Von herren magistri Andreae Pangratii tödlichem abgang (Enoch Widman)

Aus Brevitas Wiki
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Von herren magistri Andreae Pangratii tödlichem abgang

AutorIn Enoch Widman
Entstehungszeit 1596
Entstehungsort Hof
AuftraggeberIn
Überlieferung Vgl. Chronik der Stadt Hof (Enoch Widman)
Ausgaben Vgl. Chronik der Stadt Hof (Enoch Widman)
Übersetzungen
Forschung

Text

[1] Anno 1576, am 10. sontag Trinitatis, den 26. augusti, hat der ehrwirdige und wolgelarte herr magister Andreas Pangratius sein letzte predig allhie gethun. Obwol er aber dieses und die vorgehenden jar den einfeltigen zuhörern, ja idermenniglichen zu gut den catechismum divi Lutheri ußlegete und nur eine kurtze summam des sontagsevangelii anfangs der predigt erzehlete, hat er doch am 9. und 10. sontag Trinitatis den catechismum anstehen lassen und ist bei dem sontagsevangelio blieben und bat am gedachten zehenden sontag Trinitatis aus dem evangelio das weinen unsers herren Christi und, welches die allergröseste, schwerste und gefehrlichste sundt sei, die solches weinen verursachet, furgenommen und von verachtung des worts Gottes alß derselben sunde weitleufftig geredet und, wie solche iderzeit hefftig von Gott sei gestraffet worden, vermeldet, nemlich die erste welt, so sich Gottes geist nicht mehr hat wollen regiren lassen, durch die sindflut, das königreich Juda und Israel, so die propheten nicht hören wollen, sondern dieselben jemmerlich getödtet haben, durch den könig von Babel, die gottlosen Juden, die den sohn Gottes und seine apostel verachtet, durch den römischen keiser Vespasianum, hernach die Morgenlender mit dem Turcken. Sagte auch ferner, weil dann itziger zeit die welt auch nicht besser, die da entweder gar aus der kirchen bleibt oder, do sie hineingehet, unter der predig schwatzet oder schläffet, oder, do die leut auffmercken, es nicht ihnen, sondern andern gesagt sein vermeinen oder aber des predigers wort zum ergsten deuten und außlegen etc., so were zu besorgen, Gottes straff über solche verechter seines worts und desselben diener wurde auch nicht aussen bleiben. Und solche klag über die verachtung des lieben worts Gottes und das leider allerlei straffen derohalben zu besorgen, hat dem herrn Pangratio, der doch sonsten ernstlich und mit einem sondern eifer und nachtruck predigte, heisse zähren uff der cantzel außgepresset, damit ettliche seiner heimlichen und offentlichen spötter sein treues wolmeinendes hertz, das er mit seinen heissen threnen [S. 428] gegen idermenniglich offenbarere, erkennen und ihre herbeinahende straff vermeiden möchten. Wie ihn dann damals ohne zweiffel in seinem hertzen auch geendtet, daß dieses sein valete oder letzt predig sein wurde und er hernach in kurtz sein leben beschlissen solte und derohalben sein cygneam cantionem desto sehnlicher wolte hören lassen.

Dann er noch dieselbe wochen, am Freitag, den 31. augusti,[2] nach Onoltzbach (dahin ein synodus der marggräfischen theologen wegen der formula concordiae sich miteinander zu besprechen uff den 3. tag septembris bestimmet war) verreiset, von dannen er nach verrichten sachen, sowol alß andere mehr nicht ohne vermutung beigebrachtes giffts kranck anheims kommen, da seine schwacheit von tag zu tag sich dermassen gemehret, daß er endtlichen den 27. septembris zu nachts zwischen 11 und 12 horen in wahrer anruffung Gottes und christlicher bekendtnus in dem herren sanfft eingeschlaffen und verschiden und am tag Michaelis in S. Michelßpfarrkirchen vor dem Hohen Altar begraben ist. Herr Johann Sahr, pfarrer zu Mönchberg, ein vleissiger, treuer lehrer und nachfolger Pangratii, hat die leichpredigt bei seinem begrebnus gethun.

Ausser herrn Pangratio sindt auch wenig tag nacheinander verschiden der pfarrer zu Onoltzbach, der pfarrer zu Kitzing und der pfarrer zu Culm[b]ach, herr Georg Thiel, wie dann im kunfftigen monat octobris keisser Maximilianus II. und pfaltzgraff Friederich churfurst, auch tödlich abgangen sindt, item Moses Pölman, pfarrer zum Berg. Es ist aber herr Pangratius im 48. jar seines alters verschiden und hat ihme selbsten albereit im jhar Christi 1569 am abendt Misericordia Domini [23. April] diese grabschrifft gemachet:

Hie ligt bei seiner herd der hirt
Und wartt, biß ihn auffwecken wirdt
Am jüngsten tag der Herr und Christ,
Der sein getreüer heilandt ist.
Schickt euch all recht, ihr mußt hernach
Und wißt doch weder stundt noch tag.
Was ihr itzt seidt, ist er gewesen,
S. 429 Und wie er ist, mußt ihr verwesen.
Drumb thut recht bus und saumbt euch nicht,
Ein harter standt ists jungst gericht.

EIUSDEM
Ex vita in mortem te sum, mea vita, seculus: Ex morte in vitam te quoque Christe sequar.[3]

Anmerkungen

  1. Zitiert nach Rösler, Maria (Hg.): Enoch Widman, S. 427-429. Überschrift: "Von herren magistri Andreae Pangratii tödlichem abgang"; Marginalie: "Magister Pangratz thut sein letzte predigt".
  2. Marginalie: "Magister Pangratz stirbt und viel furnehmer leut mit ihme".
  3. Dem Memorabile schließt sich eine lateinische Leichenrede von Laurentius Codomann an.