Die sieben Tugenden der Minne (Willem van Hildegaersberch) (B308)
|
Die sieben Tugenden der Minne (B308) | |
|---|---|
| AutorIn | Willem van Hildegaersberch |
| Entstehungszeit | 1383-1408 |
| Entstehungsort | |
| AuftraggeberIn | |
| Überlieferung | Brüssel, KBR: 15659-61, 17vb-19ra Den Haag, Koninklijke Bibliotheek: Cod. 129 E 6, 40rb-41va |
| Ausgaben | |
| Übersetzungen | |
| Forschung | Klingner, Jacob/Lieb, Ludger: Handbuch Minnereden, S. 481f. |
Inhalt
A Prolog (1–38)
Der Sprecher eröffnet mit einer Zeitklage: Früher habe man Ehre gesucht und die Dichtkunst geschätzt, heute aber störe die Wahrheit. Er kündigt an, über die Liebe zu sprechen, zu der jeder Mensch von Natur aus neige. Der Begriff „Minne“ stamme von Gott, denn Gott sei die höchste Form der Liebe. Wer sich jedoch an weltliche Dinge klammere, entferne sich von Gott und liebe wie ein Tor, der Unkraut unter das Korn mischt. Wahre Minne erkenne man daran, dass sie Tugenden hervorbringe und den Menschen veredle. Sie fördere gute Worte und Werke und könne mit ihren sieben Stufen unhöfisches Verhalten überwinden und auf den Weg der Ehre führen.
B Die sieben Grade der Minne (39–200)
Die sieben Stufen der Minne stehen jeweils einer traditionellen Todsünde gegenüber und bilden ein Tugendprogramm:
- Scham – Gegen die Unkeuschheit: Minne beginnt mit Schamgefühl und dem Verzicht auf alles Unehrenhafte.
- Freigebigkeit – Gegen die Habgier: Großzügigkeit lässt die Minne wachsen; ohne sie bleibt Liebe wirkungslos.
- Höfische Rede – Gegen Zorn und verletzende Sprache: Ein reiner, höfischer Ausdruck bringt Ehre und meidet Lüge, Betrug und Verleumdung.
- Reine Gedanken – Gegen Neid: Minne vertreibt Hass und Neid und führt zu innerer Klarheit.
- Maßvolle Sinnlichkeit – Gegen Völlerei: Die Sinne sollen gezügelt werden, damit Völlerei nicht Körper und Seele schädigt.
- Gute Werke – Gegen Trägheit: Wer liebt, handelt ohne Rücksicht auf Mühe oder Kosten; Untätigkeit macht unbeliebt.
- Demut – Gegen Hochmut: Demut ist das Fundament aller Tugenden. Hochmut kennt kein Maß; Demut hingegen macht den Menschen gut, schamhaft, höfisch und freigebig.
- An diese Stufe schließt eine Schelte der Neider und Kläffer an: Sie zerstören sich selbst durch ihr ständiges Nagen und sollen in ihrem eigenen Leid gelassen werden.
C Schluss (201–222)
Die sieben Tugenden der Minne seien auch Gott wohlgefällig. Liebe, die mit Betrug verbunden ist, gleiche einem weißen Kleid, das durch Schlamm befleckt wird. Wer sich in der Minne schlecht verhält, sei ein „Bastard der Liebe“. Minne selbst bleibe jedoch rein wie eine Quelle, die sich von allein klärt. Sie sei ihrem Wesen nach edel, und selig seien jene, die vor allem Gott lieben.
(Ausführliche Inhaltszusammenfassung bei Klingner, Jacob/Lieb, Ludger: Handbuch Minnereden, S. 481f.)