Zwei Plagen (Enoch Widman)

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Zwei Plagen

AutorIn Enoch Widman
Entstehungszeit 1596
Entstehungsort Hof
AuftraggeberIn
Überlieferung Vgl. Chronik der Stadt Hof (Enoch Widman)
Ausgaben Vgl. Chronik der Stadt Hof (Enoch Widman)
Übersetzungen
Forschung

Text

[1] Dieses 1495. jhar, zur zeit der niderlendischen krieg, welche Maximilianus I., römischer keiser, mit den Niderlendern führet, sind zwo mechtige grosse plagen entstanden und in Deudschland kommen, nemlich die abscheuliche kranckheit der Franzosen und die landsknecht, wie solches beschreibet Sebastian Franck in Chronico Germaniae folio 272b und in seinem grossen chronico folio 252b in der historia Maximiliani I., da er dann von den landsknechten weitleuffig redet.

Ursprung der neuen kranckheit der Frantzosen

Die seuche und abscheuliche kranckheit der Franzosen haben die unfletigen, geilen und unzüchtigen Spanier aus den neu erfundenen insuln in Occident in Europam bracht, daher es anfenglich die Spanische Seuch genant worden. Von denen habens bekommen die kriegsleut, so für Neapelß gelegen. Und da die seuch je lenger je weiter eingerissen, habens unsere Deudsche, welche mit Maximiliano in Welschland und Franckreich waren, auch bekommen und mit sich in Deudschland bracht und also diesen unseligen beutpfennig, die Frantzosen genant, von dem volk der [S. 229] Franzosen, von denen sie die seuch kriegt hatten, zu haus getragen.

Hievon schreibt Gerhardus Dorneus philosophus et spagiricus celebris in „Fasciculo Paracelsicae medicinae“ also:[2] Hispani hunc foedissimum morbum ab Indis reportarunt ex commixtione cum mulierculis eius regionis, quam anthropophagi seu voratores hominum inhabitant. Illi enim homines ex horrendo humanarum carnium esu lepra quadam perpetua infestantur, quod natura maxime abhorreat a sui ipsius devoratione. Exemplo est canis ille, cui per multos dies incluso nil praeter caninas carnes obiectum fuit, quo nutrimento lepram contraxit inque deformitatem tarn execrabilem miser abiit canis, ut nemo non aspiciens abhorreret. Porro1563 ab Hispanis, qui in Neapolitana expeditione militantes malitia Gallorum hostium hauserant in vino leprosorum istorum libidinosorumque commilitonum sanguinem per phlebotomiam extractum leprae degeneravit in morbim venereum seu Galicum et per totum tercarum propagata orbem triplici succedente appellatione proprium leprae nomen amisit, ut ab Hispanorum indomita libidine in mulieres anthropophagorum dictus sit morbus Hispanicus, a Gallorum insidiis Gallicus et a loco Neapolitanus. Cum dici mercatur lepra Hispanica vel eorum maledictio est poena condigna, tortura Gallica et scortatorum Stipendium ubique locorum agentium.

Der frommen landsknecht orden entstanden

Hie ist anfangs zu wissen, das ehrliche Soldaten und kriegsleut, sie seien edel oder unedel, die da aus not, gebot und gehorsam ihrer obrigkeit zu dinst und gefallen in den krieg zihen, die Christenheit, das allgemeine vatterlandt, wittwen und waisen zu beschützen oder sonsten in der frembd ettwas redlichs zu lernen und zu versuchen und in ritterlichen thaten sich zu üben, im wenigsten getadelt werden, sintemal zu allen Zeiten der weit auch in dem volk Gottes viel grosser gewaltiger krieg gefuhret worden, dazu man dann hertzenhafftige und gute redliche leut haben müssen, sondern es werden allhie durch Sebastian Fran[c]ken allein diejenigen ange[S. 230]griffen und gestrafft, auch deren Ursprung gemeldet, die da leichtfertiger unbesonnener weis von ihren eltern, weib und kindern abtrunnig werden und sich in den krieg begeben, dieselben beschreibt gedachter Franck in seinen chroniken nachfolgender weis.

