365 Kinder in der Größe eines Daumens (Enoch Widman)
|
365 Kinder in der Größe eines Daumens | |
|---|---|
| AutorIn | Enoch Widman |
| Entstehungszeit | 1596 |
| Entstehungsort | Hof |
| AuftraggeberIn | |
| Überlieferung | Vgl. Chronik der Stadt Hof (Enoch Widman) |
| Ausgaben | Vgl. Chronik der Stadt Hof (Enoch Widman) |
| Übersetzungen | |
| Forschung | |
Text
[1] Anno 1276, am Charfreitag, den 3. aprilis, umb 9 hora, hat frau Margareta, Hermanni grafen von Henneberg gemahlin, herren Florentii grafen in Holland tochter, uff einmal 365 kinder, der ides in der groß eines daumens, geboren, welche noch denselben tag durch Guidonem, weihbischoff zu Utrich, getauffet und alßbald darauff sampt der mutter, so damals 42 jhar alt gewesen, todes verschiden und ligen im nonnencloster S. Bernhardi ordens zu Laußdun in Holland, ein halbe meil von Haga, begraben. Die kneblein wurden alle Johannes, die megdlein aber Elisabeth in der tauff genennet und wird desselben orts die begrebnus und grabschrifft solcher wundergeburt gewiesen, dere ursach diese gewesen. Alß graff Herman von Henneberg nach absterben seines schwehers, des grafen von Holandt, [S. 80] sowoln seines Schwagers oder seiner gemahlin bruders grafen Wilhelmi erwehlten römischen keisers, derselben erblandt ein zeitlang besessen und sich in Holandt sampt seinem gemahl uffgehalten, hat ein armes, doch ehrliches weib, welchs zwei kleine kinder in den armen getragen, von gedachter gräfin ein haussteur begert, welchs ihr die gräfin abgeschlagen und sie ein hur genennet, sagendt, ein ehrlich weib kondte von einem mann zweier kinder zugleich nicht schwanger werden. Darüber das gute arme weib erbittert und mit schmertzen gesagt: „So wa[h]r, alß ich keusch und rein und kein ehbrecherin bin, so geb Gott und mein heiliger wunsch, die mutter Gottes und S. Anna, daß du von deinem mann uff einmal so viel kinder bekommest, alß tag im jhar sindt.“ Welchs dann durch Gottes verhengnus also geschehen. Und ist eine wahre, gewise geschieht, welche von ettlichen glaubwirdigen männern beschriben wird; dann es haben sich zur selben zeit, da die leut sehr abergläubig und darneben einfeltig und schlecht gewesen, viel seltzame wunderwerck zugetragen, die da zu unseren Zeiten unmuglich scheinen. Do dann sonderlich das wunschen gemein gewesen und den leuten (da der teuffel in den kindern des unglaubens gewircket) allzuwahr worden. Wie der Melusinae und Meliorae, königlichen töchtern in Franckreich, widerfahren, welche umb ihrer sunden und hoffart wegen von den leuten verflucht und hirauff vom teuffel weggefuhrt und in wunderliche gespenst, als drachen, schlangen etc. verwandelt worden, von welchen unsere einfeltige voreltern furgegeben, solche verfluchte menschen köndten biß an den jüngsten tag nicht sterben, sie wurden dann von einem mann am heiligen Ostertag zu fru, da sie sich in menschlicher gestalt sehen liesen, widerumb erlöset und geehlichet. Also sagten auch unsere voreltern, das ein edle junkfrau zum Salenstein verflucht zur schlangen worden, welche ihrem erlöser oder erretter die schlussel zu einer eisern truhen im selben alten raubschloß ligendt, geben wurde. Es hat sich aber nie keiner dazu gebrauchen lassen. Fuerunt re vera spectra et illusiones diaboli, quibus credulis nostris maioribus egregie imposuit.
Anmerkungen
- ↑ Zitiert nach Rösler, Maria (Hg.): Enoch Widman, S. 79f.