Walfart gen Regenspurg (Enoch Widman)

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Walfart gen Regenspurg

AutorIn Enoch Widman
Entstehungszeit 1596
Entstehungsort Hof
AuftraggeberIn
Überlieferung Vgl. Chronik der Stadt Hof (Enoch Widman)
Ausgaben Vgl. Chronik der Stadt Hof (Enoch Widman)
Übersetzungen
Forschung

Text

[1] In diesem jar ward ein kirch zu Regenspurg, die schöne Maria genant, gebauet und geweihet. Dahin ward ein solches lauffen und wallen von allen orten deudsches lands, alß weren die leut gar bezaubert, daß [S. 289] allein uff einen tag viel taussend menschen darkamen. Da liefen mann, weib, kinder, knecht, mägde, weltliche und geistliche personen, auch stracks von ihrer arbeit und beruff, und behilten uff dem weg in den henden ihre instrument und rustung, die sie daheim zu ihrer arbeit gebraucht hatten, renneten tag und nacht, auch im winter und grosser kelt. Eins hatte ein mel[k]ter, darein es melken wollen, das ander ein heügabel, eins ein rechen, ein beil, ein sichel, ein mistgabel und andere seltzame rustung. Was ein ides zu seiner arbeit bedurfftig gewesen, damit lief es nach Regenspurg. Ettliche stunden aus dem bett auff, liefen nur im hembd dahin, weil sie nicht zeit namen sich anzuzihen, also das es zu verwundern war, daß sie unterwegen nicht erfroren. Die kinder, so den weg nicht wusten, namen nur ein stuck brot zur zehrung mit, meineten, sie hetten nicht fern und kamen also wol hungerig dahin. Offt kamen uff einen tag bei 1000 menschen an diesen ort. Wer da hatte, der opfferte an gold, silber, kleinoten, wachsbildern und was ein ides vermochte. So viel messen wurden teglich daselbst gelesen, das kaum ein pfaff dem andern weichen kondte; wann einer das commun las, so kniet der ander vor dem altar mit seinem confiteor, ungeachtet daß inner- und ausserhalb der kirchen viel altär uffgerichtet waren.[2] Da wurden die krancken gesundt, auch die todten aufferwecket und geschahen grosse wunder, indeme einem iden von seiner kranckheit geholffen wardt. Die blinden wurden sehendt, die lamen und krupel liesen ihre krucken, daran sie gangen waren, in der kirchen und gingen mit springen heim. Und dieses ist fast die letzte buberei in Deudschland gewesen, die der teuffel im babsthumb angerichtet. Dann weil er wuste, daß sein wüten und toben bald ein endt nehmen solte durch die lehr des heiligen evangelii, welche doctor Luther im folgenden jar zu predigen anfing, wolte er sich zuvor zu guter, oder vielmehr böser, letzte noch einmal mitten in Deudschlandt (wie zuvor anno Christi 1457 in Engellandt und anno 1503 zu Unser Lieben Frauen im Grimmenthal auch geschehen war) sehen lassen und wirkete aus Gottes verhengnus bei der abergläubischen welt obgedachte wunder, also das es den itzigen leuten wol unglaublich sein und sie es für fabel halten dörfften, wann es nicht unsere eltern und voreltern selbsten in der that also erfahren hetten und glaubwirdige historien solches auch bezeugeten. Und diese walfart wehre[S. 290]te bei sechs jaren und drüber, schnidt sich aber immer allgemachsam ab und verlohren sich auch die zeichen und wunder widerumb, weil Gott des teuffels wüten und toben nicht lenger dulden kondte. Welches ich darumb gedencken sollen, weil diese walfarth, sowol die ander ins Grimmenthal, unsern eltern und voreltern wol bekandt gewesen und man damalß in der gantzen welt davon geschrien, gesungen und gesagt hat, auch gelerte leut viel carmina zu lob der schönen Marien angeschlagen. Dieses aber war sonderlich seltzam und verwunderlich, daß die leut, wann sie der geist zum lauffen trieb, kein rhu hatten, sie musten fort, auch zu mitternacht, wanns eines ankam, und liefen ungesegnet von den ihren, die kinder von den eltern, die weiber von den mennern, knecht und mägde aus den dinsten, und renneten so lang, biß sie an den ort kamen. Wann Gott der Allmechtig dem vermaledeiten babsthumb durch sein liebes wort nicht gewehret und gesteuret und der mönche und pfaffen tuck nicht an den tag gebracht hette, wurden sie letzlich das arme volk gantz und gar zu narren gemacht und mit sich in den abgrundt der hellen gefuhret haben. Was den anfenger und stiffter der oberzelten walfart anlangt,[3] ist derselbe gewesen Balthasar Hubmeier, ein doctor der Heiligen Schrifft, gelert und beredet, erstlich ein professor und prediger zu Unser Lieben Frauen zu Ingolstad, nachmalß gen Regenspurg kommen, daselbst hat er so gewaltig und hefftig wider die Juden gepredigt, mit anzeigung, was nachteil nicht allein aus ihrer falschen religion, sondern auch aus ihrem wucher der gantzen deudschen nation entstünde, daß dadurch ein erbar rath bewogen worden, bei keiser Maximiliano I. anzuhalten, damit die Juden vertrieben wurden. Darauff sind die Juden zu end des hornungs anno 1516 aus der stad Regenspurg, doch nicht ohne grosse muhe, getriben, ihr synagog abgebrochen und ein kirch oder capell, zur schönen Marien genant, an ihre stad gebauet und geweihet worden. Und alß ettliche dahin anfangs walleten, die kirchen besucheten und ihrer leibsschwachheit erledigt wurden und solches außkommen und hin und wider erschollen, hat sich hernach die grosse walfarth an denselben ort erhaben und mechtig überhand genommen.

Etliche halten es dafur, diese und andere walfarten seien von den pfaffen, durch Zauberei und mit hulffe des teuffelß angerichtet worden, damit, wann die leut sehr zuliefen und reichlich opfferten, ihre beutel dadurch gereichert wurde. Und solches sei uff diese weis geschehen, daß sie nemlich eines menschen hertz in einen altar mit sonderlichen zauberischen characteren, Worten und wercken beschlossen, dadurch die leut, uff ferneres angetrieb des leidigen teuffelß, gedrungen worden, zuzulauffen und also die abgötterei zu stercken. Wie dann die mönchen und pfaffen allerlei schelmerei gelernet und ihr viel aus ihrem mittel außbundige zauberer gewesen sindt.[4]

Gedachter doctor Hubmeier aber ist zuletzt in der widertauffer schwärm gerathen und von Regenspurg in Schweitz von dannen,[5] nach viel erlittener gefahr, gefengnus und außtreibung gen Niclaßburg in Mehrern kommen, daselbst die widertauff angericht, und endtlich gefangen gen Wien gefuhret und von Ferdinando, römischen könig, nach langer gefengnus zu pulver verbrannt, und sein weib ertrencket worden, sind bede uff ihrem gefaßten wahn und irrigen glauben bestendig verharret.

Anmerkungen

  1. Zitiert nach Rösler, Maria (Hg.): Enoch Widman, S. 288-291. Marginalie: "Walfart gen Regenspurg".
  2. Marginalie: "Der teulfel wirket wunderding in den kindern des unglaubens".
  3. Marginalie: "Anfenger der Regenspurgischen Walfarth".
  4. Marginalie: "Anno 1525".
  5. Marginalie: "Anno 1526".