Die landsknecht, das leichtfertig volk, sind auch dazumal wegen der vielfeltigen krieg, so hin und wider im Römischen Reich schwebeten und da schir alles volk zu wenig war, entstanden, welchen nur mit ander leut ungluck wol ist. Dann sie suchen ungluck und durchstreichen ungenötet alle länder. Umb eines ungewisen monatsoldes und des anreitzigen geldes willen, so ihnen selten zu gut kombt, verlassen sie ihr vatterland, weib und kindt, vatter und mutter, wagen und opffern dem teuffel auff ihr leib und seel, ehr und gut. Dieneten auch (ungeachtet Gottes, ihrer Seligkeit und gerechtigkeit) dem teuffel selbst, wenn er ihnen gelt gebe, und solt es gleich wider ihr vatterlandt und Gottes wort sein. Und solches geschieht aus keinem zwang ihrer vorgesatzten oberkeit, sonder aus lauter frevel und mutwillen, damit sie den buben in ihrer haut (der sonsten daheime durch bürgerliche gesetz constringirt und im zaum gehalten wurde) in der frembde konnen außlassen und ihr mutlein kulen mit spielen, sauffen, huren, mussiggang, gotteslestern, garten, im land umbstreunen, wurgen, rauben, brennen, witwen und waisen betrüben und also ihr gelt verdienen. Diese gesellen machen allerlei krieg und unrhu im land und, wann es ohne sie were, blieb mancher furst und potentat ohn krieg, der sich also dieses losen gesindes tröstet und andere herschafften, land und leut zu uberkommen unterstehet. Cornelius Agrippa nennet solche leut nicht anders dann landsdieb, rauber, mordbrenner und ungestraffte todschleger, welche, wann sie am besten sindt und zu rechtmesigen kriegen helffen, so sind sie der obrigkeit hencker, nehmen aus Zulassung der obrigkeit das schwerdt, wurgen, hencken, rauben, brennen und nehmen dem feindt, waß sie ankommen, und rechen sich also an der fursten und herren feindten, von denen sie doch für ihr person niemalß beleidigt worden. Idoch sindt die diebshencker in dem fall besser, weil sie niemandt, dann wer mit recht überwunden ist, richten. Die landsknecht aber schlagen tod und wurgen mit gewalt ohne vorgehende rechtmesige erkandtnus und verdamnus, und mus zu solcher zeit mancher frommer gottsfurchtiger ehrliebender man von einem gottlosen buben umb sein leben gebracht werden. Welches dann furnemlich junge leut bedencken und sich lieber uff ehrliche handtirung und [S. 231] gewerb, dann uff solche faulenzerei und landlaufferei begeben sollen.

Vor dieser zeit hat ein ider furst und herr, uff den notfall, mit seinen eignen unterthanen und was ihme sonsten an hulff zugeschicket worden, andere bekrieget, darauff er sich dann, wann es von nöten gewesen, am sichersten zu verlassen gehabt. Dagegenuber itzt das aus allen landten von freundten und feindten zusamgelauffene gesindt selten grosse ehr einleget.1569 Wer weitern bericht hiervon begeret, mag Sebastian Francken an oben angezogenen orten und anderßwo selbsten lesen.

Kröse oder krausen an den hembden kommen auff

Zu dieser zeit sind auch die kröse oder krausen an den hembden in Deudschlandt kommen. Von den französischen landsknechten und andern Französern und verhurten buben erdacht, ihre Schäden am halß und unten an den backen damit zu bedecken, welche hernach auch andere leut deudsches landes, alß einen sonderlichen wolstandt zu tragen anfingen, doch nicht mit solcher grosser hoffart und Üppigkeit, wie itziger zeit, dann vor alters trug man nur schlechte krägen ohne einige krausen und ubermesigen pracht.

Kolben ein neuer tracht

Also geschach es auch mit den kolben, welche ungefehr bei 20 jharen nach dieser zeit auffkommen, da zuvorn iderman seine haar in geburlicher leng wachsen lies. Dann, alß die landsknecht, wann sie offt lang still ligen musten und mit ungezifer und andern abscheulichen Sachen uff den köpffen beladen waren, sonderlich in eingefallenen kranckheiten und Seuchen das haar abscheren lisen und hernach also kölbig wie die narren wider zu haus kamen, gewohnete man es auch bald an ihnen und liessen ihnen hohe und nidrige personen solche zird wolgefallen und die haar gleichsfalß alß ein grosse beschwerung des haubts (die Gott anfangs nicht recht bedacht) hinweg nehmen und wolte das faule schaff die wollen nicht lenger tragen. Es wurden aber solche gekolbte gesellen anfenglich mit spot[t] und hohn entpfangen, da man neue lider von ihnen tichtete alß: „Itzt kommen daher die kolbichten narren, die uns die häfen helffen scharren etc.“ Wurden aber kolben daher genant, daß man denjenigen, so mit dem erbgrindt belästigt waren und denen in ihren schebichten köpffen kolben wuchsen, das haar also gantz und gar abzunehmen und die kolben außzuzihen pflegte, wie dann auch die narren, doch umb einer andern ursach willen, uff diese weis beschoren wurden, damit ihnen die groben dunste außgehen und die tauben und mucken desto bas ab- und zufligen kondten. Itziger zeit wird diser tracht unter die höfligkeit gerechnet, da man die kolben uff mancherlei seltzame art und manier machen leset. Daher auch das Sprichwort entstanden: „Einem jeden narren gefellet sein kolben wol, drumb ist das land der narren vol[l].“

Anmerkungen

  1. Zitiert nach Rösler, Maria (Hg.): Enoch Widman, S. 228-232.
  2. Marginalie: "Intelligitur India occidentalis seu America anno 1492 inventa".