Der Frau Venus neue Ordnung (B356a und B356b)

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Der Frau Venus neue Ordnung (B356a und B356b)

AutorIn Anon.
Entstehungszeit Überlieferung ab erste Hälfte 15. Jhd.
Entstehungsort
AuftraggeberIn
Überlieferung Vulgatafassung A:
Freiburg, Universitätsbibliothek: 362, 1ra-2ra
London, British Library: Add. 10010, 190v-193v
London, British Library: Add. 24946, 125r-128r

Eigenständige Fassungen A:

Berlin, Staatsbibliothek: Mgf. 488, 271v-270r
Nürnberg, Germanisches Nationalmuseum: Hs. Merkel 2° 966, 112r-112v

Teilüberlieferung A:

Heidelberg, Universitätsbibliothek: Cpg 313, 396v-398r

Fassung B:

München, Bayerische Staatsbibliothek: Cgm 439, 54v-63r
Ausgaben
Übersetzungen
Forschung Klingner, Jacob: Der Frau Venus neue Ordnung; Klingner, Jacob/Lieb, Ludger: Handbuch Minnereden, S. 557-560

Inhalt B356a

A Prolog (1–18)

Der Sprecher beginnt mit einem Bescheidenheitstopos: Statt große Kunst zu betreiben, wolle er nur schildern, was Gott und die Natur hervorbringen. Besonders der Mai zwinge alles Lebendige – Menschen wie Tiere – zur Entfaltung von Schönheit und Regsamkeit.

B Erzählung (19–105)

Ein Spaziergang führt die Prologgedanken fort: Vom Mai bewegt, wandert der sorgenvoll gestimmte Sprecher in einen Wald zu einer Quelle. Am Waldrand begegnet er zwei Damen zu Pferd, die dasselbe Ziel haben. Er reitet hinter einer von ihnen mit und hilft ihnen an der Quelle beim Absteigen. Die Damen singen dort ein Lied über die neue Minne, kunstvoll mehrstimmig. Auch er soll singen oder erzählen, doch ihm fehlt ein geeigneter Stoff. Die Damen fragen, ob er der alten oder der neuen Minne anhänge. Da er den Unterschied nicht kennt, überreichen sie ihm einen Brief von Frau Venus.

C Brief von Frau Venus (106–174)

Der Brief verkündet eine neue Ordnung: Frauen und Männer dürfen künftig drei Geliebte haben, um die Last der Minne zu erleichtern. Jede Geliebte solle glauben, sie sei die einzige; zugleich müsse man dulden, dass die Geliebte ebenso verfahre. Man solle einander nicht verfolgen oder kontrollieren. Ausgenommen von dieser Ordnung seien junge Knaben, aufdringliche Männer und Frauen, die sich nicht höfisch verhalten. Der Brief endet mit parodierten juristischen Formeln und einer scherzhaften Datumsangabe.

D Fortsetzung von B (175–212)

Die Damen erkundigen sich, wie dem Sprecher dieser neue Orden gefalle. Er erklärt, dass schon die Treue zu einer einzigen Dame schwer genug sei; drei solcher Bindungen wären für ihn unerträglich. Die Damen verabschieden sich mit der Mahnung, von beständiger Einzelliebe abzulassen, da sie nur tägliche Qual bringe.

(Ausführliche Inhaltszusammenfassung bei Klingner, Jacob/Lieb, Ludger: Handbuch Minnereden, S. 558f.)

Inhalt B356b

A Prolog (1–18)

Der Prolog entspricht der bekannten Fassung, erweitert um die Überlegung, dass der Mensch mit seiner Vorstellungskraft das Wesen der Dinge betrachtet und je nach Fähigkeit handelt – sei es durch Singen, Erzählen oder Lesen.

B und C wie B356a

Die Handlung bis zum Ende des Venusbriefs folgt der Parallelfassung: Spaziergang im Mai, Begegnung mit zwei Damen, gemeinsamer Ritt zur Quelle, Vortrag des Liedes von der neuen Minne, Übergabe des Briefs von Frau Venus mit der Ankündigung einer neuen Liebesordnung, die mehreren Geliebten Raum gibt und mit parodierten Rechts- und Datumsformeln schließt.

D Reaktion des Sprechers

Auf die Frage, wie ihm die neue Ordnung gefalle, bittet der Sprecher um Bedenkzeit und genauere Belehrung. Die Damen verspotten ihn und bedauern, dass er an der alten Minne festhalte und sich damit freiwillig ins Liebesleid begebe. Der Abschied fällt knapp aus; das Fortreiten der Damen wird nicht erwähnt.

E Fortsetzungsgeschichte (213–248)

Eine junge Dame erscheint als Botin von Frau Staete. Sie berichtet, dass Frau Staete den Venusbrief gelesen und sich darüber empört habe. Venus habe daraufhin einen zweiten Brief ausgesandt, der den ersten widerrufe. Auch Frau Staete habe einen eigenen Brief verfasst, den die Botin nun vorträgt.

F Brief von Frau Staete (249–335)

Der Brief beginnt mit Gruß und Anlassdarstellung, fasst den Venusbrief zusammen und zitiert daraus. Die Gegenrede bekräftigt, dass wahre Liebe ausschließlich in der treuen Bindung zweier Menschen bestehe. Gegen Ende verurteilt Frau Staete Venus und alle, die Bosheit für Ehre halten, und bittet Gott, die Frauen vor solchen Einflüssen zu schützen.

G Ende (336–339)

Der Sprecher beschließt den Text mit einem kurzen Dank und verabschiedet sich.

(Ausführliche Inhaltszusammenfassung bei Klingner, Jacob/Lieb, Ludger: Handbuch Minnereden, S. 559f.)