Tamerlanes ein geissel Gottes (Enoch Widman)
|
Tamerlanes ein geissel Gottes | |
|---|---|
| AutorIn | Enoch Widman |
| Entstehungszeit | 1596 |
| Entstehungsort | Hof |
| AuftraggeberIn | |
| Überlieferung | Vgl. Chronik der Stadt Hof (Enoch Widman) |
| Ausgaben | Vgl. Chronik der Stadt Hof (Enoch Widman) |
| Übersetzungen | |
| Forschung | |
Text
[1] Anno 1397 kam Tamerlanes, ein Scythier aus schlechtem stamm geborn, in ein solch hohes ansehen von wegen des vielfeltigen glucks und siegs, so er gegen allen seinen feinden hette, daß er ein könig der Parther und Tarter ward, und schlug sich ein solcher anhang und volk in Europa und Asia zu ihme, daß er uff den notfall 1200000 man im feld haben mochte, er bestrit viel und mancherlei volker, viel land und leut, die Scythier, Albanos, Moscowiter, Perser, Medier, Mesopotamier, Armenier etc. Wo er anklopffet, da ging es auff. Wolt es nicht, so must es. Er zog mit 600000 zu fus und mit 40000 pferden durch Kleiner Asiam, er schlug dem türkischen keiser Baiazethi wol 200000 man und fing Bajazethem selbs[t], fuhrete ihn auch mit guldenen ketten gebunden zu einem schrecken und wunder in einem eisern Vogelhaus mit triumph uff einem wagen durch gantz Asiam gefangen umbher, geschehen im bemel- ten 1397. jhar. Und muste also Bajazethes bussen, was er zwei jar zuvor an Sigismundo, könig in Ungarn, gesundiget, indem er Sigismundum sampt seinem volk bei Nicopoli am abend Michaelis erlegt hatte.
Es hilt aber Tamerlanes in seinem heer gute justitien und schlug allweg sein [S. 152] heerlager mit seinen zelten so ordentlich mit unterschidenen gassen auff wie eine zirliche stad, darinnen alles, was man sonst in einer stad finden und wünschen mochte, feil und redlich bezalet ward, ein ides gewerb und handel ward an seinem sondern unterschidenen ort anzutreffen und hette weder mord noch raub kein stat. Er streckete auch seinen arm in Egypten und gewan in kurtz das mechtige landt und fing ihren könig oder soldan. Wann er sich für ein stad legete, so schlug er den ersten tag ein weiß zeit auf, damit bedeutent gnad und gütige annehmung; den andern tag ein rotes zeit, blut damit andeutent, daß er sie ungestrafft und ohne blutvergissen nicht annehmen wolte; den dritten tag schlug er ein schwartz zelt auff, damit dräuet er Verwüstung der stad, das dieselbe in die aschen gelegt und alles tod bleiben sollte, und alßdann halff kein abbiten mehr. Alß nun eine stad den ersten tag innen hilt und sich nicht ergab und doch seinem gewalt nicht widerstehen kundte, sondern am andern tag weib und kindt in eitel weis sampt der stad schlussel zu ihme schickete, must dieselbe auch blut geben, dann er zerträte weib und kindt mit seinem reisigen zeug und nam hernach die manspersonen beneben der stad zu gnaden an. Da ihn aber einer seiner geheimsten fragete, warumb er wider sein gewonheit an den armen weibern und unschuldigen kindern solche grausamkeit geubet hette, gab er mit Verstellung seines angesichts gantz zorniglich diese antwort: „Meinstu, ich sei ein mensch? Weistu nicht, daß ich Gottes zorn bin, dem niemand entrinnen kan? Ich bin ein geissel Gottes und Verwüstung uff erd, die tyrannen und ungerechten zu straffen. Hütte dich, komme mir mit solcher frag nimmer!“ Endlich starb dieser treffliche furst und sighafte held anno 1402.
Anmerkungen
- ↑ Zitiert nach Rösler, Maria (Hg.): Enoch Widman, S. 151f. Marginalie: "Tamerlanes ein geissel Gottes".