Brackert, Helmut: Helmbrechts Haube

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Zitation

Brackert, Helmut: Helmbrechts Haube. In: Zeitschrift für deutsches Altertum und deutsche Literatur, 1974/1, S. 166-184

Beschreibung

Interpretation des Bildprogramms der Haube in Helmbrecht (Werner der Gärtner).

Inhalt

  • Forschungsdesiderat: Helmbrechts Haube wurde in der Forschung zwar oft thematisiert, jedoch waren die Bilder auf der Haube selten Forschungsgegenstand (S. 166).
  • Arbeitsthese: Wernher der Gärtner hat mit der Haube ein Bildprogramm konstruiert, das die Lehre der Erzählung stützt (S. 167).
    • Die Lehre des Bildprogramms:
      • Der Zusammenhang zwischen traditionellen Bildmotiven und der Erzählung:
        • Paris: Paris und Helmbrecht durchbrechen beide die gegebenen Ordnungen durch Raub (negatives Heldentum) (S. 169).
        • Karl: Karl und Paladine stellen positiven Gegenpol zu Helmbrechts Handeln dar (positives Heldentum) (S. 169).
        • Aeneas: Aeneas stellt ein positives Vorbild dar, wie sich ein Sohn gegenüber seinem Vater verhalten sollte (Gegenpol zu Helmbrechts Verhalten) (S. 169f.).
        • Rabenschlachtszene: Die Kinder der Rabenschlacht und Helmbrecht missachten den Rat der Eltern, was den Tod als Konsequenz mit sich bringt (S. 171f.).
      • Der Zusammenhang zwischen naturbezogenen Bildmotiven und der Erzählung:
        • Sittich: Wird mit auffallenden Federn, andersartigem Singen, Verbindung zu Wein sowie Ausfallen aus dem Raster der typischen Vögel beschrieben (S. 173). Diese Beschreibungen spiegeln die negativen Eigenschaften des jungen Helmbrechts, wie Verstoß der Kleiderordnung, fremdsprachliche Begrüßungsformeln, übermäßigen Weinkonsum, Wunsch nach Standesübertritt, wider (S. 173).
        • Sperber: Wird als neidisch, vermessen, verschmäht und mordend beschrieben. Der Sperber ist ebenfalls ein Spiegel negativer Eigenschaften des jungen Helmbrechts (Plünderung, sehnt sich nach dem Adel, "handelt wie ein böser Mensch" und ist arrogant) (S. 174).
        • Haubenlerche/Galander: "Vogel der Bescheidung, der vergnügt ist mit sich selbst, der sein Elend vergisst und zufrieden ist mit dem was er hat" (S. 175). Die Haubenlerche stellt somit das Gegenteil des jungen Helmbrechts und des Sperbers dar.
        • Turteltaube: "Unschuld, Reinheit, Begierdelosigkeit, [...] Friedfertigkeit und Bescheidung" (S. 174). Die Turteltaube stellt den Gegenpol sowohl zum Sittich als auch zum jungen Helmbrecht dar (S. 174).
    • Schlussfolgerungen aus den traditionellen und naturbezogenen Bildmotiven bezogen auf die Erzählung: "Die Haube antizipiert das Lehrgespräch zwischen Vater und Sohn" (S. 176). Die Motive stellen den Gegensatz zwischen Vater und Sohn dar: Der Vater fordert die Einordnung in die Natur und den gottgegebenen Lebensbereich, der Sohn möchte diese gottgegebenen Grenzen jedoch überschreiten (S. 176). Der junge Helmbrecht hätte die Option gehabt, sich für die positiv dargestellten Eigenschaften zu entscheiden (Aeneas, Karl, Galander, Turteltaube), wählt jedoch den Gegenpol (S. 176f.). Der junge Helmbrecht sieht die eigentlich negativen Exemplare für sich als positiv, weil ihm die wîsheit fehlt. Brackert verbindet diesen Zusammenhang mit "Verblendung" (S. 177).
      • Bildmotiv höfischer Tanz: Idealvorstellung eines höfischen Lebens, welche allerdings nicht mehr der Realität entspricht (Raubrittertum) (S. 178f.). Der bäuerliche Tanz genügt Helmbrecht nicht, er will am höfischen Tanz teilnehmen. "Hier ist jedoch der Punkt, wo der gemeinte Bildsinn der Haube mit der Geschichte in einen Widerspruch gerät [...]" (S. 181). Die Wertewelt, die die Grundlage der Haube darstellt, existiert nicht mehr (S. 181). Allein durch das Haubenprogramm ermöglicht es sich Wernher, den jungen Helmbrecht in ein schlechtes Licht zu rücken (S. 182).
  • Fazit:
    • "Die Haubendarstellung erweist sich somit als der so fragwürdige wie wirkungsvolle Versuch eines so konservativen wie sprachlich- und formgewandten Dichters, einer Parteilichkeit, die dem aufsteigenden Bauernsohn die Schuld am Untergang der alten Rechtlichkeit und am Niedergang des Rittertums zuschreibt, mit den durch eine lange Tradition als wâr sanktionierten Mitteln eines wârheit sichernden Modells Gewähr zu geben" (S. 183).
    • "Doch die Widersprüche waren so nicht zu überdecken; Widersprüche, die ja nicht dadurch in die Geschichte kamen, dass, anders als andere Dichter vor ihm, das traditionelle Beschreibungsmodell mit einem negativen Helden verband, sondern dass ihm nicht mehr gelang, nicht gelingen konnte, diesen Helden so negativ zu zeichnen, wie es im Interesse seiner lêre notwendig gewesen wäre. [...] Nicht zuletzt scheint mir die Qualität dieses Werkes darauf zu beruhen, dass Wernher die Widersprüche nicht seiner lêre zuliebe einebnete und so, wenn auch wider Willen, noch das Recht dessen zur Geltung kommen ließ, dessen Anspruch er so leidenschaftlich bekämpfte" (S. 183).