Geselschafft der Jacobsbruder und Corinther (Enoch Widman)

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Geselschafft der Jacobsbruder und Corinther

AutorIn Enoch Widman
Entstehungszeit 1596
Entstehungsort Hof
AuftraggeberIn
Überlieferung Vgl. Chronik der Stadt Hof (Enoch Widman)
Ausgaben Vgl. Chronik der Stadt Hof (Enoch Widman)
Übersetzungen
Forschung

Text

[1] Zu dieser zeit ist die ehrliche geselschafft der Jacobsbruder allhie entstanden, da ettliche erbare burger an sonn- und feiertagen zu gewisen zeiten nach vollendter vesper zusammenkommen, sich mit einem lieblichen gesprech, kurtzweiligen spiel und einer eingezogenen malzeit mit esssen und trincken geburlich ergetzet und erlustigt haben, deren ein ider eine silbere jacobsmuschel am ermel getragen und sich daher die frölichen jacobsbruder genennet zu unterschid der jacobsbruder im babstumb, die das elendt bauen,[2] in Spanien gen Compostell zu S. Jacob in grosser muhseligkeit wallen und doch nichts anders außrichten, dann daß sie vergebene unkosten machen, ihr haußhalten, handtirung und gewerb versaumen, müde bein und ein versehrtes gewissen, mit allerlei aberglauben befleckt, zu haus bringen. Es war auch noch ein andere geselschafft ehrlicher burger, die da nur zu einem trunck zu gewisen tagen zusammengingen, die nenneten sich die Corinther. Dann vor alters, do die leut ettwas einfeltiger und daneben erbarer und auffrichtiger waren, da auch einer dem andern wol trauen dorffte und keiner sich vor dem andern falsches besorgete, kamen gute nachtbarn und freundt viel zusammen, hetten ihre nutze und liebliche gesprech, theten einen christlichen mesigen trunck nicht allein die [S. 365] feiertag, sondern auch manchmal an werckeltagen, wann ettwan ein guter freundt bier schenkete, da versamleten sich ettliche, hetten ihre kurtzweil im bretspiel, mit der karten, mit einem zanckeisen, welches mit ettlichen ringlein kunstlich zusammengesetzt war, das löseten sie auff, legtens wider zusammen und gabs einer dem andern, wetteten umb ein mas bier (die zu unserer eitern Zeiten 2 1/2 d oder 5 heller galte) welcher mit seinem zanckeisen ehe fertig wurde und vertrieben also dieweil. Welcher unter ihnen die nachtmalzeit erwartete, den kostets mehr nicht alß 1 gr, mit welchem einer einen gantzen nachmittag zehren köndte. Da suff man aber nicht zu gantzen und halben wie heutigs tags, sondern es wurde alles mesig und bescheidentlich angeordnet und verrichtet. Manchmal kamen auch gute nachbarn nur vor ihren heussern uff den abendt zusammen, sassen beisammen und zecheten frölich und vertraulich miteinander.[3] Und weil die liebe einigkeit, frömbkeit und auffrichtigkeit damals gros war, da gab auch Gott der burgerschafft seinen reichen segen, da ward nicht so viel haß, neid, widerwillen, zanck, hader, schlägerei und allerlei böse hendel, damit man zu unsern zeiten teglich alle hende voll zu thun hat, also das auch wol bei den stattlichsten malzeiten uneinigkeit entstehet und man von den bösen Worten endtlich zu den schlägen gedeiet. Und ist zwar nicht wunder, dann in vorjaren liesen sich gute herren und freundt mit einem gerichtlein oder zweien benugen und truncken ettliche wenig mas bier dazu aus und blieben dabei bescheiden. Itzt aber mus es alles verschlemmet und verdemmet sein, da man alles nach adelichen und furstlichen sitten machet, uff einmal nicht allein 8, 10, 12, 15,[4] sonder auch wol ettlich und zwanzig gericht aufftregt, den getranck, wein und bier, in grossen gläsern und andern gefessen in sich mit hauffen schutet, uffs herren gesundheit trincket und den leib also erschwemmet, daß man weder gehen noch stehen kan. Da bricht alßdann heraus, was zuvorn im herzen verborgen lag, alles will man bei dem trunck außtragen und schlichten, alles endten und efern, davon man sonst nuchtern nicht muchzen darff und daher kömbt dann der unwill, schendten, lestern, schlagen, rauffen etc. alß ein billige straff, des grossen uberfluß, da manchem von seinem eigenen gast ein bös tranckgelt gegeben wirdt.

Und ist leider mit den gastereien und stattlichen pancketen zu unsern zeiten dahin kommen, daß es der burger dem edelman und fursten nachthun will, wie dann die burgerschafft vor wenig jaren vom haubtman Wallenröder (welcher alß ein stadtlicher vom adel seinem standt nach stattlich [S. 366] speisete) gelernet hat, viel gericht und trachten uff eine malzeit anzurichten, also das man auch uff 30 und darüber kömbt, dadurch dann bei gemeiner stadt (darinnen vor der zeit an victualien ein reicher überfluß gewesen) ein grosser mangel itziger zeit entstehet, da man an fleisch, vischen und andern fast nichts mehr zur notturft haben mag und wenig mehr zu feilem marck getragen wird, weil es von den calasirern und schlampampern alles uff dem land aufgeschnappet und ofltmals uff einen abendt soviel in einer malzeit verspeiset wird, das man zur not 20 oder mehr tisch davon enthalten möchte.

Anno 1473, alß hertzog Carol von Burgundt umb das römische königreich bulete, ist er gen Trier zu keiser Friderico III. mit grossem pracht geritten, hat denselben zu tisch geladen und ihme 35 essen furtragen lassen, welches damalß für einen solchen uberfluß geachtet worden, das mans auch alß ein gedenckwirdige pomp in den historien uffgezeichnet hat. Was ist aber das zu rechnen gegen ettlichen vom adel und prechtigen bürgern zu unserer zeit? Sintemal derselben einstheils gedachtem hertzog Caroln von Burgund (der doch den mechtigen keiser Friderich uff ein sonderliche ungewöhnliche art mit 35 gerichten verehren wolte) weit vorgehen, daß ich itzt höherer potentaten geschweig. Aber hivon genug. Komb derwegen widerumb zu der historien des 48 jars.

Anmerkungen

  1. Zitiert nach Rösler, Maria (Hg.): Enoch Widman, S. 364-366. Marginalie: "Geselschafft der Jacobsbruder und Corinther".
  2. Marginalie: "Der alten Höfer kurtzweil".
  3. Marginalie: "De honesta societate convivii musici vide infra anno 1586".
  4. Marginalie: "Neue manier".