Orgelbetrug (Enoch Widman)

Aus Brevitas Wiki
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Orgelbetrug

AutorIn Enoch Widman
Entstehungszeit 1596
Entstehungsort Hof
AuftraggeberIn
Überlieferung Vgl. Chronik der Stadt Hof (Enoch Widman)
Ausgaben Vgl. Chronik der Stadt Hof (Enoch Widman)
Übersetzungen
Forschung

Text

[1] Den 27. maii hat burgermeister und rath sich mit meister Gabriel Raphael Rottenstein, einem alten orgelmacher aus der stadt Bolßwart zu Westphriesen, uff emsiges anhalten und mechtiger commendation des herren superintendentis, wegen des alten wercks der orgel in S. Michellßkirchen nachfolgenden bedings verglichen: Erstlich soll er berurt alt werck mit seinen stimmwercken alß 1. getheilt principal, 2. zimbel baß zum pedal, 3. zimbeln zum manual, 4. flöten, 5. mixtur, 6. regal und im ruckpositif 1. die posaunen, 2. klein regal, 3. kleine zimbeln beneben dem stern, vogelgesang und tremulanten, alles zum bestand renoviren, das kein mangel daran erscheine; und weiln es itzt zu hoch gestellet und durch Nicolaum Monsamener, weiland organisten allhie, anno 1575 der grösesten pfeifen in baß beraubt, auch die ubrigen pfeiffen alle miteinander abgeschnitten und also das werck zur ungebeur erhöhet oder frisch gemachet. [S. 526] worden (wie er davon geredet) soll er solches uff chorrecht stimmen oder ein secundam nidriger stellen, zum andern soll er 9 neue stimmwerck, alß 1. grose quintadenen, 2. Spitz- oder flachflöten, 3. gemsenhörner, 4. sufflöten, 5. rauschflöten, 6. kleine quintadenen, 7. schweitzer pfeiffen, 8. principal octaf und zum 9. ein grob gedackt, alles uffs vleissigst und bestendigst fertigen. Dazu ihme anderthalb centner zien, die cost, wohnung und lager im spital, dann auch an gelt 175 fl versprochen, auch sein werckzeug von Prix in Behem mit einem karren, anhero sambt allen andere zugehörigen sachen, geschaffet worden.

Hie merck, das gedachter meister bald im anfang dieses gedings einen erbarn, wolweisen rath betrogen. Dann da er sich erboten, er wolle neun neue vollstendige und unterschidliche stimmwerck in ein besondere neue laden machen und gedachter erbarer rath das folgende jhar nachfrag und inquisition gehalten, ob dieselben 9 stimmwerck verfertiget, hat der alte gesell nicht alle in von der principalen octaf (ungeacht alles uff dem bürgerlichen rathhaus in gegenwarts eines erbarn, wolweisen raths praesente quoque domino superintendente, magistro Enoch Widmanno, magistro Theodoro Grammano etc. organicine deutlich benamet und beschrieben worden) alß dem besten stimmwerck nichts wissen wollen, sondern man hat auch von ihme erfahren, das schweitzer pfeifen kein sonderlichs und von andern unterschidenes register, sondern von quintadenen und graben gedachten ein zusammengezogenes stimmwerck sein, daß also nur 8 unterschidliche register bleiben.

Wiewol man aber nach dem Sprichwort: piscator ictus sapit, mit dem alten betrogenen mann hette zufriden sein und ihn billich noch im anfang, do man den betrug gemerket, renovirn sollen, hat er doch ettliche fautores und astipulatores gefunden, welche gerathen, weil es mit dem flickwerk nichts und altes und neues keinen bestandt haben wurde, man solte ihme gar ein span neues werck von 30 registern andingen und unter die hende zu machen geben. Darauff man bald das nechstfolgende jahr zugefahren, das alte corpus sambt den pfeiffen und dem orgelstul (wie derselbe anno 1566 verfertiget) und das gantze alte gebeude, auch die balgkammer abzutragen und das holtzwerck gar in einen neuen form, wie itzt vor augen, zu bringen, damit die orgel nicht mehr, wie zuvorn, an der wandt angehefftet, sondern uberal frei stunde, desto bas zu derselben zu kommen. Ist also das gebeude ettwas bas heraus über die bede pfeiler, darein es zuvor geschlossen gewesen, gerucket worden. Da dann solch holtzwerk, dazu 3 ß [S. 527] fahrene bretter und 1 ß bollen gewendet sindt, von Hansen und Enders Beyern, gebrudern, bei anderthalb jharen zum bestandt verfertigt und von Christoff Wulffert, malern allhie, mit farben angestrichen, einen ehrenvhesten rath über 300 fl gestanden hat.

Wie aber die angedingeten stimmwerk von dem alten hudler verderbet und wie schendlich er die herren betrogen, wird drunten bei dem 1604. jhar mit wenig worten beruret werden und hette man anfangs einen verstendigen und berumbten meister, der seiner kunst richtig gebrauchet und diesem alten landlauffer ein solch werck nicht vertrauet, wurden uffs wenigst 1000 fl ersparet worden sein. Doch kommen gute gedancken hinten nach, wanns nun versehen ist.

Nota
Ehe und dann mehrgedachtes orgelwerck zum ende gebracht, ist indessen ausser unserm gnedigsten herren und dem herrn haubtman, der halbe rath hinweg gestorben, weil man soviel jhar damit zugebracht und anno 1607 dasselbe allererst vollendet worden.

Anmerkungen

  1. Zitiert nach Rösler, Maria (Hg.): Enoch Widman, S. 525-527. Marginalie: "Orgel".