistischen orten sich dieses wasser ereignen sollen, da wurden alßdann die Jesuiter, mönchen und pfaffen, bischoff und cardinäle, ja der babst selbsten höchlich darüber jubilirt, davon zu singen und zu sagen, in aller welt davon zu schreiben und zu tichten, ursach genommen haben, wie Gott bei ihnen ein neu wunderwerck gethan, damit zu beweisen, daß sie allein die rechte gute alte catholische lehr hetten, dagegen köndten die lutherischen ketzer nicht einen todten hundt, wie sie reden, auffwecken. Aber es ist dieser ehebrecherischen art sonderliche eigenschafft: und proprium, nur mit falscher Jesuiten zeichen und wunderwercken umbzugehen, sich derselben zu rhumen und die leut damit zu verblenden, welche doch wahre rechtschaffene Christen nicht achten.
Damit gleichwol aber auch das volck desto mehr geäffet und verführet wurde, solch wasser für ein sonderlich heiligthumb und neu wunderwerck zu achten, hat der teuffel seine lugenmeuler angehetzet. Die haben den brunnen zu den dreien Thannen in S. Annabrunnen verkehret und furgeben, es sei an dem ort, da der brunn vor alten jharen entsprungen, der tauffstein mitten in der capellen S. Anna gestanden und von Gott mit solcher heilsamer krafft begnadet worden, da es doch ein sumpffige wiesen und marast iederzeit gewesen, da man nicht wohl bauen können. Item alß ettliche furwitzige mägde, die dieses wasser geholet, unterwegen narrenweis getriben und die irdene geschirr oder wallerburgische flaschen fallen lassen und zerbrochen, hat man stracks die lugen erdacht, wann man von dem wasser übel rede oder es tadelt, so thut Gott alßdann ein sichtbarlich zeichen, daß die gefesse, sie seien gleich zinern blechinen, höltzern oder wie sie wollen, von stund an in taussend stuck zerspringen und was der vergeblichen reden mehr gewesen.
Item es seind soviel krupel und lahme von demselben wasser gesund worden,[4] daß sie ihre krucken bei 8 ß allda liegen lassen, welchs alles erstuncken und erlogen gewesen. Zudeme so hat es das ansehen, daß der böse feindt auch dißfals sein spiel dabei gehabt, dann wie vor alten jharen im babsthumb bei der wallfarth zu Regenspurg, Grimmenthal und andern (itziger zeit gar unglaublich zu hören) die blinden sehendt, die lahmen gehendt, die franzößner und aussetzigen rein, die sprachlosen und stummen redent, auch die todten lebendig (vide satanicam potestatem in filiis incredulitatis) und andere kranckheiten fehl und gebrechen mehr, [S. 595] wunderlicher weis sindt geheilet worden. Also hat sich bei dieser wasserwallfarth zugetragen, daß eine magd von Losau, welche in 20 jharen und drüber kein wort geredet, sondern alles mit deuten zu verstehen geben, so bald sie diß wasser getruncken, ihre deutliche sprach bekommen und zu dancksagung gegen Gott das heilige abendtmal darauff gebrauchet und die leute neben ihr, dem Allmechtigen zu dancken, uff öffentlicher cantzel daselbsten vermahnen lassen, doch hat sie bald darnach geklaget, das sie grosse anfechtung entpfunde und derowegen wol wünschen möchte, das sie nimmermehr kein wort hette reden können.
Deß wassers natur oder temperament an ihme selbsten belangendt, haben die medici, so es probirt, befunden, daß es von den mineralibus seine krafft habe, ettliche kranckheiten und euserliche scheden zu heilen, weil es mit ertz, vitril oder kupfferwasser und steinbrucken oder groben sandt etc. vermischt ist.
Anmerkungen
- ↑ Zitiert nach Rösler, Maria (Hg.): Enoch Widman, S. 593-595. Marginalie: "Wasserwallfahrt".
- ↑ 1608.
- ↑ Marginalie: "Nicht anders als obgedachter Lorenz Haußischer. Davon besihe unten das jahr 1646.".
- ↑ Marginalie: "Wie zu Warnhaußen Sihe wie die weit mit der natur undt allen ihren geschafften circel umblaufft".