Pestilenz grassirt (Enoch Widman)

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Pestilenz grassirt

AutorIn Enoch Widman
Entstehungszeit 1596
Entstehungsort Hof
AuftraggeberIn
Überlieferung Vgl. Chronik der Stadt Hof (Enoch Widman)
Ausgaben Vgl. Chronik der Stadt Hof (Enoch Widman)
Übersetzungen
Forschung

Text

[1] Demnach auch in diesem jhar[2] an viel und manchen orten und fast uberal in Deudschland und anderßwo, in städten, märkten und dörffern die grausame plag der pestilentz hin und her grossen schaden gethun, greulich rumort und unzehlich viel personen, jung und alt, weggeraffet. Ist durch Gottes gerechten zorn und wegen unser vielfeltigen sunden verhengnus der straffen solche abscheuliche und erschröckliche seuch zu endt des julii durch Peter Vieter, einen tuchknappen (dessen eitern hiebevorn draussen in der Vorstad gewohnet) aus der stad Meissen, allda es gleichsfalls sehr gestorben, hieher zu uns gebracht, mit welchem, weil er gelt gehabt, unbedechtige leut eingehalten, mit ihme gemessen und getruncken, ihme auch aus lauter unbesonnenheit und mutwilligem beginnen und daß man [S. 623] einem strohalm nachgehen wollen, vergiffte kleider abgekaufft, von dannen solches gifft die heusser, so ausserhalb der Untern Steinern Brucken gelegen, eingenommen und endtlichen herein in die stad und fast alle derselben gassen, auch zuletzt in die alten stad getriben worden, welches sonsten, wo man bescheidentlich und fursichtig handeln und zu förderst der obrigkeit gebot in acht nehmen wollen, natürlicher weis davon zu reden, wol verbleiben können. Es hat aber die pest sich biß zum advent oder anfang des decembris (allda sich kaltes wetter gefunden) erstrecket und bei 267 personen, jung und alt zusammengerechnet, hinweggerissen und wir haben Gott dem Allmechtigen, der mitten in der straf seine gnad und barmhertzigkeit eingewendet, noch wol dafür zu dancken, daß das mutwilliger weiß verursachte ungluck so gnedig abgangen und nicht grossem schaden gethun.

Sonsten wurden die leut, sontags und in den wochen predigten, zu rechtschaffener wahrer bus treulich vermanet mit andeutung, woher diese und andere strafen Gottes herrureten und warumb der Allmechtige und diese über ein gantze gemein und lande verhengete. Nemlich wegen Verachtung göttliches worts und der heiligen sacrament, und das in den dreien hauptständen, christlichen, weltlichen und hauß regiment vielfeltige schwere sunden und Ungerechtigkeit in verlassung des ambts und der christlichen brüderlichen lieb begangen wurden.[3] Man erklerte auch die bußpsalm, gebrauchete andechtige gebet für abwendung der greulichen seuch, die leut gingen heuffig zum heiligen sacrament des alters, also daß den 1. septembris dominica 15. Trinitatis 437, am 16. sontag 403, am 17. 232, dominica 18. 203 und so fortan zum tisch des herren gingen,[4] die mitwochen, da man auch das heilig[e] abendtmal reichete außgenommen und musten wegen der meng der communicanten zwene kirchendiener den leib und zwene das blut Christi nebeneinanderstehend aus unterschidlichen patenen und kelchen administrirn,[5] unter denen der herr superintendens und spitalpfarrerr sich gebrauchen liessen.

Dargegen war die zaal der schuler sehr gering und klein, da die frembden mehrerstheilß heim zu ihren eltern oder freunden zogen, auch die burger ihre kinder zu haus behilfen, daß offtmaln in allen classibus über 15 knaben, alle zusammengerechnet, nicht vorhanden gewesen, welche man doch nicht in der schulen mussig sitzen lassen.[6] Sonder sowol in den inferioribus alß superioribus classibus gewiese exercitia mit ihnen fur[S. 624]gehabt, die dann die burgerßkinder wol besuchen können, wann nicht ettliche fast ein vergebene furcht, andere aber eigner mutwill und lieb zum faulentzen abgehalten. Musten dowegen die herren geistlichen auch hirinnen das ihre mit vermahnen thun, sonderlich aber, da die gefahr furuber, daß die burgerschafft ihre kinder und paedagogos wiederumb zur schulen schicken wolten, damit der mangel, so ein geraume zeit der schulen halben furgefallen, ettlicher massen ersetzet wurde.

Anmerkungen

  1. Zitiert nach Rösler, Maria (Hg.): Enoch Widman, S. 622-624. Überschrift: "Pestilenz grassirt".
  2. 1611.
  3. : Marginalie: "Communicanten grosse anzaal".
  4. Marginalie: "Meng der communicanten".
  5. Marginalie: "Nota bene Drei I impietas alß maior, in iustitia alß minor proposito, diese beede praemissae in syllogismo machen und geben endtlich ein gar böse conclusion in inferno".
  6. Marginalie: "Caetus scholasticus wird dissipirt".