Von dem Ritter und dem Pfaffen (Heinzelin von Konstanz) (B415)

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Von dem Ritter und dem Pfaffen (B415)

AutorIn Heinzelin von Konstanz
Entstehungszeit 1320-1340
Entstehungsort
AuftraggeberIn
Überlieferung München, Universitätsbibliothek: 2° Cod. ms. 731, 273v-276v
Ausgaben
Übersetzungen
Forschung Jahn, Bruno: Heinzelin von Konstanz; Klingner, Jacob/Lieb, Ludger: Handbuch Minnereden, S. 682-684

Inhalt

A Natureingang (1–39)

Der Sprecher eröffnet ungewöhnlich mit einer eindringlichen Winterbeschreibung: Die rasch sinkende Sonne kann den Reif nicht mehr vertreiben, Früchte verderben, Wiesen und Blumen verlieren ihre Farbe, die Vögel finden keinen Schutz und der Schnee verweht ihre früheren Sitzplätze. Hätten sie ihr Leid geahnt, hätten sie nicht gesungen. Wald, Anger und Feld wirken trostlos.

B Spaziergangseinleitung (40–84)

Nach einer kurzen Anrede an das Publikum kündigt der Sprecher die Erzählung eines ungewöhnlichen Kampfes an und setzt die Winterklage fort, nun mit Blick auf die Menschen: allgemeine Niedergeschlagenheit, leere Wege, Rückzug ins Haus, verschneite Landschaften, gefrorene Felder. In dieser düsteren Stimmung gelangt er nachts zu einem Haus mit einem verborgenen Seitenfenster. Dort sieht er zwei außergewöhnlich schöne junge Damen, deren Anblick er als strahlenden Gegensatz zum Winter empfindet, fast wie ein Blick ins Paradies. Er bleibt verborgen und lauscht ihrem Gespräch.

C Gespräch der Damen (85–367)

Die erste Dame fragt, wo eine Frau ihre Liebe am besten leben könne und wo wahre Minne zu finden sei, denn der Liebesstand erscheine ihr voller Kummer. Die zweite Dame erklärt, sie habe vorgesorgt und einen Ritter gewählt, weshalb sie glücklich sei und alle Ritter lobe. Die erste widerspricht und betont, auch andere Männer, etwa Knechte, könnten ebenso tapfer sein; ein kluger Priester stehe einem Ritter in Ehre und Haltung nicht nach. Entscheidend seien Erziehung, Tugend und Treue. Die zweite Dame verteidigt die Ritter mit ihrem Einsatz im Kampf und im Dienst der Frauen; ihr eigener Ritter riskiere Leben und Besitz aus Liebe. Die erste Dame hält dies für Selbsttäuschung: Ritter handelten aus Pflicht, nicht aus Liebe, und schmückten ihre Taten nur nachträglich mit Frauendienst. Ritter und Priester seien grundsätzlich gleichwertig; ein Priester verliere seinen Adel nicht durch seinen Stand. Die zweite Dame betont die unterschiedliche Lebensweise: Ritter zögen weit umher und seien deshalb begehrter; Frau Minne habe ihnen eine besondere Nähe zu ihrem Dienst verliehen. Die erste Dame widerspricht erneut: Wahre Minne brauche Ruhe, nicht rastloses Umherziehen; wer viel reise, verliere die Fähigkeit zu beständiger Liebe. Ein Mann könne nur eine einzige Frau wahrhaft lieben. Unbeständigkeit bringe nur Schaden, und die Welt urteile oft ungerecht über Menschen. Ritter hätten keinen Vorzug vor Priestern, denn beide seien Menschen aus Fleisch und Blut. Liebe brauche Nähe; ohne Begegnung erlösche sie. Die zweite Dame verweist auf unterschiedliche Neigungen und fragt spöttisch, ob die Stola das Schwert ersetzen solle. Die erste Dame klärt, sie meine nicht die Priester, die nur wegen des Geldes ihren Dienst verrichten, sondern jene, die ihrem Stand durch Würde und Verhalten entsprechen. Ebenso gebe es Ritter, deren Name der Ritterschaft schade. Schlechte Priester und schlechte Ritter ließen sich vergleichen; wer schlimmer sei, wisse niemand. Ein guter Priester aber sei einem tüchtigen Ritter gleichzustellen, beide zielten auf dieselbe Würde. Die zweite Dame beklagt, dass ihre Freundin jedes Argument verdrehe, und schlägt vor, Frau Minne solle entscheiden. Die erste Dame stimmt zu und ist überzeugt, den Streit zu gewinnen. Beide vereinbaren einen Termin für das Urteil.

D Schluss (368–388)

Der Sprecher kündigt an, auch der Entscheidung Frau Minnes heimlich beizuwohnen, vielleicht gäbe es dabei etwas zu lachen. Da die Damen ihr Gespräch beenden und sich zurückziehen, entfernt auch er sich. Der Schiedsspruch bleibt unbekannt. Der Text endet mit einem Segenswunsch für alle untadeligen Frauen und einem gemeinsamen Amen.

(Ausführliche Inhaltszusammenfassung bei Klingner, Jacob/Lieb, Ludger: Handbuch Minnereden, S. 682-684)