Zwiegespräch zwischen einem Ritter und einer Dame (B255)

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Zwiegespräch zwischen einem Ritter und einer Dame (B255)

AutorIn Anon.
Entstehungszeit Vor Anfang 14. Jhd.
Entstehungsort
AuftraggeberIn
Überlieferung Brüssel, Algemeen Rijksarchief: Fonds Aremberg Nr. 8295, 1r-1v
Den Haag, Koninklijke Bibliotheek s'Gravenhage: Cod. 74 B 10 IIc, 1r-3v
Den Haag, Koninklijke Bibliotheek s'Gravenhage: Cod. 128 E 2, 53ra-54vb
Ausgaben
Übersetzungen
Forschung Klingner, Jacob: Zwiegespräch zwischen einem Ritter und einer Dame; Klingner, Jacob/Lieb, Ludger: Handbuch Minnereden, S. 385-387

Inhalt

A Exposition

Der Sprecher eröffnet mit der Sentenz, dass jemand, der für wenig geboren sei, nie zu Reichtum gelange. Von dort aus reflektiert er über seinen eigenen niedrigen Stand und bezeichnet sich als armen, „frischen“ Knecht, der einer unerreichbaren Dame mit voller Beständigkeit dient. In mehreren Spruchweisheiten und Apostrophen an die Minne fragt er nach Dienst und Lohn und bekräftigt seine Treue.

B Begegnung mit einer Dame

Im Mai liegt er auf einer Wiese voller Blumen und Vogelgesang und „verdenkt“ sich vor Liebessehnsucht. Plötzlich erscheint eine Dame, steigt vom Pferd und setzt sich zu ihm. Sie fragt nach seinem Schweigen; er deutet seinen Kummer an, ist aber zu schüchtern für ein Geständnis. Auf ihre Frage, ob er glaube, sie würde seine „Minne‑Beichte“ verraten, erzählt er schließlich sein Leid. Sie verlangt den Namen der Geliebten, doch er verweigert ihn strikt — selbst auf Bitten der Geliebten würde er lieber sterben, als ihn preiszugeben. Obwohl sie betont, dass sie ihm so kaum raten könne, erteilt sie ihm eine höfisch‑ritterliche Tugendlehre: maßvolles Handeln, kühne Gesinnung, Verschwiegenheit, Zurückhaltung, falconhafte Haltung. Danach folgt ein Rollentausch: Nun bittet sie um Rat. Sie erzählt, sie habe sich einen „frischen“ Mann erwählt, der alle höfischen Normen erfülle und besonders gut dichte und singe. Doch beide seien so schüchtern, dass sie beim Treffen verstummten. Sie fragt, was er sich wünschen würde, wäre er ihr Geliebter. Er antwortet offen: Umarmung und Kuss. Die Dame reagiert überwältigt.

C Ohnmacht und Heilung der Dame

Die Dame fällt in Ohnmacht und bleibt über eine Stunde bewusstlos. Ein feiner Blutstreifen tritt aus ihrem Mund, und sie ruft schwach „Och hertzelief“. Der Sprecher kann das Blut nicht stillen, erinnert sich aber an Ratschläge der Minne: Er küsst sie, kühlt ihr Gesicht mit einer taufeuchten Rose und schreibt schließlich „amor vincit omnia“ auf ein Rosenblatt, das er ihr in den Mund legt. Sofort erwacht sie und berichtet, sie habe süß geträumt. Sie verheißt ihm vollen Minnelohn: Er solle alles empfangen, was lieblich begehrt werde. Abrupter Schluss: Beide trennen sich, die Rahmenhandlung wird nicht wieder aufgenommen.

(Ausführliche Inhaltszusammenfassung bei Klingner, Jacob/Lieb, Ludger: Handbuch Minnereden, S. 386f.)